Kirchen als Exponate – gta Ausstellungen thematisiert das Kuratieren von Architekturgeschichte
Sie wurden zerlegt, transportiert und in Prag, Bukarest und Lwiw wieder aufgebaut. Doch mit dem Ortswechsel änderte sich mehr als ihre Adresse: Aus drei Holzkirchen der Karpaten wurden Ausstellungsstücke und Sinnbilder nationaler Identität. «Translating the Rural» von gta exhibitions an der ETH Zürich erzählt, wie Architektur in der Zwischenkriegszeit für politische Zwecke in Bewegung geriet.

Poster der Ausstellung «Translating the Rural»
Kuratierte Geschichten
Was bleibt von einem Gebäude, wenn es seinen Ort verliert? Holz, Verbindungen, Spuren früherer Reparaturen – aber nicht die Menschen, die es nutzten, und nicht die Landschaft, in der es stand. Diesem Bruch geht die Ausstellung «Translating the Rural» nach. Radu Remus Macovei und gta Ausstellungen verfolgen die Wege dreier Holzkirchen von Bergdörfern in die Städte Prag, Bukarest und Lwiw.
Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns 1918 entstanden in Ostmitteleuropa neue nationale Ordnungen. Das Ländliche wurde nun zum Rohstoff für Bilder von Herkunft und Zusammengehörigkeit. Freilichtmuseen holten Bauten in die Städte, ethnografische Erhebungen sortierten vielfältige Lebenswelten in Kategorien wie «volkstümlich» oder «national», und Planer überführten traditionelle Formen in Entwürfe für moderne Dörfer. Kirchen wurden nicht einfach bewahrt. Sie bekamen neue Rollen.
Dabei widersetzt sich gerade ihre Baugeschichte der Vorstellung vom unveränderlichen Original. Über Jahrzehnte wurden die Holzkirchen ergänzt, repariert und an neue Bedürfnisse angepasst. Macoveis Projekt «Ligneous Worlds» denkt diese Geschichte weiter: Was wäre mit den Gebäuden geschehen, wenn sie an ihren ursprünglichen Standorten geblieben wären? Drei Holzmodelle im Massstab 1:5 machen mögliche Veränderungen sichtbar. Archivforschung trifft hier auf Entwurf – und die Vergangenheit auf Zukünfte, die nie gebaut wurden.
Die Ausstellung zeigt, wie eng Bauen, Bewahren und Deuten zusammenhängen. Und sie stellt eine unbequeme Frage: Wessen Geschichte erzählen wir, wenn wir ein Gebäude retten, indem wir es aus seinem Zusammenhang lösen?
gta exhibitions
Translating the Rural. Wooden Churches, Open-Air Museums and Modern Architecture in Interwar East-Central Europe
Ausstellung: 23. September – 4. Dezember 2026
Ort: ETH, HIL D 57.1, Stefano-Franscini-Platz 5, Zürich
Öffnungszeiten: Mo-Fr 10–18 Uhr
Symposium «Mediating the Rural»: 9. und 10. November 2026