Gewerberiegel Zentrale
4133 Pratteln,
Schweiz
Veröffentlicht am 27. Mai 2026
Stereo Architektur GmbH
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Sich ohne konkreten Plan eines Umbaus anzunehmen, ist für Architekturbüros eher ungewöhnlich. Stereo Architektur haben beim Gewerberiegel in Pratteln in einem langsamen Prozess zuerst das Gebäude kennengelernt und strukturell ertüchtigt und in einem zweiten Schritt minimale, sorgfältige gestalterische Zeichen gesetzt, die den künftigen Nutzer*innen der Gewerberäume zugute kommen.
Der Gewerberiegel liegt nördlich des Bahnhofs Pratteln parallel zu den Gleisen und diente mit anderen Gebäuden auf dem «Zentrale» genannten Areal bis 2017 dem Detailhändler Coop als Verteilzentrum. Zudem verfügt der Riegel – vergleichbar mit der von Esch Sintzel auf dem Lysbüchel-Areal im Norden von Basel in Wohnraum umgenutzten Lager – über ein riesiges Weinlager im Kellergeschoss (siehe hierzu: Arc Mag 2023–5, S. 87–91). Das Gebäudekonglomerat in Pratteln lässt sich mit Lysbüchel auch insofern vergleichen, als der Transformationsprozess ähnlich vonstattenging. In Pratteln war es Logis Suisse aus Zürich, die den Boden von Coop erwerben konnte, ein Immobilienunternehmen, das sich für faires und ökologisches Bauen einsetzt. An beiden Standorten wurde zuerst eine städtebauliche Studie durchgeführt. Für Pratteln schlugen Bachelard Wagner aus Basel eine nachhaltige, quartierfreundliche Nutzung vor. Im Unterschied zum Lysbüchel-Areal wurden die einzelnen Parzellen allerdings an die gemeinnützigen Bauträger verkauft und nicht im Baurechtsverfahren abgetreten.
Der Gewerberiegel Zentrale gehört zusammen mit einer weiteren Parzelle der Gewona Nord-West Genossenschaft für Wohnen und Arbeiten. Um die Gebäude bis zur Realisierung der Projekte nicht leer stehen zu lassen, wurden die Räume im Gewerberiegel durch die Denkstatt, einen Ableger von in situ, vermietet. Für das Architekturbüro Stereo, an das die Genossenschaft den Auftrag direkt vergab, war es ein Glücksfall, da es bereits sehr früh einbezogen wurde. «Das Prozesshafte stand beim Gewerberiegel im Vordergrund», so Jonathan Hermann von Stereo Architektur. «Die GEWONA übernahm mit dem Gewerberiegel nicht nur einen Bau, sondern auch die Zwischenmietenden mit ihrem angesammelten Erfahrungsschatz. So konnten wir diesen durch eine starke Involvierung vor Ort noch intensivieren.» Für Stereo bedeutete dies, dass sie das Gebäude langsam kennenlernen und in einem stetigen Dialog mit der Bauherrschaft das Architekturprojekt, basierend auf den Erkenntnissen, Schritt für Schritt weiterentwickeln konnten. «Die Einschränkungen klassischer Projektphasen wurden durch eine zweckdienliche Offenheit ersetzt», so Jonathan Hermann.
Reuse an der Fassade
Der Gewerberiegel tritt in seinem ertüchtigten und bestandserhaltenen Zustand zweiteilig in Erscheinung: als inventarisierter Kopfbau und daran anschliessender gestreckter Flügel. Doch diese Dualität spiegelt weder die ursprüngliche Bauweise noch die innere Organisation wider. Dem Kopfbau von 1906 wurden ab den 1950er-Jahren nach und nach weitere Lagerflächen und Räume hinzugebaut. Die drei Erweiterungen haben unterschiedliche Baustrukturen (Stahl-, Beton- und Pilzstützen) und sind über zwei Treppenhäuser miteinander verbunden. Da die Haustechnik und die Fluchtwege nicht den heutigen Anforderungen entsprachen, waren sie nur für Zwischennutzungen bewilligungsfähig. Aufgabe von Stereo Architektur war es, sowohl eine wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltige Lösung mit kleinem CO2-Fussabdruck zu finden als auch die Gebäudeteile zu harmonisieren, Fluchtwege und Haustechnik zu autonomisieren und das komplexe Konglomerat zu entrümpeln. «Unser Ziel war es, den Gewerberiegel fit zu machen für den nächsten Lebenszyklus», so Jonathan Hermann. Dies bedeutete auch, dass mehr Fenster eingebaut wurden, um später eventuell eine Büronutzung zu ermöglichen. Diese sind nur teilweise neu. Aluminiumfenster vom Nachbarhaus auf der Nordostseite, das ursprünglich einem Neubau weichen sollte und nun aufgrund seiner intakten Betonkonstruktion ebenfalls umgebaut wird, wurden wiederverwendet. Auch die Profilbleche für die Fassade stammen von einer Halle auf dem Areal. Jonathan Hermann nennt dies «effizienten Reuse», da die «Mine» für die Bauteile in unmittelbarer Nachbarschaft lag, die Bleche im Keller gelagert werden konnten und für sie in einem prozesshaften Vorgehen mit den entsprechenden Unternehmen adäquate architektonische Lösungen entwickelt wurden. Da in die Fassade eingegriffen wurde, lag es zudem auf der Hand, diese thermisch zu dämmen. Mit den Profilblechen wurde nicht nur Reuse auf effiziente Weise realisiert: Die starke Horizontalität mit den Fensterbändern signalisiert, dass es sich hier nicht um ein Wohngebäude, sondern um ein Gewerbe- und Bürohaus handelt.
Möglichst wenig Mehrkosten
Ein weiterer Aspekt des Reuse ist auf den ersten Blick nicht sichtbar. Wiederverwendete Bauteile sind nur dann günstiger als neue, wenn die Werkstücke nicht durch viele Hände gehen oder aufwendig umgearbeitet werden müssen. Beim Gewerberiegel bedeutete dies, die Fassade mit den Blechen so zu verkleiden, dass möglichst wenige Zuschnitte nötig waren. Daher wurde an verschiedenen Stellen mit Überlappungen gearbeitet, die aber nicht stören, sondern im Gegenteil dem Gebäude Charakter verleihen. Günstig blieb dieses Vorgehen auch, weil keine neue Beschichtung nötig war. Dies lösten die Architekt*innen – auch aus ästhetischen Gründen – indem sie die Rückseite nach vorne kehrten. «Im Originalzustand waren sie Teil einer Halle in braungelber Farbe, also ziemlich hässlich», so Jonathan Hermann. Zugleich prägt nun eine feinere Profilierung die Fassade. Auch die Reuse-Fenster werden sehr präzise verwendet. Sie kommen dort zum Einsatz, wo es keine Mehrkosten verursachte und die Öffnungen ohnehin angepasst werden mussten.
Die beiden Längsfassaden – die eine zu den Bahngleisen, die andere zur hinteren Werkgasse – sind zwar verwandt, antworten aber auf sehr verschiedenen Anforderungen: «Das Störfallrisiko entlang des Gleisfeldes schränkte die Materialwahl stark ein und die Laderampen müssen nach wie vor funktionieren. Die Ausrichtung und die Exposition bedingen einen vollständigen Sonnenschutz», präzisiert Jonathan Hermann. Auf der Rückseite entlang der Werkgasse soll die robuste Sockelfassade aus rohen Gerüstbrettern zum Weiterbauen anregen. Hier ist auch jede Fenstertüre im Parterre ein mögliches Schaufenster und das Vordach lädt zur Benutzung der Gasse ein.
Entrümpeln und ertüchtigen
Im Inneren des viergeschossigen Baus sind die drei unterschiedlichen Gebäudeteile durch die bestehenden Treppenhäuser und neu durch Fluchttüren miteinander verbunden. Teils wurden Türen versetzt, um die Brandschutzanforderungen zu erfüllen, teils um flexible Nutzung zu ermöglichen. Was die Architekt*innen jedoch überall gemacht haben, ist, die Geschossflächen so zu entrümpeln und von Altlasten zu befreien, dass grosse, nicht vordefinierte Räume entstanden sind, die von zwei Seiten viel Tageslicht erhalten. Der Rohbaucharakter wird noch dadurch verstärkt, dass vorhandene Bauteile so belassen wurden, wie sie waren, zum Beispiel Wände, die einen Plättlibelag aufweisen, oder Flickwerk an Böden und Decken. Dieses Patchwork wird auch nach einem Mieterausbau als Teil der Geschichte des Gebäudes spür- und sichtbar bleiben. Das führt zur spannenden Frage, was eigentlich schützenswert ist. Sind es die nur altehrwürdigen Baudenkmäler oder könnte es nicht auch so ein Bau sein, der zeigt, wie früher grundsätzlich nachhaltig gebaut wurde, indem Gebäude nach den neuesten Erkenntnissen der Bautechnik unprätentiös erweitert wurden, wie das hier der Fall ist?
Verschiedene Baustrukturen
Während der Kopfbau von 1906 sich als sehr stabil erwies und keine statischen Eingriffe benötigt (dieser wird erst anschliessend saniert), waren bei den Annexbauten mit ihren unterschiedlichen Strukturen Verstärkungen notwendig. Auch die Notwendigkeit einer Erdbebenertüchtigung warf einige grosse Fragen auf. Soll man die Gebäudeteile statisch zusammenbinden oder lieber trennen, sodass sie sich frei voneinander bewegen können? Bei den baustatischen Untersuchungen stellte sich heraus, dass es sinnvoll ist, das erste Gebäude, das sich an den Kopfbau anlehnt, unabhängig zu machen. Sobald man trennt, müssen jedoch Lasten anders aufgefangen werden, was mit Betonstrukturen realisiert wurde. In verschiedenen Gebäudebereichen wurden zusätzliche, auffällige, statisch wirksame Stahlstrukturen eingefädelt, die durchaus als Baukunst gelesen werden können. An anderen Orten sind es Betonunterzüge oder -strukturen, welche die nötigen Anforderungen gewährleisten. Es ist ablesbar, dass jede Situation während des Entrümpelns und Klärens kontinuierlich neuer Entscheidungen bedurfte. Um darauf möglichst spontan reagieren zu können, richteten sich die Architekt*innen während der Bauphase ein kleines Büro im Gewerberiegel ein.
Zeichenhafte Eingriffe
Auf den ersten Blick sind gestalterische und statische Interventionen lediglich über die Ergänzungen von Strukturen ablesbar, doch zwei Bereiche sind durch ein ausgeprägtes Farbkonzept gekennzeichnet: die Treppenhäuser und die wenigen neuen Nasszellen. Hier dominiert mal ein intensives Aubergine, mal ein dunkles Petrolblau. Davor heben sich die rot lackierten Geländer ab, die zur Sicherheit durch filigrane vertikale Verstrebungen ergänzt wurden. Auch die Beleuchtung ist teilweise Reuse. LED-Bänder, die während der Bauphase zum Einsatz kamen, wurden mit Kunststoffrohren ummantelt und an den Trockenrohren für die Feuerwehr befestigt, die in den Treppenaugen emporsteigen.
Möglichst lange Begleitung
Aktuell sucht die Gewona Nord-West passende Mieter*innen für den Gewerberiegel. Parallel dazu wird nun das Kopfgebäude durch Stereo Architektur saniert, dies bei laufendem Betrieb. Hier sind NGOs eingemietet, die auch bleiben werden. «Was uns an diesem Projekt sehr gefällt, ist die lange Begleitung im gesamten Planungs- und Bauprozess, und wir werden auch bei den allfälligen Mieterausbauten beratend tätig sein, falls dies erwünscht ist», sagt Jonathan Hermann.
Die grosse Sorgfalt, die dem Gewerberiegel durch das prozesshafte Vorgehen zugute kam, ist beeindruckend. Statt Standardlösungen abzuspulen, wurden individuelle Details entwickelt und jeweils adäquate, möglichst kostengünstige Lösungen gesucht – wenn immer möglich unter Verwendung von Reuse-Elementen, wobei deren materiel-le, bauphysikalische oder gestalterische Potenziale aktiviert wurden. «Damit konnten wir kontinuierlich neue Erkenntnisse sammeln, wie mit den jeweiligen Situationen auf minimale Art und Weise umgegangen werden kann», so Jonathan Hermann. «Trust the Process», ist das Credo des Teams von Stereo Architektur nicht nur bei diesem Bau. Mit Erfolg, denn sowohl die Energiebilanzen als auch das ästhetische Ergebnis zeigen, dass ihr Ansatz Früchte trägt.
Der Essay wurde von Christina Anna Horisberger für Arc Mag 2026–3 verfasst und von Jørg Himmelreich publiziert.
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