Doshi Retreat Vitra Campus
79576 Weil am Rhein,
Deutschland
Veröffentlicht am 11. Mai 2026
Studio SANGATH
Projektdaten
Basisdaten
Beschreibung
Auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein wurde das Doshi Retreat eröffnet: ein Refugium, das Pritzker-Preisträger Balkrishna Doshi in enger Zusammenarbeit mit seiner Enkelin Khushnu Panthaki Hoof und mit Sönke Hoof entworfen hat. Inspiriert von indischer Spiritualität, ist das Doshi Retreat eine Reise durch Räume und Klänge zu einem Ort der Kontemplation.
Rolf Fehlbaum, Chairman Emeritus von Vitra, sagt zur Entwicklung des Vitra Campus in den letzten Jahrzehnten: «Obwohl der Campus nach wie vor ein Industriestandort ist, hat er sich zu einem öffentlichen Park entwickelt, der jährlich 400'000 Besucherinnen und Besucher anzieht. Die Menschen kommen, um die Architektur zu sehen, die Sammlungen und Ausstellungen des Vitra Design Museums zu besuchen und die Gärten, Restaurants und Geschäfte zu geniessen. Während die Ausdehnung des Campus anfangs einen Tribut an die natürliche Umwelt forderte, wird das Gebiet seit einigen Jahren als Biosphäre neu konzipiert – mit der Pflanzung von Gärten und Wäldern, der bevorstehenden Anlage von Teichen und der Reduktion von versiegelten Flächen.» Mit der Einweihung des Doshi Retreats erhält der Vitra Campus eine architektonische Erweiterung, deren Zweck ebenso neu wie unerwartet ist: ein kontemplatives Refugium.
Nach einem Besuch des Modhera-Sonnentempels in Indien, erinnert sich Rolf Fehlbaum, «zeigte ich Balkrishna Doshi das Foto eines kleinen Schreins, den ich dort gesehen hatte, und fragte ihn, ob er bereit wäre, einen Ort der Kontemplation für den Campus zu gestalten». Balkrishna Doshi ging auf den Vorschlag ein und in einem intensiven Dialog zwischen Doshi, seiner Enkelin Khushnu und ihrem Ehemann Sönke Hoof, die im indischen Ahmedabad das Architekturbüro Studio Sangath führen, entstand die Vision für das Doshi Retreat. Gemeinsam gestalteten sie die Form und die räumlichen Rhythmen in Harmonie mit der Umgebung. Das Doshi Retreat ist das erste realisierte Projekt von Balkrishna Doshi ausserhalb Indiens und zugleich das letzte, an dem er vor seinem Tod im Jahr 2023 arbeitete. 2018 hatte er den Pritzker-Architekturpreis erhalten.
Das Doshi Retreat ist ein gewundener Pfad, der zur physischen und auch metaphorischen Erkundung einlädt. Je weiter man sich auf dem Weg bewegt – unter Erdniveau, entlang von Wänden, die sanft von Gong- und Flötenklängen widerhallen –, desto mehr entsteht ein Gefühl des Übergangs.
Khushnu Panthaki Hoof erklärt: «Diese Architektur entstand aus einem Traum von Doshi, in dem er zwei ineinander verschlungene Kobras sah. Dieser Vision folgte eine schriftliche Erzählung, dann ein skizziertes Konzept aus Notizen und Assoziationen: eine Einladung, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben».
In Anlehnung an die sensorischen Umgebungen in östlichen Tempeln oder christlichen Sakralräumen spielt im Doshi Retreat der Klang eine wesentliche Rolle. Ein Audiosystem – eingebettet in konkave Vertiefungen im Boden – verbreitet entlang des Weges wechselnde Klangsequenzen eines Gongs und einer keramischen Flöte. Wenn man sich dem zentralen Raum nähert, werden diese Klänge von den Metallwänden zurückgeworfen und interagieren physisch und psychisch mit den Besuchern. Diese sensorische Erfahrung kulminiert in einem kurzen, gewölbten Tunnel, der schliesslich in den Kontemplationsraum führt: Dieser organisch gerundete Raum enthält ein Regenwasserbecken rund um die Plattform, zwei breite halbkreisförmige Steinbänke und in der Mitte den Gong. Darüber umschliesst eine Decke teilweise den Raum und belässt am Rande eine Öffnung für Licht, Luft und Niederschlag. Ein in Indien gefertigtes, handgehämmertes Mandala aus Messing schmückt die Decke und wirft ein gebrochenes Licht in den Raum.
Die Struktur des Doshi Retreat besteht aus geschmiedetem und geformtem XCarb-Stahl, einem innovativen Material mit geringen CO₂-Emissionen, das zu einem grossen Teil aus Stahlschrott und vollständig mit erneuerbarer Energie produziert wird. Der von ArcelorMittal gespendete Stahl entwickelt im Laufe der Zeit durch kontrollierte Korrosion auf natürliche Weise eine warme Patina. Die gewundenen Wände führen die Besucher durch die Wege – voller unerwarteter Richtungsänderungen, Perspektivenwechsel und Entdeckungen.
Doshi und seine Partner stützten sich bei der Entwicklung des Doshi Retreats auf die spirituelle Philosophie der Kundalini. Der Begriff aus dem Sanskrit bedeutet «gewunden» oder «spiralförmig» und bezieht sich auf die latente Energie an der Basis der Wirbelsäule. In den Traditionen von Yoga und Tantra wird das Erwecken und Aufsteigen dieser Energie durch die Chakren als wesentlich für die spirituelle Transformation angesehen. Im Mittelpunkt der Erfahrung steht heiliger Klang, der als Katalysator für die Bewusstseinserweiterung dient. Das Doshi Retreat hat keinen spezifischen musikalischen Soundtrack, die Klanglandschaft untermauert aber seine fliessende räumliche Geometrie.
Khushnu Panthaki Hoof sagt dazu: «Es ist der Klang, der durch den Körper der Besucherin oder des Besuchers widerhallt, der die Grenze zwischen dem Selbst und der Struktur aufhebt. Das Gebäude reflektiert den Klang zu einem zurück und verwandelt sowohl die Reise als auch den Raum in Resonanzinstrumente». Und sie fährt fort: «In seinem letzten Lebensjahrzehnt hat sich Doshi mehr der Kunst zugewandt. Aber bei diesem Projekt kehrte er an das Zeichenbrett zurück – erst, um zu schreiben, dann, um uns bei der Gestaltung des Entwurfs zu leiten. Ausgangspunkt des Projekts war ein kleiner indischer Schrein in der Nähe des Sonnentempels, der Rolf Fehlbaum und seiner Frau Federica Zanco aufgefallen war. Dann kamen Doshis Träume und Absichten – Texte, Skizzen und ein visuelles Exposé voller vielschichtiger Konzepte und Doppeldeutigkeiten.»
Weder Doshi noch Khushnu Panthaki Hoof oder Sönke Hoof haben dem Doshi Retreat ein formales Etikett verpasst. Es sollte sich vielmehr frei präsentieren, als ein Raum für Einsamkeit und Rückzug, der die Wahrnehmung unsichtbarer Präsenzen fördert. Als ein Aufenthalt, welcher Desorientierung, Begegnung und die Suche nach Sinn zulässt.
Das Projekt von Balkrishna Doshi + Studio Sangath wurde von Dane Tritz veröffentlicht.