Architectural Construction in Ticino, 1939–1996 – Materiality and Tectonics
Kann gebaute Architektur selbst zum Lehrmaterial werden? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung, die noch bis zum 20. Dezember 2026 im Teatro dell'architettura Mendrisio zu sehen ist. Im Fokus steht dabei nicht die architektonische Form allein, sondern die Art und Weise, wie Gebäude konstruiert sind: ihre Materialien, Tragwerke und Fügungen. Entstanden ist ein offener Katalog von über 160 Bauten, verstanden nicht als Kanon einer «Tessiner Schule», sondern als Sammlung konstruktiver Fallstudien. Für die Schau wurden daraus hundert Gebäude ausgewählt.

Livio Vacchini und Aurelio Galfetti, Mittelschule Losone, 1974. Das Gebäude zählt zu den zwölf Fallstudien, die in der Ausstellung vertieft untersucht werden. | Foto: Roberto Conte
Kuratiert wurde die Ausstellung von Franz Graf gemeinsam mit Britta Buzzi, Carlo Dusi, Alessandro Bonizzoni und Sebastiano Verga. Sie basiert auf der langjährigen Forschungsarbeit des Bereichs Konstruktion und Technologie der Accademia di architettura der Università della Svizzera italiana und rückt die materiellen und konstruktiven Eigenschaften von Gebäuden als eigenständigen Zugang zur Architekturgeschichte in den Fokus.
Forschung am gebauten Bestand
Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg haben Studierende und Forschende bedeutende Bauten des Tessins analysiert, dokumentiert und neu gezeichnet. Die kontinuierliche Forschungsarbeit führte zu einem offenen Katalog von über 160 Gebäuden, aus dem für die Ausstellung hundert Objekte ausgewählt wurden.
Der Ansatz unterscheidet sich bewusst von klassischen Architekturgeschichten, die häufig über stilistische Entwicklungen oder herausragende Persönlichkeiten erzählt werden. Stattdessen richtet sich der Blick auf die konstruktiven Entscheidungen, die Architektur erst ermöglichen. Materialien, Techniken und Tragstrukturen werden zu Schlüsseln für das Verständnis der Gebäude und ihrer architektonischen Qualität.
Hundert Bauten im Fokus
Die chronologisch angelegte Schau spannt einen Bogen von den 1940er- bis in die 1990er-Jahre. Zeichnungen, Modelle, historische Dokumente und Fotografien machen sichtbar, wie unterschiedlich die architektonischen Antworten auf technische, gesellschaftliche und räumliche Anforderungen ausfielen. Steinmauerwerk, Stahl- und Betonkonstruktionen sowie innovative Holztragwerke stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander und verdeutlichen die Vielfalt der Tessiner Baukultur.
Besondere Aufmerksamkeit gilt zwölf ausgewählten Bauten, die vertiefend vorgestellt werden. Zu ihnen liegen Publikationen aus der Reihe des Bereichs Konstruktion und Technologie vor, die die Gebäude anhand historischer Dokumente, kritischer Beiträge und konstruktiver Analysen erschliessen. Dazu zählen unter anderem die Kantonsbibliothek in Lugano von Carlo und Rino Tami, die Mittelschule Losone von Livio Vacchini und Aurelio Galfetti sowie das Haus in Ligornetto von Mario Botta.
Konstruktion als kulturelles Erbe
Damit versteht sich die Ausstellung nicht als Hommage an eine vermeintlich geschlossene «Tessiner Schule», sondern als Untersuchung eines vielschichtigen baulichen Erbes. Die vorgestellten Bauten werden nicht als Ikonen betrachtet, sondern als Zeugnisse einer konstruktiven Kultur, die das architektonische Schaffen im Tessin über Jahrzehnte geprägt hat. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Bestandserhalt, Weiterbauen und Ressourcenschonung rückt die Ausstellung die gebaute Substanz als wertvolle Wissensquelle in den Fokus.
Teatro dell’architettura Mendrisio
Architectural Construction in Ticino, 1939–1996 – Materiality and Tectonics
Ausstellung: Bis 20. Dezember 2026
Ort: Via Turconi 25, Mendrisio
Öffnungszeiten: Do bis Fr 14–18 Uhr, Sa bis So 10–18 Uhr







