Backstein Reloaded – ein Baustoff erzählt Geschichten
Ein Backstein ist ein Bauteil, ein Stück gebrannte Erde und manchmal ein Archiv. Die Swiss Arc Redaktion hat Backstein Reloaded im Gewerbemuseum Winterthur besucht. Die Ausstellung ist noch bis zum 1. November 2026 zu sehen. Sie bringt rund fünfzig Arbeiten aus Architektur, Design und Kunst zusammen – und zeigt, wie viel gestalterisches und gesellschaftliches Potenzial in einem scheinbar alltäglichen Material steckt.

Ausstellungsansicht mit Floris Wubbens Brick Chair (2024) im Vordergrund. Der Stuhl besteht aus extrudierten, ungeschnittenen Backsteinsträngen. | Foto: Michael Lio
Mehr als ein Bauteil
Wer an Backstein denkt, hat meist eine gemauerte Wand vor Augen. In der Ausstellung begegnet uns das Material aber auch als Probe, Entwurf und Designobjekt. Die unterschiedlichen Formen und Oberflächen zeigen, wie stark Zusammensetzung und Herstellungsverfahren das Ergebnis prägen. Noch bevor ein Stein verbaut wird, sind Entscheidungen darüber gefallen, welche Eigenschaften er haben und wie er aussehen soll.
Das Schweizer Designduo Kueng Caputo sägt, glasiert und kombiniert normierte Swissmodul-Backsteine zu Möbeln und Leuchten. Durch Farbe und glänzende Oberflächen wirken die Steine plötzlich anders, bleiben als Ausgangsmaterial aber erkennbar. Floris Wubben verarbeitet ungeschnittene Ziegelstränge zu ungewohnten Formen. Bei ihm wird der Herstellungsprozess selbst zum Teil des Entwurfs. Beide Arbeiten lösen den Backstein aus seiner gewohnten Rolle im Mauerwerk und machen sichtbar, welches gestalterische Potenzial in einem industriell gefertigten Bauteil steckt.

Blick durch die durchlässigen Elemente der Ausstellungsgestaltung auf die präsentierten Backsteinobjekte. | Foto: Michael Lio.
Herstellung als Teil des Entwurfs
Diese Frage führt von den Designobjekten zurück zur Architektur. Wie viel Gestaltungsspielraum steckt in einem Verfahren, das vor allem auf gleichmässige Produktion ausgelegt ist? Im Forschungsprojekt EXXE – Extended Extrusion untersuchte die Hochschule Luzern gemeinsam mit der Kubrix, wie sich beim Strangpressen unterschiedliche Oberflächen für Backsteinfassaden erzeugen lassen. Die Fassade wird dabei nicht erst durch die Anordnung der Steine gestaltet: Ihr Ausdruck beginnt schon bei deren Herstellung.
Andere Projekte fragen, welche zusätzlichen Aufgaben keramische Bauteile übernehmen können. Gemeinsam mit den Zürcher Ziegeleien arbeitet die Hochschule Luzern etwa an einer Produktentwicklung für begrünte Keramikfassaden. Solche Ansätze erweitern den Blick auf den Ziegel: Er ist nicht bloss ein Element, das eine Wand bildet, sondern kann auch zum Träger neuer Nutzungen und gestalterischer Ideen werden.
Bauen mit dem, was schon da ist
Neben der Entwicklung neuer Produkte beschäftigt sich die Ausstellung mit der Weiterverwendung bestehender Materialien. Ein Beispiel ist das Mehrfamilienhaus in Kilchberg von Boltshauser Architekten. Für seine Fassade kamen wiederverwendete Vollbacksteine aus einem Abbruchobjekt zum Einsatz; die Innenwände wurden aus ungebrannten Lehmsteinen gebaut. Das Projekt zeigt zwei unterschiedliche Wege im Umgang mit dem Material: vorhandene Steine erneut nutzen und Lehm ohne Brennvorgang verbauen.
Beides verlangt, die Eigenschaften der Materialien in den Entwurf einzubeziehen. Ein wiedergewonnener Stein bringt seine Vorgeschichte mit; ein ungebrannter Lehmstein stellt andere Anforderungen als ein gebrannter Ziegel. Die Ausstellung macht damit eine Frage sichtbar, die über dieses einzelne Projekt hinausweist: Wie können Bauteile so eingesetzt werden, dass ihre Herkunft und ihre weitere Verwendung mitgedacht werden?

Für das Mehrfamilienhaus in Kilchberg entwickelten Boltshauser Architekten ein neues Zweischalenmauerwerk. Die Fassade besteht aus wiederverwendeten Vollbacksteinen eines Abbruchobjekts, während die Innenwände aus ungebrannten Lehmsteinen konstruiert sind.| Foto: Kuster Frey
Winterthur als Teil der Ausstellung
Für die Präsentation in Winterthur wurde die ursprünglich vom belgischen CID Grand-Hornu entwickelte Ausstellung um Schweizer Beispiele ergänzt. Das verankert das Thema unmittelbar in der Stadt. Auf dem ehemaligen Sulzerareal und an anderen Orten zeugen Backsteinbauten bis heute von Winterthurs Industriegeschichte. Der Baustoff war hier nicht nur eine gestalterische Wahl, sondern eng mit lokaler Produktion und dem Wachstum der Stadt verbunden.
Die Stadthäuser an der Jägerstrasse zeigen, wie diese Geschichte in einem heutigen Bauprojekt weiterwirkt. Dort wurde das erhaltene Backsteinmauerwerk eines früheren Sulzer-Lagergebäudes mit neuen Bauteilen verbunden. Alt und Neu stehen nicht einfach nebeneinander: Die bestehende Fassade bleibt ein Teil der Architektur und macht die frühere Nutzung des Ortes weiterhin ablesbar.

Alt und Neu greifen ineinander: Die ARGE KilgaPopp Architekten und Baumberger & Stegmeier verbanden an den Winterthurer Stadthäusern das erhaltene Backsteinmauerwerk eines ehemaligen Lagergebäudes der Maschinenfabrik Sulzer mit neuen, erweiternden Bauteilen in verwandter Materialität. Die Fassade entlang der Jägerstrasse ist 94 Meter lang. | Foto: Jürg Zimmermann
Dass ein Backstein Informationen bewahren kann, zeigen auch die Fotografien aus Patrick Frys Brick Index. Sie dokumentieren Ziegel mit eingeprägten Herstellernamen – Hinweise auf Ziegeleien, von denen viele nicht mehr existieren. Was auf den ersten Blick wie ein kleines Zeichen auf einem gewöhnlichen Baustein aussieht, wird so zu einer Spur von Produktion, Handel und Baugeschichte. Nach dem Besuch fällt es leichter, Backsteinfassaden als mehr zu sehen als eine Abfolge gleicher Steine. Ihre Formen, Oberflächen und Gebrauchsspuren erzählen davon, wie ein Gebäude entstanden ist und wie es sich verändert hat. Darin liegt die Stärke von Backstein Reloaded: Die Ausstellung verbindet den Blick auf das einzelne Material mit Fragen nach Gestaltung, Herstellung und dem Weiterbauen im Bestand.
Gewerbemuseum Winterthur
Backstein Reloaded
Ausstellung: Bis 1. November 2025
Ort: Kirchplatz 14, 8400 Winterthur
Öffnungszeiten: Di bis So 11–17 Uhr, Do 10–20 Uhr





