Geoffrey Bawa – Vitra in Weil präsentiert eine Architektur für die Sinne

 

Veröffentlicht am 06. Juli 2026 von
Jørg Himmelreich

Geoffrey Bawa war einer der prägndsten Architekten Asiens. In seinen über 200 Projekten verband er die Prinzipien der Moderne mit Architekturtraditionen Sri Lankas und schuf eine einzigartige Formensprache. Ab dem 26. September 2026 zeigt das Vitra Design Museum die Retrospektive «Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne» mit über 250 Exponaten – ergänzt durch neue Fotografien von Iwan Baan und eine immersive Szenografie von Lina Ghotmeh.

Bawa wurde 1919 in Sri Lanka (damals Ceylon) als Sohn einer Familie mit asiatischen und europäischen Wurzeln geboren. Zunächst arbeitete er als Anwalt, entschied sich dann jedoch für eine Laufbahn als Architekt und schloss 1957 sein Studium an der Architectural Association in London ab. Trotz seines späten Einstiegs avancierte er zu einer der prägenden Stimmen der Architektur in Sri Lanka nach der Unabhängigkeit. Während frühe Werke wie die St. Thomas’ Preparatory School (1957–1963) noch deutlich den Einfluss der westlichen Moderne erkennen lassen, schuf er in der Folge eine ganz eigene architektonische Sprache, die lokale Materialien, traditionelle Handwerkskunst und industrielle Fertigungsmöglichkeiten verschmolz und die topographischen Gegebenheiten des Ortes als zentralen Faktor in den Entwurf mit einbezog. Zu Bawas Schlüsselwerken zählen sein eigenes Anwesen Lunuganga (1948–2003), das Bentota Beach Hotel (1966–1969) und das Kandalama Hotel (1991–1994). 2001 wurde er für sein Lebenswerk mit dem renommierten Aga Khan Chairman’s Award ausgezeichnet.

Geoffrey Bawa in Lunuganga, circa 1996 | Foto: Dominic Sansoni

Geoffrey Bawa in Lunuganga, circa 1996 | Foto: Dominic Sansoni

Geoffrey Bawa in Lunuganga, circa 1996 | Foto: Dominic Sansoni

Es war ein Credo Bawas, dass sich «Architektur nicht vollständig erklären lässt, sondern erlebt werden muss.» Entsprechend verstand er Gebäude nicht als statische Kulissen, sondern als räumliche Erzählungen, in denen die monumentale Natur Sri Lankas oft eine Hauptrolle spielt. Projekte wie der Polontalawa Estate Bungalow (1963–1967) oder das Jayewardene House (1997–1998) zeigen exemplarisch, wie seine Entwürfe unmittelbar auf das vorgefundene Terrain reagieren, indem sie Höhenunterschiede und Geländeverläufe aufgreifen und selbst Elemente wie Felsen und Bäume nahtlos einbeziehen.

Das Kandalama Hotel in Dambulla auf Sri Lanka scheint aus dem Wald und den Teeplantage emporzuwachsen. | Foto: Iwan Baan

Das Kandalama Hotel in Dambulla auf Sri Lanka scheint aus dem Wald und den Teeplantage emporzuwachsen. | Foto: Iwan Baan

Das Kandalama Hotel in Dambulla auf Sri Lanka scheint aus dem Wald und den Teeplantage emporzuwachsen. | Foto: Iwan Baan

Ein weiteres zentrales Ausstellungsthema ist Bawas enge Kooperation mit bedeutenden Künstler*innen und Handwerker*innen Sri Lankas, darunter Ena de Silva, Laki Senanayake und Barbara Sansoni. Deren Werkstätten waren als soziale Unternehmen organisiert und leisteten einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung und Beschäftigung in den lokalen Gemeinschaften. Ihre Batiken, Skulpturen und Textilien sind in Bawas Bauten keine dekorativen Ergänzungen, sondern integrale Bestandteile des räumlichen Erlebnisses, die die Grenzen zwischen Architektur, Kunst und Design aufheben.

Das Verwaltungsgebäudes der Ceylon Steel Corporation in Oruwala in Sri Lanka erhebt sich über einem See. | Foto: Sebastian Posingis

Das Verwaltungsgebäudes der Ceylon Steel Corporation in Oruwala in Sri Lanka erhebt sich über einem See. | Foto: Sebastian Posingis

Das Verwaltungsgebäudes der Ceylon Steel Corporation in Oruwala in Sri Lanka erhebt sich über einem See. | Foto: Sebastian Posingis

Bawa gilt allgemein als Pionier der Tropischen Moderne in der Architektur, doch die Ausstellung zeichnet ein differenzierteres Bild seines Schaffens. Sie rückt Themen wie künstlerische Kooperation, Ökologie sowie den komplexen politischen Kontext von Bawas Oeuvre in den Mittelpunkt und zeigt den Architekten als Wegbereiter einer nachhaltigen und sozial verantwortungsvollen Baupraxis, der heute von Architekt*innen weltweit wiederentdeckt wird.

Der Singapore Cloud Centre war ein Wettbewerbsbeitrag. Der Schnitt durch den Hauptausstellungsbereich zeigt, wie die Landschaft sich durch das Gebäude hätte ziehen sollen. | Plan: Geoffrey Bawa, Tusche auf Papier, 1989 © M+ Hong Kong, Geoffrey Bawa & Lunuganga Trusts

Der Singapore Cloud Centre war ein Wettbewerbsbeitrag. Der Schnitt durch den Hauptausstellungsbereich zeigt, wie die Landschaft sich durch das Gebäude hätte ziehen sollen. | Plan: Geoffrey Bawa, Tusche auf Papier, 1989 © M+ Hong Kong, Geoffrey Bawa & Lunuganga Trusts

Der Singapore Cloud Centre war ein Wettbewerbsbeitrag. Der Schnitt durch den Hauptausstellungsbereich zeigt, wie die Landschaft sich durch das Gebäude hätte ziehen sollen. | Plan: Geoffrey Bawa, Tusche auf Papier, 1989 © M+ Hong Kong, Geoffrey Bawa & Lunuganga Trusts

Die Ausstellung vereint eine umfangreiche Auswahl an Objekten, Modellen und Dokumenten aus dem Bestand des Geoffrey Bawa Trust, der heute den Nachlass des Architekten bewahrt, ergänzt durch Archivfotografien von Sebastian Posingis und Dominic Sansoni. Neue Fotografien und Filme erweitern diese Perspektive und machen seine Bauten und ihr heutiges Leben atmosphärisch erfahrbar. «Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne» entstand als Koproduktion des Vitra Design Museums mit dem Museum M+ für zeitgenössische visuelle Kultur in Hong Kong, der deutschen Wüstenrot Stiftung und dem Geoffrey Bawa Trust. Sie wird zunächst im Vitra Design Museum (26.9.2026 – 28.2.2027) gezeigt und reist anschließend nach Hongkong, wo sie ab Juni 2027 zu sehen sein wird. Begleitend erscheint ein reich bebilderter Katalog mit Essays, Projektbeschreibungen sowie Interviews mit den Architekt*innen Kengo Kuma, Tatiana Bilbao, Marina Tabassum und Lina Ghotmeh.

In der Lobby des Kandalama Hotels in Dambulla wurden die Felsen zum integralen Bestandteil der Architektur. | Foto: Iwan Baan

In der Lobby des Kandalama Hotels in Dambulla wurden die Felsen zum integralen Bestandteil der Architektur. | Foto: Iwan Baan

In der Lobby des Kandalama Hotels in Dambulla wurden die Felsen zum integralen Bestandteil der Architektur. | Foto: Iwan Baan

Vitra Design Museum

Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne

Ausstellung: 26.9.2026–28.2.2027

Ort: Charles-Eames-Straße 2, 79576 Weil am Rhein, Deutschland

Öffnungszeiten: 10–18 Uhr, ausser Mittwochs 10–17 Uhr

Weitere Informationen
230155280