Prinzip Reduktion – Boltshauser Architekten zeigen Lehm im Prozess
Die Ausstellung Prinzip Reduktion von Boltshauser Architekten macht im Kloster Ingenbohl den Weg vom Rohstoff zur gebauten Architektur sichtbar. Im Fokus stehen Lehmproben, Bauteile und Modelle ebenso wie Projekte des Zürcher Büros. Fotografien und Kunstwerke erweitern die Schau um Fragen von Prozess, Alterung und Dauer. Wie aus Material Architektur wird, zeigt die Ausstellung noch bis zum 20. September 2026.

Material und Modell im Dialog: Grossformatige Lehmproben treffen auf ein Architekturmodell und Texttafeln führen in die Material- und Projektwelt von Boltshauser Architekten ein. | Foto: Niklas Eschenmoser
Die Ausstellung setzt nicht beim fertigen Gebäude an. Sie beginnt bei der Erde: bei Körnung, Feuchtigkeit, Verdichtung und den Spuren, die der Herstellungsprozess auf der Oberfläche hinterlässt. Boltshauser Architekten versammeln in der Klosterpforte Ingenbohl Modelle, Materialversuche, Zeichnungen und Fotografien. Daraus entsteht kein Werküberblick im üblichen Sinn, sondern eine Ausstellung über die Bedingungen, unter denen Architektur entsteht.

Fotografische Arbeiten ergänzen die Modelle und Materialproben in der Ausstellung Prinzip Reduktion. | Foto: Niklas Eschenmoser.
Lehm erscheint hier weder als nostalgischer Baustoff noch als rasches Etikett für klimagerechtes Bauen. Das Zürcher Büro behandelt ihn als Material mit konstruktiven Anforderungen und gestalterischen Eigenheiten. Die Exponate zeigen, dass die Wahl der Mischung, die Art der Verdichtung und der Schutz vor Witterung den Bau ebenso prägen wie Grundriss oder Tragwerk.
Grossformatige Lehmtafeln gliedern die Ausstellungsräume. Ihre Schichten, Einschlüsse und Farbdifferenzen zeigen die Bearbeitung des Materials. Davor stehen Architekturmodelle auf schmalen Gestellen, ergänzt durch Fotografien und Texte. Der Aufbau bleibt zurückhaltend und bezieht den Bestand ein: Glasbausteine, dunkle Bodenplatten und Beton treffen auf die körnigen Oberflächen der Lehmexponate.

Modell des Alterszentrums St. Josef auf dem Klosterhügel Ingenbohl. Der 2023 fertiggestellte Bau verbindet ein Stahlbetonskelett mit Trasskalkelementen und differenzierten Aussenräumen. | Foto: Niklas Eschenmoser
Ein Schwerpunkt liegt auf Elementen für ein Wohnprojekt in Münsingen. Die Prototypen untersuchen verschiedene Mischungen und greifen Verfahren des Stampflehmbaus auf. Verstärkungen mit Trass sollen die Widerstandsfähigkeit gegenüber Witterung erhöhen. Auch die Form wird zur technischen Aufgabe: Für die gekrümmten Module brauchte es Hilfskonstruktionen, um den Lehm präzise einzubringen. Das Beispiel zeigt, wie handwerkliche Erfahrung und Materialforschung zusammenwirken.
Die Ausstellung stellt diese Versuche neben Architekturmodelle. Damit rückt sie ein Arbeitsmittel in den Vordergrund, das bei Boltshauser Architekten eine wichtige Rolle spielt. Modelle prüfen Volumen, Proportion und Fügung direkt. Bei Lehmbauten lassen sich zudem Wandstärken, Öffnungen und Oberflächen im Zusammenspiel untersuchen. Das Modell begleitet den Entwurf, statt ihn nur abzubilden.
Einen Bezug zum Ort stellt das Alterszentrum St. Josef auf dem Klosterhügel her. Der 2023 fertiggestellte Bau wurde teilweise mit Lehm realisiert. Ein Modell ist in der Ausstellung zu sehen. Aufnahmen von Luca Ferrario und Sandro Livio Straube ergänzen den Blick auf das Projekt. Straube konzentriert sich auf den Bauprozess: auf Schalungen, unfertige Wandflächen und Licht in provisorischen Situationen. Seine Bilder zeigen Architektur im Werden.
Daneben erweitern Arbeiten weiterer Fotografen und Künstler die Schau. Daniel Schwartz zeigt mit Bildern der Chinesischen Mauer ein Bauwerk, dessen Material über lange Zeit erodiert und in die Landschaft zurückkehrt. Philip Heckhausen dokumentiert Erdbauten in Nordafrika und Westeuropa. Seine Aufnahmen verweisen auf unterschiedliche regionale Bauweisen und auf den konstruktiven Schutz von Lehm. Die Arbeiten von Arnulf Rainer führen schliesslich das Weiterarbeiten am Vorhandenen vor Augen.
Prinzip Reduktion bleibt nahe am Material und öffnet zugleich grössere Fragen: Wie kann ein Baustoff dauerhaft eingesetzt werden? Welche Kenntnisse braucht es, um lokale Ressourcen in zeitgemässe Konstruktionen zu überführen? Die Ausstellung antwortet nicht mit einem Programm. Sie zeigt Arbeitsschritte, Versuche und Entscheidungen, die der Architektur von Boltshauser Architekten vorausgehen.
Gerade darin liegt ihre Qualität. Die Schau verschiebt die Aufmerksamkeit vom Bild des fertigen Gebäudes auf den Prozess: auf Material, Ausführung und Prüfung am Modell. Lehm erscheint nicht als Ausnahme, sondern als Baustoff, der eine genaue Haltung zum Entwerfen und Bauen verlangt.
Prinzip Reduktion – Boltshauser Architekten zeigen Lehm im Prozess
Kloster Ingenbohl
Ausstellung: Bis 20. September 2026
Ort: Klosterstrasse 10, Brunnen
Öffnungszeiten: Mo bis Fr 9–12/ 14–19 Uhr , Sa bis So 9–12/ 14–17 Uhr



