Open House Ticino 2026 – ein Blick hinter verschlossene Türen

 

Veröffentlicht am 13. Oktober 2026 von
Nina Farhumand

Was verbirgt sich hinter den Mauern des Tessins? Am 24. und 25. Oktober 2026 macht Open House Ticino Gebäude und Orte zugänglich, die sonst verschlossen bleiben. Hinter den offenen Türen warten ungewöhnliche Räume, spannende Bauideen und neue Perspektiven auf einen Kanton, den es noch einmal ganz anders zu entdecken gilt.

Zum zweiten Mal lädt das Architekturwochenende dazu ein, die Baukultur des Tessins aus nächster Nähe zu erleben. Bei Führungen erfahren Besucher*innen, welche Geschichten die Gebäude erzählen, wie sie gestaltet wurden und wofür sie heute genutzt werden. Dabei gibt es Gelegenheit, mit Fachleuten ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist kostenlos. Das detaillierte Programm finden Sie auf Open House.

Die Swiss Arc Redaktion hat eine Auswahl spannender Projekte aus dem Programm von Open House Ticino zusammengestellt. Die fünf Projekte stehen exemplarisch für unterschiedliche Formen der Auseinandersetzung mit Architektur und Bestand: Ca’ dal Mantova, die Brennöfen von Riva San Vitale und die ehemalige Fabrik Audemars zeigen, wie sich Bauten durch Eingriffe und neue Nutzungen verändern. Die Casa Beheim eröffnet einen Blick auf das frühe Werk Livio Vacchinis; das Teatro dell’architettura verbindet die Erfahrung eines Bauwerks mit der Reflexion über Architektur. Die Auswahl setzt damit einen thematischen Schwerpunkt, ohne die Vielfalt des übrigen Programms abzubilden.

Ca' dal Mantova, Prosito – Umbau eines ehemaligen Stalls zum Wohnhaus

Andrea Frapolli Architetto, Ingenieur Pedrazzini Guidotti, 2018–2019
| Fotos: Alexandro Malpetti

Ein Gebäude aus dem 15. Jahrhundert und ehemalige Ställe bildeten den Ausgangspunkt für den Umbau der Ca’ dal Mantova. Architekt Andrea Frapolli verband die bestehenden Bauten zu einem Einfamilienhaus und ergänzte einen Neubau, der die Proportionen der Ställe aufnimmt. Im ältesten Gebäudeteil liegen heute Eingang und Küche. Zwei Lufträume öffnen den Blick zum Wohnraum im oberen Geschoss. Der umgebaute Stall nimmt die Schlafzimmer und die Treppe auf. Der Neubau verbindet die Strasse mit der Wohnebene und bildet einen überdachten Zugang. Durch den Versatz der Baukörper entstand ein Hof. Arbeitszimmer, Wellnessbereich und Elternschlafzimmer öffnen sich zu ihm; zugleich schirmt er diese Räume von den Nachbarhäusern ab. Die einzelnen Baukörper bleiben erkennbar, obwohl sie heute ein Haus bilden.

Fornaci, Riva San Vitale – Keramikproduktion im historischen Bestand

Enrico Sassi Architetto, Ingenieur Giorgio Galfetti, 2013–2025 | Foto: Alberto Canepa
| Foto © DigitalFlow

In der ehemaligen Ziegelei von Riva San Vitale bildeten historische Brennöfen und ein früheres Trocknungsgebäude den Ausgangspunkt für einen Ort der Keramikproduktion. Enrico Sassi restaurierte die bestehenden Bauten und ergänzte ein neues Ofenhaus. Im früheren Trocknungsraum befindet sich heute die Werkstatt; die dort gefertigten Keramiken werden in zwei Gasöfen im Neubau gebrannt. Beim Umbau des Trocknungsgebäudes stellte Sassi eine Stahlkonstruktion in die historische Hülle. Sie stabilisiert die alten Mauern, verbindet die Geschosse und trägt das neue Dach. Die ursprünglichen Dachbinder wurden ausgebaut und aufbewahrt. Schlanke Stahlprofile und grossflächige Verglasungen lassen den Bestand sichtbar; ihre oxidierte Oberfläche hebt die neue Konstruktion von den alten Mauern ab. Weil das Gebäude unregelmässig ist, wurde jedes Bauteil vor Ort eingemessen und einzeln angefertigt.

Ex Fabbrica Audermars, Lugano – Transformation eines Industriebaus

Carlo und Rino Tami erbaut 1950, Sanierung: Leuzinger Architekten, 2021–2024
| Fotos: Silke Lauffs

An der um 1950 erbauten Pharmafabrik tritt das Tragwerk vor die Wand: Schlanke Stahlbetonstützen und Decken zeichnen ein Raster, das Mauerflächen und Fensterbänder fasst. Carlo und Rino Tami ordneten Labore und Produktion auf der einen, Büros auf der anderen Seite des Eingangs an. Eine Glasbausteinwand bringt Licht ins Treppenhaus. Die sichtbare Trennung von Tragwerk und Ausfachung macht Rino Tamis Hinwendung zum internationalen Rationalismus ablesbar. Leuzinger Architekten sanierten den Bau von 2021 bis 2024. Die Führung bei Open House Ticino konzentriert sich auf das nicht sanierte Erdgeschoss des Südtrakts. Eine Untersuchung des Gebäudes und ein nicht realisiertes Erhaltungskonzept ergänzen den Besuch.

Casa Beheim, Solduno – ein frühes Wohnhaus von Livio Vacchini

Architekt Livio Vacchini, 1961–1962
| Fotos: Sabrina Németh

Die Casa Beheim entstand zwischen 1961 und 1962 in Solduno bei Locarno und zählt zu den frühen Wohnhäusern des Tessiner Architekten Livio Vacchini. Das Projekt bietet Gelegenheit, sich mit einer weniger bekannten Phase seines Schaffens zu beschäftigen: den Jahren, in denen er sich mit dem Entwurf des privaten Wohnraums auseinandersetzte. Gerade im kleinen Massstab eines Einfamilienhauses lassen sich grundlegende Fragen der Architektur erkunden. Wie entsteht aus einer räumlichen Ordnung ein Ort zum Wohnen? Welche Rolle spielen Geometrie, Konstruktion und die Beziehung zur Umgebung? Diese Themen wurden für Vacchinis späteres Werk prägend. Die Casa Beheim lädt dazu ein, seinen frühen Umgang mit ihnen zu betrachten, ohne das Haus allein als Vorstufe der bekannteren Bauten zu verstehen. Im Rahmen von Open House Ticino eröffnet der Besuch einen Blick auf ein frühes Projekt Vacchinis, das sonst weniger im Mittelpunkt steht. Neben seinem architekturgeschichtlichen Interesse ist die Casa Beheim auch als Wohnhaus sehenswert: Sie macht die Frage anschaulich, wie architektonische Ideen im Alltag und in einem konkreten Raum erfahrbar werden.

Teatro dell’architettura Mendrisio – ein Bau, der Architektur ausstellt und selbst erfahrbar macht

Architekt Mario Botta, 2013–2017
| Fotos: Enrico Cano

Ein Kreis auf dem Campus, ein offenes Zentrum im Inneren: Mario Botta entwickelt das Teatro dell’architettura aus einer Form, die den Bau von aussen bestimmt und seine Räume im Inneren ordnet. Das Gebäude steht neben dem Palazzo Turconi und setzt der Kapuzinerkirche am anderen Ende des Campus einen zweiten Schwerpunkt entgegen. Wer das Teatro betritt, folgt nicht einer geraden Raumfolge. Der Weg zieht sich um eine offene Mitte; von den Ausstellungsräumen fällt der Blick immer wieder durch den Luftraum auf andere Geschosse. Tageslicht dringt von oben ins Gebäude und verändert die Wahrnehmung beim Rundgang. Botta nutzt den Kreis damit nicht nur als äussere Form: Er lässt die Besucherinnen und Besucher Architektur im Gehen entdecken. Zu Open House Ticino führt Kuratorin Britta Buzzi-Huppert durch die Ausstellung The Construction of Architecture in Ticino, 1939–1996. Materiality and Tectonics. Die Schau untersucht, wie Materialien, Konstruktionen und Tragwerke die Architektur des Tessins geprägt haben.

Open House Ticino

Architektur für alle

Einfach Favoriten von der Gebäudegalerie markieren und eine persönliche Tour zusammenstellen.

Viel Spass beim Entdecken des Tessins!

Datum: 24.–25. Oktober 2026

Zeiten: Sa / So 9:30–17:30 Uhr

Gebäude entdecken
259379455