Sanierung und Erweiterung Villa Lindeneck
8400 Winterthur,
Schweiz
Veröffentlicht am 16. April 2026
Lüscher-Lüscher Architekten GmbH
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Architektur und Materialisierung
Über die alte Kopfsteinpflästerung betritt man den Park und vor einem öffnet sich das Ensemble Villa Lindeneck und Neubau. Die glasierte Oberfläche des Neubaus setzt ein gleichermassen bescheidenes wie auffälliges Zeichen zum matt-rötlichen, alten Backstein der Villa Lindeneck. Zwischen diesen beiden Körpern spannt sich ein Aussenraum auf, der zum Eingang der Geburtsabteilung führt. Der Zugang zum Neubau hingegen ist mit Absicht so positioniert, dass er beim Betreten des Gartens nicht sichtbar ist. Er liegt auf der rückwärtigen Seite und bewusst zurückgenommen, um den Fokus gezielt auf die Villa zu lenken.
Der mächtige Granitsockel der Villa findet sein Gegenüber in reduzierter Ausführung am Neubau. Die Kupfereinfassungen der neuen Bandfenster referenzieren die antiken Dachrinnen der Villa. Die vertikal geschichteten Terrakottakacheln des Ergänzungsgebäudes spiegeln sich in den rötlichen Baumrinden der Eiben und Föhren im Ostgarten und reflektieren den Farbton der Villa Lindeneck. Sie vereinen die beiden Gebäude als Ensemble, ohne sich gegenseitig zu konkurrenzieren. Die Villa ist über ein verglastes Treppenhaus mit Bettenlift direkt mit der Geburtsabteilung im Ergänzungsgebäude verbunden. Hier befinden sich auf Parkniveau eine medizinische Nutzung und in den oberen Geschossen Praxen und vier weitere Wochenbett- oder Personalzimmer sowie eine hochwertige Stadtwohnung mit Dachgarten. In der Villa selbst befinden sich im Erdgeschoss die Aufenthaltsräume, die Küche und der Empfang. In den Obergeschossen sind in den historischen Zimmern sechs Wochenbettzimmer eingerichtet. Das prägnante dreieckige Grundstück mit seinem historischen Villengarten wird gegen die Bahn mit einer Schallschutzmauer neu gefasst und förmlich lesbar gemacht. Gleichzeitig inszeniert der räumlich vergrösserte nördliche Garten die Villa und gibt ihr die nötige Öffnung für die Eingangssituation. Die Villa Lindeneck wurde durch den Rückbau des Frühstückszimmers und der Garage aus den Jahren 1927 und 1933 wieder in ihrer ursprünglichen Form von 1897 lesbar gemacht.
Sanierung
Die Sanierung der Villa Lindeneck erfolgte mit grosser Sorgfalt und in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege. Natursteineinfassungen, hölzerne Täfelungen, maserierte Türen, historische Farbanstriche und Bodenbeläge wurden behutsam restauriert; die originalen Bleiverglasungen, Tapeten und Wandverkleidungen blieben erhalten und wurden fachgerecht instand gesetzt. Wo nötig, wurde die bestehende Raumkomposition durch neue Tapeten und Farbnuancen erweitert. Das Dach wurde komplett abgedeckt, saniert, gedämmt und erneut mit Schiefer eingedeckt – eine handwerklich anspruchsvolle Aufgabe, die erfahrene Dachdecker*innen und Spengler*innen mit grosser Präzision und handwerklichem Geschick erforderte. Zur Erfüllung der betrieblichen Anforderungen eines Geburtshauses wurde eine kontrollierte Lüftung integriert, die unsichtbar in die historische Struktur eingefügt ist und das Erscheinungsbild der Räume nicht beeinträchtigt. Die Sanierung zeigt exemplarisch, wie technische Anforderungen – einschliesslich anspruchsvoller Brandschutzmassnahmen – mit denkmalpflegerischen Zielsetzungen in Einklang gebracht werden können. Nutzung und Denkmalpflege stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern sind sorgfältig aufeinander abgestimmt.
Reintegration
Mit der neuen Nutzung konnte die Villa Lindeneck nahezu vollständig im Originalzustand bewahrt werden. Die Anbauten des Frühstückszimmers (1927) sowie die Garage (1933) wurden zurückgebaut, wodurch die ursprüngliche Gestalt der Villa von 1897 wieder klar ablesbar ist. Bauteile und Materialien aus den rückgebauten Strukturen wurden gezielt reintegriert: Das Terrassengeländer und die Treppenstufen des ehemaligen Frühstückszimmers fanden als Elemente des neu gestalteten Dachgartens des Ergänzungsgebäudes eine neue Verwendung. Teile der historischen Küchenausstattung wurden wieder eingebaut; antike Lavabos, Leuchten und Spiegel bereichern die neu gestalteten Bäder und Wochenbettzimmer. Sämtliche Einbauschränke sowie die historischen Innenausbauten der Villa wurden sorgfältig restauriert und in die neue Nutzung integriert.
Freiraum und Ökologie
Die Umgebung der Villa und des Geburtshauses wird geprägt von einem geschützten Altbaumbestand auf gereiftem Boden dank jahrzehntelangem Laubeintrag. Die historischen Pflanzungen wurden epochengetreu wiederhergestellt und mit trockenheitstoleranten, standortgerechten Arten ergänzt. Durch eine sanfte Geländemodellierung wie auch über unterirdische Schotterrigolen gelangt das Dachwasser gezielt zu den Altbäumen. Die historische Natursteinpflästerung blieb, wo möglich, erhalten und wurde sorgfältig geschützt. Die ungebundenen Bauweisen der Beläge ermöglichen die lokale Versickerung des Regenwassers, womit der gesamte Garten den Grundsätzen der Schwammstadt und der Kreislaufwirtschaft entspricht. Das Grundstück erhielt im Norden einen neuen Mauerabschluss zur Bahnlinie hin – gestalterisch als repräsentative Weiterentwicklung der bestehenden historischen Einfassungsmauer konzipiert und in Klinker und Naturstein ausgeführt. Als prägnanter Abschluss der Parzelle fasst sie das Ensemble räumlich und verleiht dem Gesamtbild Geschlossenheit und Bestand. Der Dachgarten des Ergänzungsgebäudes wurde nach den Prinzipien der Schwammstadt gestaltet, was sowohl den Wasserhaushalt des Grundstücks als auch das urbane Mikroklima positiv beeinflusst. Der begrünte Dachgarten fügt sich dabei in das Bild des umgebenden Villengartens ein – das Ergänzungsgebäude wird so nicht nur räumlich, sondern auch ökologisch als Teil des Grüngürtels lesbar.
Projektbeteiligung
Die Projektentwicklung erforderte eine intensive, fachübergreifende Zusammenarbeit – bedingt durch eine anspruchsvolle Ausgangslage: eine denkmalgeschützte Villa in Gleisnähe, ein wertvoller historischer Baumbestand und die Anforderung, Neubau und Bestand zu einem stimmigen Ganzen zu fügen. In enger Abstimmung mit dem Amt für Städtebau, Stadtgrün, SBB und Denkmalpflege wurden gestalterische und bauliche Lösungen entwickelt, die den historischen Charakter der Anlage wahren und gleichzeitig zeitgemässen Anforderungen gerecht werden. Die Abstimmung der energetischen, technischen, historischen und statischen Anforderungen zwischen Alt- und Neubau verlangte von den beteiligten Fachplanerinnen, Ingenieurinnen und spezialisierten Handwerker*innen ein hohes Mass an Kreativität und Präzision. Besonders prägend war die Zusammenarbeit mit dem Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW: Auf der herausfordernden, durch Gleisinfrastruktur geprägten Parzelle wurden Prinzipien der Schwammstadt in einen historischen Kontext übertragen und wissenschaftlich erprobt. Die Ansätze verbinden nachhaltiges Grünraummanagement mit dem Erhalt des bestehenden Baumbestands. So entstanden robuste Konzepte, die Regenwassermanagement, Mikroklima und langfristigen Baumerhalt miteinander in Einklang bringen. Die Wirksamkeit dieser Massnahmen wird in den kommenden Jahren vor Ort untersucht und dokumentiert.
Das Projekt von Lüscher-Lüscher Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.