Marisol – zwischen Pop Art und gesellschaftlicher Kritik
María Sol Escobar, bekannt als Marisol, gehörte in den 1960er-Jahren zu den prägenden Figuren der New Yorker Kunstszene. Noch bis 23. August 2026 zeigt das Kunsthaus Zürich erstmals in Europa eine grosse Retrospektive. Was einen sofort trifft: die schiere Körperlichkeit der Figuren. Überdimensionale Holzgestalten bevölkern den Raum wie eine stumme Gesellschaft – grob gehauen, bemalt, mit starren Augen und einer Präsenz, die sich nicht ignorieren lässt. Marisol baut keine Skulpturen. Sie baut Szenen.

Ausstellungsansicht Marisol Kunsthaus Zürich, 2026 | Foto: Franca Candrian © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Die Retrospektive versammelt mehr als 100 Werke: etwa 60 Skulpturen und Objekte, rund 40 Arbeiten auf Papier und Fotografien sowie Filme und Archivmaterialien, ein Grossteil davon erstmals in Europa zu sehen. Marisols Werk bewegt sich zwischen US-amerikanischer Pop Art und europäischem Nouveau Réalisme, ohne sich je eindeutig einer Strömung zu fügen. Andy Warhol, mit dem sie eng befreundet war, nannte sie die «erste Künstlerin mit Glamour». Während er offen mechanisch produzierte, arbeitete Marisol mit Säge, Meissel und Pinsel, handwerklich intensiv, jede Skulptur ein Unikat. Die Swiss Arc Redaktion hat die Ausstellung besucht. Der Eindruck sitzt lange nach.

Ausstellungsansicht Marisol Kunsthaus Zürich, 2026 | Foto: Franca Candrian © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich
Holz als Sprache
Die Swiss Arc Redaktion stand vor Figuren, die einen überragen und trotzdem an Kinderspielzeug erinnern. Dieser Widerspruch ist gewollt: Was naiv wirkt, ist präzise kalkuliert. Marisol greift in die Werkzeugkiste: Gipsabgüsse, rohe Holzblöcke, Schnitzerei, Zeichnung, Farbe, Fundstücke, Kleidung. Daraus baut sie figürliche Ensembles, die Wand, Boden und Blickachse gleichzeitig bespielen. Gesicht und Hände vermitteln Ausdruck, während der Körper still und in einer blockhaften Haltung erscheint. Die grossen, starren Augen der Figuren verfolgen einen durch den Raum. Die Besucher*innen schauen sie an. Sie schauen zurück.
Ausgangspunkt waren bei Marisol häufig Alltagsobjekte und Materialien: Holz, Kleidung, Leder oder gefundene Gegenstände werden zu eigenwilligen, oft humorvollen und zugleich irritierenden Figurenensembles. In der Ausstellung begegnet La visita als sorgfältig inszenierte Gruppe und macht sichtbar, wie Marisol Fragen von Identität, Rollenbildern und sozialem Miteinander in skulpturale Szenen übersetzte. Neben den bekannten Ensembles zeigt die Schau weniger bekannte Facetten ihres Werks und belegt Marisols formale Bandbreite – von Druckgrafik und Fotografie über Bühnenbilder bis zu Denkmälern im öffentlichen Raum und zarten Zeichnungen auf Papier.

Marisol, La visita, 1964. Museum Ludwig, Köln | Foto: Britta Schlier © Estate of Marisol / 2026, ProLitteris, Zurich

Die historische Aufnahme zeigt die Künstlerin inmitten ihrer Skulpturengruppe – aus Holz gefertigte, bemalte Figuren, deren Köpfe, Körperteile, Kleidung und Alltagsobjekte zu einer zugleich humorvollen wie irritierenden Gesellschaftsszene zusammengefügt sind. Marisol mit La visita, 1964. Marisol Papers, Buffalo AKG Art Museum | Foto: Nancy Astor © Estate of Marisol, 2026, ProLitteris, Zurich
Satire mit Präzision
Marisol nimmt Familienbilder, Machtposen und gesellschaftliche Rollen mit Ironie und genauer Beobachtung in den Blick. In The Car von 1964 verwandelt sie ein türkisfarbenes Ford-Cabrio in eine Gesellschaftsszene: Bemalte Köpfe und fragmentierte Körperteile bevölkern das Fahrzeug. Die Arbeit verbindet Popkultur mit einer kritischen Beobachtung von Konsum, amerikanischem Traum und sozialer Zugehörigkeit. Auch in ihren Darstellungen von De Gaulle, John Wayne und Queen Elizabeth verschiebt Marisol vertraute Machtbilder. Die überlebensgrossen Figuren wirken zunächst pointiert und komisch, bis der Humor ins Unbehagliche kippt.
Marisol setzte ihr eigenes Gesicht immer wieder in Szene. In Dinner Date (1963) begegnet sie sich beim Essen selbst. In The Wedding (1962–63) tragen Braut und Bräutigam ihre Gesichtszüge. Und in The Party (1965–66) erscheint ihr Gesicht in zahlreichen Varianten innerhalb einer Gesellschaftsszene. Identität wirkt bei Marisol nicht wie etwas Festes oder Einheitliches. Sie entsteht vielmehr aus Rollen, Blicken und Wiederholungen und bleibt veränderbar.

The Car, 1964 | Foto: Nina Farhumand
Vergessen und wiederentdeckt
1968 war Marisol eine von nur vier Frauen unter 150 Kunstschaffenden an der documenta in Kassel. Im selben Jahr vertrat sie Venezuela an der Biennale von Venedig. Dann zog sie sich zurück, reiste durch Asien, tauchte, entdeckte die Unterwasserwelt als Bildthema. Die Kunstwelt vergass sie. Sie arbeitete weiter.
Erst die Aufarbeitung ihres Nachlasses am Buffalo AKG Art Museum brachte in Nordamerika die Neubewertung ins Rollen. Die Zürcher Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Louisiana Museum of Modern Art Humlebæk, dem Museum Boijmans Van Beuningen Rotterdam und dem Museum der Moderne Salzburg – und bringt eine Künstlerin ins europäische Bewusstsein zurück, deren Werk heute schärfer wirkt als je zuvor.
Einen anderen Akzent setzen die grossen Fischskulpturen. Nach ihren Taucherfahrungen wandte sich Marisol intensiv der Unterwasserwelt zu. Die Fische liegen auf dem Sockel wie Körper aus einer anderen Welt. Ihre monumentalen Formen verleihen ihnen eine eigentümliche Präsenz und verweisen zugleich auf Marisols Interesse an der Beziehung zwischen Mensch, Tier und Umwelt.
Figuren wie Räume
Marisol baut Figuren wie Räume aus Schichten, Brüchen und gefundenen Teilen, die erst im Zusammenspiel Bedeutung erzeugen. Volumen, Oberfläche, Blickachse: Die Konstruktionslogik ist dieselbe wie in der Architektur, aber die Fragen gehen weiter. Was zeigt eine Gesellschaft, wenn sie sich selbst inszeniert? Wer hat Macht und wie sieht sie aus? Marisol gibt keine Antworten. Sie baut Situationen, in denen man nicht umhinkommt, sich selbst zu fragen.
Neben den bekannten Ensembles präsentiert die Schau weniger dokumentierte Werkgruppen wie Druckgrafiken, Bühnenbilder und Denkmäler für den öffentlichen Raum, die zeigen, wie konsequent Marisol über fünf Jahrzehnte an ihrer Bildsprache arbeitete. Die Fragen, die sie stellt, gehen mit. Die Figuren auch.
Kunsthaus Zürich
Marisol – zwischen Pop Art und gesellschaftlicher Kritik
Datum: Bis 23. August 2026
Ort: Heimplatz, Zürich
Öffnungszeiten: Fr–So/Di/Mi 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr





