LÖSCHEN Das Az W ergründet den Wert des Temporären

 

Veröffentlicht am 01. Januar 1900

Baugerüste, Schutzvorrichtungen oder Aufbauten für Veranstaltungen: Was nur für kurze Zeit gebraucht wird, prägt den Stadtraum oft stärker, als uns bewusst ist. Die Ausstellung «Temporär. Strukturen der Notwendigkeit» richtet den Blick auf diese übersehene Schicht der gebauten Umwelt – und fragt, was die Architektur von ihr lernen kann. Zu sehen ist sie ab dem 5. November 2026 im Architekturzentrum Wien.

Mailänder Dom während der Restaurierung | Foto: F1online GmbH / Alamy Stock Photo

Mailänder Dom während der Restaurierung | Foto: F1online GmbH / Alamy Stock Photo

Mailänder Dom während der Restaurierung | Foto: F1online GmbH / Alamy Stock Photo

Ein Gerüst steht vor einer Fassade, eine Absperrung lenkt den Weg durch eine Baustelle, ein provisorisches Dach schützt vor dem Wetter. Solche Konstruktionen begegnen uns täglich. Meist beachten wir sie nur, wenn sie verschwinden oder uns im Weg stehen. Dabei ermöglichen sie wesentliche Abläufe der Stadt: Gebäude werden errichtet, erhalten und umgebaut, öffentliche Räume für Veranstaltungen eingerichtet, Menschen und Bauten vor Gefahren geschützt. Vom 5. November 2026 bis zum 5. April 2027 holt das Architekturzentrum Wien diese sonst kaum beachtete Infrastruktur in die Ausstellungshalle.

«Temporär. Strukturen der Notwendigkeit» betrachtet vorübergehende Bauten nicht als unvollständige Vorstufe «richtiger» Architektur. Die Ausstellung interessiert sich gerade für die Bedingungen, unter denen sie entstehen. Oft muss eine Lösung rasch verfügbar sein, mit begrenzten Mitteln auskommen und sich an einen bestimmten Ort oder Gebrauch anpassen. Sie soll zuverlässig funktionieren, ohne auf Dauer angelegt zu sein. Aus diesen Anforderungen können Konstruktionen von grosser Präzision und Erfindungskraft hervorgehen. Material, Farbe und Form folgen dabei nicht zwingend einer konventionellen Vorstellung von Schönheit. Sie entwickeln eine eigene, unmittelbar mit dem Gebrauch verbundene gestalterische Sprache.

Für KOSMOS architects, die Konzept und Gestaltung der Ausstellung verantworten, ist diese Architektur des Vorläufigen seit Langem Gegenstand einer Sammlung und Recherche. Das Büro bezeichnet die anonymen technischen Infrastrukturen als «Tekturen»: Gebautes, das nicht in erster Linie als Werk einer Autor*in wahrgenommen wird. Fotografien und kleinere Installationen zeigen, wie unterschiedlich solche Strukturen auf konkrete Aufgaben antworten – bisweilen pragmatisch und unscheinbar, bisweilen überraschend oder humorvoll.

Farbiges Begasungszelt über einem Privathaus in Pelham in Alabama | Foto: Viavado / istockphoto
Bedruckte Fassadenverkleidung als Baustellenschutz in Moskau | Foto: Nikolay Koshelev
Parkplatz in Bangkok, der mit Netzen beschattet wird | Foto: KOSMOS Architects

Dabei reicht der Blick weit über die Baustelle hinaus. Provisorien verändern Wege und Nutzungen, während gebaut, instand gesetzt oder angepasst wird; mitunter wird an ihnen eine räumliche Idee erprobt, bevor sie dauerhaft umgesetzt wird. Andere Strukturen erzeugen mit bedruckten Oberflächen ein Bild von Architektur und imitieren Materialien, die tatsächlich gar nicht vorhanden sind. Wieder andere reagieren auf Hitze, Regen oder Kälte, wenn eine feste bauliche Lösung zu langsam, zu aufwendig oder für den begrenzten Bedarf ungeeignet wäre. Auch Sicherheits- und Schutzmassnahmen gehören zu dieser gebauten Alltagsschicht: Sie trennen Bereiche, sichern Gefahrenstellen oder schaffen kurzfristig geschützte Räume. Für Veranstaltungen wiederum entstehen Konstruktionen, die einem Ort für wenige Tage eine neue Funktion und Erscheinung geben. Wie solche Antworten aussehen, hängt nicht zuletzt von lokalen Materialien, verfügbarem handwerklichem Wissen, klimatischen Bedingungen und sozialen Gewohnheiten ab.

Gerade weil diese Bauten meist wieder verschwinden, stellt die Ausstellung eine Frage an die dauerhafte Architektur: Muss eine gute Lösung immer auf möglichst lange Beständigkeit zielen? KOSMOS architects verstehen temporäre Strukturen als Labor für einen anderen Umgang mit Ressourcen, Zeit und wechselnden Anforderungen. Ihre Beispiele zeigen, wie viel Aufmerksamkeit im scheinbar Nebensächlichen steckt – und wie aufschlussreich es sein kann, Konstruktionen nicht allein nach ihrer Lebensdauer, sondern auch nach ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrem Gebrauchswert zu beurteilen.

Die Stierkampfarena La Petatera ist einer Konstruktion aus Stangen, Schilf und Stoffstreifen. Sie wird jedes Jahr im Januar in Villa de Álvarez in Mexico aufgebaut. | Foto: JRomero04 / Shutterstock.com

Die Stierkampfarena La Petatera ist einer Konstruktion aus Stangen, Schilf und Stoffstreifen. Sie wird jedes Jahr im Januar in Villa de Álvarez in Mexico aufgebaut. | Foto: JRomero04 / Shutterstock.com

Die Stierkampfarena La Petatera ist einer Konstruktion aus Stangen, Schilf und Stoffstreifen. Sie wird jedes Jahr im Januar in Villa de Álvarez in Mexico aufgebaut. | Foto: JRomero04 / Shutterstock.com

Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich anlässlich von 25 Jahren MuseumsQuartier dessen langer Transformationsgeschichte. Damit weitet sich der Blick vom kurzlebigen Zweckbau auf den Wandel bestehender Architektur: Auch Umbau und Anpassung sind keine Unterbrechung, sondern Teil ihres Fortbestehens.

Temporär. Strukturen der Notwendigkeit

Ort: Architekturzentrum Wien, Ausstellungshalle 2, Museumsplatz, Wien

Dauer: 5. November 2026 bis 5. April 2027

Öffnungszeiten: Di–Fr 10–18 Uhr

Weitere Infos
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