Wenn Licht zu Raum wird – Sabine Marcelis im Museum für Gestaltung Zürich

 

Veröffentlicht am 03. November 2026 von
Jørg Himmelreich

Eine Leuchte wird zum begehbaren Tunnel, Lava steigt in raumhohen Säulen auf, Wasser wirft wandernde Reflexe an die Wand: Mit «Light and Color» zeigt das Museum für Gestaltung Zürich die erste Museumsausstellung, die ganz dem Werk von Sabine Marcelis gewidmet ist. Die Schau im Toni-Areal ist bis zum 4. April 2027 zu sehen und wirft eine Frage auf, die weit über das Objektdesign hinausreicht: Wann wird aus einem gestalteten Gegenstand ein Raum?

Sabine Marcelis arbeitet mit einer überschaubaren Zahl von Mitteln: klaren Formen, Glas, Harz und Naturstein, vor allem aber mit Licht und Farbe. Ein Material ist bei ihr nie nur Oberfläche. Es lässt Licht passieren, bündelt es, spiegelt seine Umgebung oder verändert seinen Ausdruck mit dem Blickwinkel. Das Zürcher Museum führt zentrale Werkgruppen aus den vergangenen Jahren mit eigens für die Ausstellung entwickelten Installationen zusammen. Statt einer streng chronologischen Rückschau steht das sinnliche Erleben im Vordergrund; Proben und Materialstudien geben zugleich Einblick in die Arbeit hinter den scheinbar mühelosen Effekten.

Mathmos Lava Columns | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Mathmos Lava Columns | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Mathmos Lava Columns | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Vom Serienprodukt zur Raumerfahrung

Wie Marcelis die Grenze zwischen Objekt und Umgebung verschiebt, zeigt der «VARMBLIXT-Tunnel» besonders anschaulich. Die für IKEA entwickelte ringförmige Leuchte ist als Produkt für den Wohnraum gedacht. In Zürich werden 125 Exemplare zusammen mit einer Spiegelwand mit Farbverlauf zu einem elf Meter langen, begehbaren Lichttunnel. Durch Wiederholung, Reflekionen und Massstabswechsel wird aus dem vertrauten Gegenstand eine räumliche Situation: Man betrachtet die Leuchten nicht mehr nur, sondern bewegt sich durch ihre Wirkung hindurch.

Ähnlich arbeitet die Installation «Mathmos Lava Columns», allerdings mit einem anderen Zeitgefühl. Acht fast drei Meter hohe Leuchten stehen zwischen Spiegelwänden. Während die Spiegelungen den Raum optisch ausdehnen, verändert sich das Licht im Innern der Säulen fortwährend. Marcelis überführt damit die 1963 erfundene Lavalampe in eine Dimension, in der nicht mehr das einzelne Designobjekt, sondern Bewegung und Atmosphäre den Eindruck bestimmen.

Einen Gegenpol zur seriellen Wiederholung bildet «Sunbeam Captured» – eine Zusammenarbeit mit Boris Acket. Mechanisch erzeugte Wellen bewegen eine dünne Wasserschicht; eine wandernde Lichtquelle zeichnet den Sonnenlauf nach. Die Reflexe werden durch einen Spiegel verstärkt, dessen Farbverlauf von Blau zu Orange reicht. Hier wird Licht nicht als festgelegter Effekt inszeniert, sondern als etwas Flüchtiges, das sich erst im Zusammenspiel von Wasser, Bewegung, Oberfläche und Zeit zeigt.

Ausstellungsansicht | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Ausstellungsansicht | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Ausstellungsansicht | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Eine Praxis zwischen den Disziplinen

Marcelis wurde 1985 in den Niederlanden geboren und wuchs in Neuseeland auf. Nach ihrem Abschluss an der Design Academy Eindhoven im Jahr 2011 baute sie ihre Praxis in Rotterdam auf. Ihr Studio arbeitet heute an Produkten, Möbeln, Installationen und räumlichen Entwürfen. Charakteristisch ist dabei die enge Beschäftigung mit Materialien und Herstellungsprozessen: Die klare Form ist nicht bloss eine ästhetische Vorliebe, sondern schafft Raum, damit die Eigenschaften des Materials sichtbar werden.

Ihre Laufbahn macht deutlich, weshalb die übliche Einordnung als Produktdesignerin zu kurz greift. Für «No Fear of Glass» setzte Marcelis im Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe und Lilly Reich neue Objekte in Beziehung zur vorhandenen Architektur – darunter Chaiselongues, eine Fontäne und Leuchten. Im Vitra Schaudepot ordnete sie für Colour Rush! rund 400 Sammlungsobjekte nach Farben und veränderte damit die Wahrnehmung einer gesamten Ausstellung. Und mit Continuum bespielt sie in der Rotterdamer Kunsthal eine Rampe des von OMA entworfenen Gebäudes mit Marmorvolumen. Diese Arbeiten gestalten nicht einfach Räume aus: Sie nehmen deren Massstab, Wege und Materialität zum Ausgangspunkt.

Marcelis bewegt sich an der Schnittstelle von Design, Möbel, Skulptur und Architektur. Ein Tisch kann bei ihr zugleich Gebrauchsgegenstand und Lichtkörper sein; eine Leuchte wird zur Installation, ein Materialexperiment zum Eingriff in einen bestehenden Raum. Für ein Architekturpublikum liegt genau darin der Reiz der Zürcher Schau: Sie macht erfahrbar, dass räumliche Wirkung nicht allein durch Wände und Grundrisse entsteht, sondern ebenso durch Oberflächen, Reflexionen und die Bewegung der Betrachtenden.

Sabine Marcelis, in Zusammenarbeit mit Boris Acket, Sunbeam Captured, 2024 | Foto: Rubén P
Sabine Marcelis, Beyond the Surface Table, 2023 | Foto: Pim Top
Sabine Marcelis, Pivot Light, 2023 | Foto: Pim Top
Sabine Marcelis, Samples, 2019 | Foto: Jeroen Verrecht

Zwischen Staunen und genauerem Hinsehen

Die grossen Lichtinstallationen dürften die unmittelbarsten Eindrücke der Ausstellung liefern. Interessanter ist jedoch, sie nicht nur als spektakuläre Bilder zu lesen. Der «VARMBLIXT-Tunnel» zeigt, was geschieht, wenn ein industriell hergestelltes Objekt vervielfacht wird. Die Lava-Säulen führen vor, wie Bewegung einen Raum zeitlich verändert. «Sunbeam Captured» lenkt den Blick auf ein Naturphänomen, das Marcelis mit technischen Mitteln übersetzt. In allen drei Fällen ist das Licht kein nachträglicher Akzent, sondern das eigentliche Baumaterial der Erfahrung.

Gerade weil diese Arbeiten so wirkungsvoll inszeniert sind, lohnt sich auch der Blick auf die ausgestellten Proben und Materialstudien. Sie können dem Eindruck entgegenwirken, die leuchtenden Räume seien allein aus einer guten visuellen Idee entstanden. Die produktive Spannung der Schau liegt zwischen dem unmittelbaren Staunen und der genaueren Frage, wie Glas, Harz, Spiegel und Lichtquelle zusammengebracht wurden. Darin ist «Light and Color» mehr als eine Präsentation schöner Objekte: Sie ist eine Einladung, die Gestaltung von Atmosphäre als präzise räumliche Arbeit zu betrachten.

VARMBLIXT-Tunnel | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

VARMBLIXT-Tunnel | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

VARMBLIXT-Tunnel | Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta / Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Sabine Marcelis. Light and Color

Museum für Gestaltung Zürich

Ort: Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich

Dauer: Bis 4. April 2027

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr, Donnerstag 10–20

Weitere Infos
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