Groundwork – das S AM lotet das Potenzial der Architektur mit Filmen aus

 

Veröffentlicht am 10. Juli 2026 von
Jørg Himmelreich

Das Schweizerisches Architekturmuseum zeigt vom 9.5. bis 30.8.2026 die Ausstellung Groundwork: eine Wiederaufnahme einer Ausstellungs- und Filmreihe des Canadian Centre for Architecture (CCA) in Montreal. Die Schau präsentiert eine dreiteilige Filmreihe, die drei internationale Architekt*innen begleitet, die neue Formen der Auseinandersetzung mit Orten und deren komplexen Ökosystemen suchen. Das Medium Film dient dabei als kuratorisches Medium, um zu beobachten, wann Ideen statt Gebäude Gestalt annehmen.

Blick in die Ausstellung | Foto: Tom Bisig

Blick in die Ausstellung | Foto: Tom Bisig

Blick in die Ausstellung | Foto: Tom Bisig

Zukunftsszenarien für die Architektur

Wie lässt sich Architektur heute denken und praktizieren – angesichts sozialer Krisen und ökologischer Herausforderungen? Die Ausstellung Groundwork widmet sich dieser Frage und untersucht aktuelle Ansätze architektonischer Praxis. Im Zentrum steht eine Reihe von drei Dokumentarfilmen, die vom Canadian Centre for Architecture (CCA) in Montreal produziert und ursprünglich in einzelnen Ausstellungen dort präsentiert wurden. Gezeigt werden unterschiedliche Methoden des Architekturschaffens. Groundwork fokussiert nicht auf fertige Bauwerke, sondern den Entwurfsprozess in seiner frühen Phase. Filme, Dokumente und Fragmente machen sichtbar, wie architektonische Konzepte unter spezifischen sozialen, politischen und ökologischen Bedingungen entstehen.

Der Film INTO THE ISLAND begleitet das Team von DnA_Design and Architecture auf die Insel Meizhou, wo ein Museum enstehen soll.

Der Film INTO THE ISLAND begleitet das Team von DnA_Design and Architecture auf die Insel Meizhou, wo ein Museum enstehen soll.

Der Film INTO THE ISLAND begleitet das Team von DnA_Design and Architecture auf die Insel Meizhou, wo ein Museum enstehen soll.

Schlüsselfragen unserer Zeit

Wie verstehen wir im gegenwärtigen Augenblick den Prozess, Architektur zu schaffen? Wir leben in einer Zeit spekulativer Systeme, die darauf ausgelegt sind, den Profit über den Menschen zu stellen. Wir sind mit sozialen Krisen konfrontiert, die die grundlegendsten Lebensbedingungen untergraben, während der ökologische Kollaps die Existenz einer Vielzahl menschlicher und nicht-menschlicher Wesen über viele Territorien und Geografien hinweg bedroht. Dabei stehen Fragen, ob man bauen soll oder nicht, wie interveniert und wie mit dem Bestand umgegangen werden soll, unausweichlich im Zentrum des Denkens über Architektur. Groundwork möchte diese strukturellen Schlüsselfragen adressieren und tritt dazu in einen Dialog mit drei Architekturbüros, die methodische Ansätze entwickeln. Ihr Ziel ist es, infrage zu stellen, zu unterlaufen und neu zu definieren, was es heute bedeutet, Raum zu schaffen.

Der Film Berlin zeigt die Arbeit von bplus.xyz, die mit Einflussnahme auf Gesetze die gebaute Umwelt verändern wollen.

Der Film Berlin zeigt die Arbeit von bplus.xyz, die mit Einflussnahme auf Gesetze die gebaute Umwelt verändern wollen.

Der Film Berlin zeigt die Arbeit von bplus.xyz, die mit Einflussnahme auf Gesetze die gebaute Umwelt verändern wollen.

Groundwork wird hier zum ersten Mal als Ganzes gezeigt; ursprünglich war jedes seiner drei Kapitel am Canadian Centre for Architecture in Montreal in einer eigenen Ausstellung zu sehen. Das erste Kapitel folgt Xu Tiantian (DnA_Design and Architecture) auf die Insel Meizhou vor der chinesischen Küste, wo sie eine Reihe subtiler Interventionen schafft, um im Spannungsfeld zwischen Kulturerbe, Tourismus und Meeresökologie zu vermitteln. Das zweite nimmt das Berliner Architekturkollektiv bplus.xyz (b+) beim Start einer Europäischen Bürger*inneninitiative in den Blick. Kultur und Gesetzgebung sollen einen grösseren Schwerpunkt auf Erhalt und Sanierung bestehender Gebäude legen: eine Möglichkeit, Formen ungerechter Spekulation in der Stadt aktiv zu bekämpfen. Schliesslich begleitet das dritte Kapitel Carla Juaçaba ins Herz von Minas Gerais, Brasilien, wo sie auf einer Kaffeeplantage Pavillons entwickelt – Bauten mit minimalem Tragwerk, zugleich minimale Infrastruktur zur Unterstützung des Widerstands von Kollektiven gegen die extraktive industrielle Landwirtschaft

Minas Gerais begleitet Carla Juaçaba zu Ortsbesichtigung in Nepomuceno auf der Suche nach Wegen für eine sozio-ökologische Kaffeeproduktion.

Minas Gerais begleitet Carla Juaçaba zu Ortsbesichtigung in Nepomuceno auf der Suche nach Wegen für eine sozio-ökologische Kaffeeproduktion.

Minas Gerais begleitet Carla Juaçaba zu Ortsbesichtigung in Nepomuceno auf der Suche nach Wegen für eine sozio-ökologische Kaffeeproduktion.

Angespornt vom dringenden Bedürfnis zu verstehen, in welch fundamentaler Weise Architekt*innen in der gebauten Umwelt Veränderung bewirken, berichtet Groundwork nicht über das Ergebnis eines Projekts, sondern dokumentiert vielmehr den Entwurfsprozess in seiner frühen Entstehungsphase. Die Ausstellung beobachtet bewusst, wie Ideen – nicht Gebäude – Gestalt annehmen. Sie zeigt, wie konzeptionelle Antworten auf Kontext und Bedingungen, auf politische und ökonomische Zwänge, auf kulturelle und geografische Transformationen entstehen. Umwege, Misserfolge und taktische Verschiebungen werden zu Momenten der Offenbarung, in denen man neue Modi der Praxis und kritische Wege versteht, sich mit gegebenen Orten und Communities auseinanderzusetzen. Die Geschichten in Groundwork werden mittels der narrativen Vielschichtigkeit des Films als Forschungsformat dokumentiert und neben Artefakten, Dokumenten, Exemplaren und Fragmenten der jeweiligen Orte als Belege eines kontinuierlichen Denkprozesses präsentiert. Es handelt sich dabei um Ausschnitte investigativer und explorativer Erkundungen, deren abschliessende Handlung, das Endergebnis, noch aussteht und konzeptualisiert werden muss – es ist noch offen und im Bau.

Blick in die Ausstellung | Foto: Tom Bisig

Blick in die Ausstellung | Foto: Tom Bisig

Blick in die Ausstellung | Foto: Tom Bisig

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Filmtrilogie unter der Regie von Joshua Frank, die vom Canadian Centre for Architecture produziert wurde. Jeder Dokumentarfilm (circa 40–50 Min.) begleitet eine*n der Architekt*innen beziehungsweise eines der Teams bei der vorbereitenden Vorarbeit vor dem eigentlichen Entwurf. Dabei werden die Zuschauer*innen dazu eingeladen, die Architekt*innen auf ausgedehnten Spaziergängen durch das Gebiet zu begleiten, bei Strategiebesprechungen zuzuhören oder die stillen Momente zu beobachten, in denen Ideen Gestalt annehmen. Das filmische Medium ermöglicht ein immersives und ganzheitliches Erlebnis jedes Standorts und liefert zudem ein intimes Porträt jedes Teams und seines Denkprozesses.

Die Filme werden in drei Vorführungsräumen gezeigt, die die Enfilade des S AM in eine filmische Landschaft verwandeln. Sie werden durch eine Auswahl von Originalobjekten ergänzt, die aus den darin dargestellten Prozessen stammen. Diese sind auf einem langen Tisch im ersten Raum des Museums platziert und erheben diese Spuren des Alltags zu rätselhaften Artefakten, deren Bedeutung sich erst beim Betrachten der Filme in den nachfolgenden Räumen entfaltet. Auf diese Weise werden der physische Raum des Museums und die virtuellen Landschaften der Filme zu einem einzigartigen Ausstellungserlebnis vereint.

S AM Schweizerisches Architekturmuseum

GROUNDWORK

Ausstellung: 9.5. – 30.8.2026

Ort: Steinenberg 7, Basel

Öffnungszeiten: 10–18 Uhr, ausser Mittwochs 10–17 Uhr

Weitere Informationen
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