Eindrücke – Women Writing Architecture 1700–1900

 

Veröffentlicht am 05. April 2026 von
Nina Farhumand

Im Foyer des HIL auf dem Hönggerberg hängt ein Wald aus Postkarten. Hunderte Karten, dicht gesetzt, jede mit einem Namen, einem Zitat, einem Bild. «Women Writing Architecture 1700–1900», zu sehen bis 8. Mai, geht auf ein fünfjähriges Forschungsprojekt an der ETH Zürich zurück und zeigt, was die Architekturgeschichte lange übergangen hat: Frauen schrieben Architektur. Die Swiss Arc Redaktion hat die Ausstellung besucht.

Jede Postkarte stellt eine Autorin mit Bild, Zitat und kurzer Einordnung vor. | Foto: Nina Farhumand
Postkarten bündeln Texte, Bilder und Kontexte zu einem Archiv von Stimmen. | Foto: Nelly Rodriguez

Kuratiert von Anne Hultzsch mit Elena Rieger und Sol Pérez Martínez, bündelt die Ausstellung ein fünfjähriges, vom Europäischen Forschungsrat gefördertes Projekt. Ihr Zugriff ist klar. Schreiben ist keine Begleiterscheinung von Architektur, sondern Teil von ihr. Texte beschreiben nicht nur Gebäude, Städte oder Landschaften. Sie ordnen Wahrnehmung, strukturieren Raum und formen Vorstellungen von Architektur. Genau hier setzt die Ausstellung an. Der Titel verzichtet bewusst auf eine Präposition. Frauen schreiben nicht über Architektur. Sie schreiben Architektur. Die Verschiebung ist klein, ihre Konsequenz gross. Architekturgeschichte entsteht nicht nur aus gebauten Werken, sondern auch aus Texten: aus Beobachtungen, Beschreibungen und Kritik.

Historische Bücher und Drucke zeigen, wie Autorinnen Raum beschrieben und vermittelten.
Gebrauchsspuren verweisen auf ein Publikum, das diese Texte las und weitertrug. | Fotos: Nelly Rodriguez

Postkarten als Forschungsinstrument

Das Herz der Ausstellung bildet eine Installation aus Postkarten. Jede Karte stellt eine Autorin vor: mit Porträt, Zitat und kurzer Kontextualisierung ihres Werks. Zusammen bilden sie eine dichte Sammlung von Stimmen aus zwei Jahrhunderten.

Ein historisches Zitat zeigt, wie Autorinnen Raum beschreiben, ordnen oder bewerten. Die Rückseite verdichtet diese Perspektiven zu kurzen, präzisen Lesarten und macht sichtbar, welche Aspekte von Raum, Nutzung und Alltag in der Architekturgeschichte lange ausgeblendet blieben. Die Karten richten den Blick nicht nur zurück, sondern verschieben die Perspektive auf die Architekturgeschichte selbst. Sie zeigen, wie anders sie erscheint, sobald diese Stimmen Teil davon sind. Jede Autorin wird einer Rolle zugeordnet, etwa als Kritikerin, Pädagogin, Designerin oder Theoretikerin – Begriffe aus der Architekturgeschichte, hier auf Akteurinnen angewendet, die bislang kaum in diesem Vokabular vorkommen. Die Postkarte fungiert damit nicht als Begleitmaterial, sondern als Instrument. Sie sammelt, strukturiert und verbreitet Wissen und überführt Forschung in ein Format, das zirkuliert.

Eine Karte widmet sich etwa der englischen Autorin Hannah Woolley, einer der ersten Frauen, die im 17. Jahrhundert ihren Lebensunterhalt mit Schreiben verdiente. In ihren Ratgebern für Haushalt und Küche beschreibt sie auch Räume: wie Zimmer organisiert, Möbel angeordnet und Innenräume genutzt werden. Aus heutiger Perspektive erscheinen solche Texte als frühe Formen räumlicher Anleitung, als Architekturwissen im Gewand eines Kochbuchs. Die Postkarten verweisen auf diese Vielfalt. Sie zeigen Beschreibungen von Gebäuden und Städten, Anweisungen zur räumlichen Organisation, Kritik an städtebaulichen Zuständen oder poetische Annäherungen an Landschaften.

Die Ausstellung zeigt nicht nur Ergebnisse, sondern auch ihre Methode. In Workshops wurden die Texte gemeinsam gelesen, markiert und diskutiert.
Farbige Annotationen strukturieren die Lektüre und lenken den Blick auf Personen, Orte und Perspektiven. Lesen wird hier zur kollektiven Praxis.. | Fotos: Nina Farhumand

Stimmen aus unterschiedlichen Kontexten

Die Autorinnen schreiben aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Zusammenhängen. Sie publizieren auf Deutsch, Englisch oder Spanisch und kommen aus Europa ebenso wie aus dem südlichen Südamerika. Ihre Texte entstehen in verschiedenen Kontexten. Der Zugriff erweitert den Blick auf Architekturtexte erheblich. Neben Reiseberichten finden sich journalistische Texte, Essays, Gedichte, moralische Ratgeber, Gartenbücher, Kochbücher oder Anleitungen zur Hauswirtschaft. Architektur erscheint hier nicht als klar abgegrenzte Disziplin, sondern als Thema, das in vielen Formen des Schreibens auftaucht.

Reiseliteratur spielt eine zentrale Rolle. Im 18. Jahrhundert war sie eines der wenigen Genres, in denen europäische Frauen publizieren konnten. Autorinnen beschrieben Städte, Landschaften, Gebäude und Wege – und entwickelten dabei eigene Formen räumlicher Beobachtung. Andere Texte handeln von Innenräumen, von Haushaltsorganisation oder von Gärten. Wieder andere verbinden Architektur mit Politik, etwa in Schriften über Frauenrechte oder Landbesitz. Gerade diese Streuung ist entscheidend. Sie zeigt, wie breit Architektur als Praxis verhandelt wird und wie viele dieser Perspektiven in der etablierten Architekturgeschichte kaum berücksichtigt wurden.

Die Karte zu Mary Wortley Montagu liest ihre Reiseberichte als Analyse von Innenräumen und Geschlechterverhältnissen.
Die Postkarte fungiert nicht als Begleitmaterial, sondern als Instrument. Sie sammelt, strukturiert und verbreitet Wissen. | Postkarten © ETH Zürich gtha Ausstellungen

Schreiben als architektonische Praxis

Die Ausstellung endet nicht im 19. Jahrhundert. Sie führt die Frage ins Heute weiter: Wer produziert Architektur und mit welchen Mitteln? Texte spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie beschreiben Räume, ordnen sie ein und verbreiten Bilder von Architektur. Wer schreibt, greift in den Diskurs ein. Die Ausstellung erweitert diesen Blick um Stimmen, die lange übersehen wurden. Sie zeigt, dass Architekturgeschichte nicht nur aus gebauten Objekten besteht, sondern auch aus Beschreibungen, Beobachtungen und Interpretationen.

Im Foyer des HIL entsteht kein lineares Narrativ, sondern ein offenes Archiv. Postkarten hängen dicht nebeneinander, lassen sich lesen, vergleichen, mitnehmen. Auch für die Redaktion wird sichtbar, wie konsequent die Ausstellung den Kanon verschiebt. Der Eingriff ist klein, seine Wirkung gross. Architekturgeschichte bleibt unvollständig, solange bestimmte Stimmen fehlen.Die Ausstellung lädt dazu ein, sie neu zu lesen.

ETH Zürich gta Ausstellungen

Women Writing Architecture 1700–1900

Datum: Bis 8. Mai 2026

Ort: gta Foyer, HIL D 50.5, Stefano-Franscini-Platz 5, Zürich

Öffnungszeiten: Mo bis Fr, 8–21 Uhr

Weitere Informationen
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