Bauen für die Macht – Le Corbusiers Architektur zwischen Utopie und Autorität
Wann dient Architektur der Gesellschaft – und wann der Darstellung und dem Untermauern von Macht? Die Ausstellung, die noch bis 29. November zu sehen ist, geht dieser Frage nach und zeigt, dass Bauen mehr ist als eine technische oder ästhetische Aufgabe. Architektur ordnet Räume, setzt Zeichen und stabilisiert Machtverhältnisse. Im Zentrum stehen die Entwürfe und Visionen von Le Corbusier, dessen städtebauliche Konzepte wiederholt den Anspruch formulierten, Gesellschaft grundlegend neu zu organisieren.
Die Schau untersucht das Verhältnis zwischen Architekt*innen und politischen Strukturen und verdeutlicht, wie Entwurf, Ideologie und gesellschaftliche Ordnung miteinander verflochten sind. Anhand ausgewählter Projekte wird nachvollziehbar, wie Architektur Macht räumlich übersetzt, Ordnung formt und legitimiert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Le Corbusiers Beziehungen zu politischen Machtzentren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Fotografien, Zeichnungen und historische Dokumente verorten seine Projekte zwischen kommunistischen, faschistischen und demokratischen Gesellschaftsentwürfen.

Ausstellungsansicht mit den Themenbereichen Sowjetunion, Mussolinis Italien und Nationalsozialismus. Die Ausstellung zeichnet nach, wie Le Corbusier seine Projekte in unterschiedlichen politischen Kontexten positionierte. | Foto © Museum für Gestaltung
Wie sich diese Verflechtungen in Architektur übersetzen, zeigt die Ausstellung anhand von Le Corbusiers bekanntesten Entwürfen. Die Ville contemporaine, der Plan Voisin und der Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf stehen exemplarisch für den Anspruch, Gesellschaft durch Planung neu zu ordnen. Dabei wird deutlich, wie moderne Planungsutopien zwischen Fortschrittsglauben, technokratischer Kontrolle und autoritären Gesellschaftsvorstellungen oszillieren. Die von der Swiss-Arc-Redaktion besuchte Ausstellung beleuchtet nicht nur Le Corbusiers Beziehungen zu politischen Machtzentren in der Sowjetunion, im faschistischen Italien oder im Frankreich des Vichy-Regimes. Sie geht darüber hinaus der Frage nach, wie Architektur Macht räumlich übersetzt, Ordnung formt und politische Ansprüche sichtbar macht.
Besonders deutlich wird dies an der Ville contemporaine von 1922. In der Idealstadt für drei Millionen Einwohner ragen Hochhäuser aus einer weitläufigen Parklandschaft, Verkehr und Bevölkerung werden räumlich voneinander getrennt. Die geometrische Ordnung verspricht Effizienz und Fortschritt, basiert jedoch auf einem Verständnis von Stadt, das Kontrolle über Vielfalt stellt. Noch radikaler formuliert der Plan Voisin von 1925 diese Haltung. Le Corbusier schlägt den grossflächigen Abriss historischer Quartiere von Paris vor, um Platz für eine funktional organisierte Stadtlandschaft zu schaffen. Die Ausstellung zeigt den Entwurf nicht als visionäre Utopie, sondern als Beispiel für eine Moderne, die bereit war, bestehende Strukturen zugunsten eines vermeintlich höheren Plans zu opfern.

Die Schau spannt den Bogen von den visionären Entwürfen des französischen Architekten Étienne-Louis Boullée aus der Zeit der Aufklärung bis zu den Monumentalbauten der Moderne. Sein Newton-Kenotaph markiert einen frühen Versuch, Vernunft, Wissenschaft und gesellschaftliche Ordnung in monumentale Architektur zu übersetzen. | Foto: Nina Farhumand
Ein weiterer Schwerpunkt gilt Le Corbusiers Verhältnis zu politischen Machtzentren. Die Schau verfolgt seine Kontakte zur Sowjetunion, zu Mussolinis Italien und zum französischen Vichy-Regime. Sie zeigt einen Architekten, der seine Ideen unabhängig von ideologischen Grenzen möglichst einflussreichen Auftraggebern anbieten wollte. Entwürfe für den Palast der Sowjets in Moskau stehen neben Dokumenten zur faschistischen Architektur Italiens und zur monumentalen Staatsarchitektur des Nationalsozialismus. Dabei interessiert weniger die Frage nach einer direkten politischen Zuordnung als die Beobachtung, wie Architektur in unterschiedlichen Systemen als Instrument gesellschaftlicher Ordnung eingesetzt wurde.
Wie stark sich Le Corbusiers architektonische Visionen mit Vorstellungen von Ordnung und gesellschaftlicher Steuerung verbanden, zeigt die Ausstellung anhand seiner frühen städtebaulichen Entwürfe. Ein zentrales Beispiel ist die Ville contemporaine von 1922. In der Idealstadt für drei Millionen Einwohner ragen Hochhäuser aus einer weitläufigen Parklandschaft, Verkehr und Bevölkerung werden räumlich voneinander getrennt.

Étienne-Louis Boullée, Cénotaphe de Newton (Projekt Nr. 14), 1784. Der visionäre Entwurf gilt als Schlüsselwerk der Revolutionsarchitektur und prägt bis heute die Vorstellung monumentaler Architektur. | Foto © Bibliothèque nationale de France
Spannend sind auch die Gegenüberstellungen innerhalb der Ausstellung. Während die russische Avantgarde zunächst auf Transparenz, Dynamik und soziale Erneuerung setzt, ersetzt der Stalinismus diese Vorstellungen später durch monumentale Repräsentation. In Italien wandelt sich der Rationalismus der frühen Moderne zu einem klassizistischen Ausdruck faschistischer Macht. Gerade in dieser Ambivalenz liegt ihre Stärke: Sie zeigt Le Corbusiers Werk weder als politische Programmatik noch als autonome Architektur, sondern als Teil der ideologischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts.
Pavillon Le Corbusier
Bauen für die Macht
Ausstellung: Bis 29. November 2026
Ort: Höschgasse 8, Zürich
Öffnungszeiten: Di bis So 12–18 Uhr, Do 12–20 Uhr





