Temporär im Az W – Architektur auf Zeit, die unsere Städte prägt

 

Veröffentlicht am 26. Oktober 2026 von
Nina Farhumand

Gerüste, Verkleidungen und Schutzbauten prägen unsere Städte – und werden doch meist übersehen. Vom 5. November 2026 bis zum 5. April 2027 rückt die Ausstellung Temporär – Strukturen der Notwendigkeit im Architekturzentrum Wien diese Bauten in den Fokus. Sie fragt, was dauerhafte Architektur von ihrer Anpassungsfähigkeit lernen kann und wie ein Ausstellungsraum selbst zum Ort des Nachdenkens wird.

Palinchak/Sipa USA/Alamy Live News

Sandsäcke schützen das Denkmal für Prinzessin Olga, Apostel Andreas, Kyrill und Methodius in Kiew. | Foto © Palinchak/Sipa USA/Alamy Live News

Sandsäcke schützen das Denkmal für Prinzessin Olga, Apostel Andreas, Kyrill und Methodius in Kiew. | Foto © Palinchak/Sipa USA/Alamy Live News

Die übersehene Schicht der Stadt

Im Zentrum stehen Strukturen, die einen wesentlichen, aber meist übersehenen Teil unserer urbanen Infrastruktur bilden. Diese temporäre Schicht hält unzählige Prozesse in der Stadt am Laufen: vom Bauen und Abtragen über Instandhaltung und Orientierung bis zu Schutz und Sicherheit. Als vorübergehend „abgestempelt“, verschmelzen solche Bauten mit ihrer Umgebung und bleiben häufig unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Die Ausstellung macht diesen notwendigen Hintergrund sichtbar und rückt ihn in den Fokus.

KOSMOS Architects

Schutzbürsten an einer Bahnstrecke in Basel sollen verhindern, dass Fahrgäste den Kopf aus dem Fenster strecken | Foto © KOSMOS Architects

Schutzbürsten an einer Bahnstrecke in Basel sollen verhindern, dass Fahrgäste den Kopf aus dem Fenster strecken | Foto © KOSMOS Architects

Was Architektur vom Temporären lernen kann

Was können wir von temporären Strukturen lernen? Konventionelle Bauweisen sind oft zu langsam und zu unflexibel, um auf wechselnde Herausforderungen – sozialer, wirtschaftlicher, politischer, ökologischer, technologischer und klimatischer Art – angemessen zu reagieren. Temporäre Bauten entstehen aus konkretem Bedarf. Sie sind zweckmäßig, schnell verfügbar und so konzipiert, dass sie sich leicht montieren, anpassen und wieder abbauen lassen. Gerade darin liegt ihre Qualität: Sie reagieren unmittelbar auf Veränderung und zeigen, was in einer bestimmten Situation wirklich gebraucht wird. Als Momentaufnahmen der Realität sind sie direkte Spiegel gesellschaftlicher Anforderungen – und ein Labor für eine Architektur, die mit Ressourcen, Zeit und Bedingungen neu umzugehen lernt.

Gili Merin, 2026

Eine bemalte Verkleidung imitiert während der Renovierung die Fassade des Stadtbahn-Pavillons am Wiener Karlsplatz. | Foto: Gili Merin, 2026

Eine bemalte Verkleidung imitiert während der Renovierung die Fassade des Stadtbahn-Pavillons am Wiener Karlsplatz. | Foto: Gili Merin, 2026

Szenografie als offenes System

Die Szenografie der Büros tracing spaces und seite zwei lässt Raum für Bewegung und Denken. Zwischen Gerüsten, Farbflächen und Schichtungen entsteht kein dekorativer Rahmen, sondern ein System von Beziehungen. Wege kreuzen sich, Blickachsen öffnen neue Bezüge zwischen Objekten und Themen. Die Materialien – Stahl, Stoff, transluzente Flächen – wirken funktional und zugleich bewusst provisorisch, als wolle die Ausstellung den eigenen Prozess sichtbar machen. Nichts wirkt abgeschlossen; die Räume bleiben in Spannung. Das Gewölbe der ehemaligen Industriehalle antwortet auf diese Offenheit. Es trägt die Szenografie, ohne sie zu dominieren, und verleiht ihr jene Tiefe, die den Diskursraum der Ausstellung erweitert. So wird das Museum selbst zu einem Medium, das fragt, verknüpft und weiterschreibt.

Peter Steinhauer

Ein Bambusgerüst umgibt ein Hochhaus in Hongkong. | Foto © Peter Steinhauer

Ein Bambusgerüst umgibt ein Hochhaus in Hongkong. | Foto © Peter Steinhauer

Raum als Denkfigur

Bei unserem Rundgang fällt auf, wie eng die räumliche Dramaturgie mit der inhaltlichen Gliederung verknüpft ist. Jede Farbe steht für ein Thema, ohne plakativ zu wirken: leuchtendes Rot für «Kapital», tiefes Blau für «Gemeinwohl», kräftiges Gelb für «Bausteine». Diese visuelle Ordnung schafft Orientierung, ohne Eindeutigkeit zu behaupten. Über den Köpfen schweben neonfarbene Fragen – «Wer macht Stadt?», «Wie überleben wir?» – als Leitsätze, die sich durch alle Räume ziehen und das Denken im Gehen begleiten.

Die Lichtführung bleibt zurückhaltend, fast sachlich; nichts lenkt von den Exponaten ab, und doch entsteht eine dichte Atmosphäre. In der Kombination aus Struktur und Offenheit, Farbe und Zurückhaltung liegt die eigentliche Stärke dieser Gestaltung: Sie macht das räumliche Erleben selbst zum Teil der Argumentation. Der Raum vermittelt nicht bloss Inhalte, er denkt mit – als physische Figur des Fragens. Für uns als Redaktion wird hier spürbar, wie das Az W Gestaltung als Teil seines Denkraums begreift.

KOSMOS Architects, 2016

Schaumstoffpolster an einem Gerüst schützen Fusgänger*innen in Madrid. | Foto © KOSMOS Architects, 2016

Schaumstoffpolster an einem Gerüst schützen Fusgänger*innen in Madrid. | Foto © KOSMOS Architects, 2016

Gestaltung als Argument

Das Ausstellungskonzept versteht Gestaltung nicht als ästhetische Veredelung, sondern als Teil der Auseinandersetzung mit Architektur. Die Szenografie soll die Fragen der Ausstellung räumlich erfahrbar machen und neue Perspektiven auf das Temporäre eröffnen. Wir freuen uns darauf, diese Ideen ab dem 5. November 2026 im Az W zu entdecken.

Architekturzentrum Wien

Temporär. Strukturen der Not­wendigkeit

Ausstellung: 5. November 2026 bis 5. Aril 2027

Ort: Museumsplatz 1, Wien

Öffnungszeiten: Täglich 10–19 Uhr

Weitere Informationen
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