Tony Fretton im S AM – Architektur als Beziehungsnetz
Wie lässt sich Architektur entwerfen, die einen Ort ernst nimmt, ohne ihn bloss fortzuschreiben? Mit «Tony Fretton. Practice» präsentiert das S AM Schweizerisches Architekturmuseum die erste Ausstellung unter seinem neuen Direktor Adam Szymczyk. Die Retrospektive über den britischen Architekten widmet sich dem genauen Hinsehen, der Bedeutung des Vorhandenen und der Frage, wie Gebäude Teil des gesellschaftlichen Lebens werden. Sie ist bis zum 3. Januar 2027 in Basel zu sehen.

«Tony Fretton. Practice» thematisiert, wie der britische Architekt aus der genauen Beobachtung von Orten, Gebäuden und ihrem gesellschaftlichen Umfeld seine Entwürfe entwickelt.
Kontextualisierungen
Ein Gebäude steht nie für sich allein. Es trifft auf Strassen und Nachbarhäuser, auf Landschaft und Licht, auf Gewohnheiten, Erinnerungen und Erwartungen. Für Tony Fretton sind diese Bedingungen nicht die Kulisse eines Entwurfs, sondern sein Ausgangspunkt. Seine Architektur entsteht aus der Beschäftigung mit dem, was an einem Ort bereits vorhanden ist – und aus der Überlegung, was ein neues Gebäude dort für andere Menschen ermöglichen kann.
Das S AM Schweizerisches Architekturmuseum zeichnet diese Haltung in der Ausstellung anhand ausgewählter Projekte nach. Sie wurde in engem Austausch mit dem 1945 geborenen Londoner Architekten konzipiert und ist die erste Schau des Museums unter der Direktion von Adam Szymczyk. Fotografien, Zeichnungen, Skizzenbücher und Texte zeigen nicht nur fertige Bauten, sondern legen auch offen, wie Fretton beobachtet, denkt und entwirft. Seine schriftlichen Überlegungen und seine Zeichnungen stehen dabei nicht neben der Architektur: Sie sind Teil der Praxis, aus der sie hervorgeht.

Fassade der Lisson Gallery 2 in London, 1992 | Foto: Martin Charles
Interaktionen stimulieren
Die Ausstellung gliedert sich in vier Bereiche. Der erste, «Culture», führt zu Frettons frühen Arbeiten und zu Projekten für Kunst und Kultur. Anfang der 1980er-Jahre beschäftigte er sich auch mit Performancekunst. Die Arbeit mit Körpern, Gegenständen und unerwarteten Ereignissen eröffnete ihm einen Zugang zur Architektur, der nicht von einer vorab festgelegten Form ausging. Wie kann ein Entwurf auf das reagieren, was er vorfindet? Und welche Bedeutungen tragen Dinge und Orte bereits in sich?
Diese Fragen begleiten Frettons Arbeit an der Lisson Gallery in London, deren Gebäude von 1986 und 1992 zu seinen bekanntesten frühen Projekten zählen. Auch beim Fuglsang Kunstmuseum in Dänemark, das 2008 fertiggestellt wurde, geht es um das Verhältnis eines neuen Bauwerks zu seinem Umfeld. Die Ausstellung macht sichtbar, dass Frettons Interesse an einem Ort weit über dessen bauliche Eigenschaften hinausreicht: Ebenso wichtig sind seine kulturellen und sozialen Zusammenhänge.

Fotocollage der Umgebung der Lisson Gallery 1, London, 1986
Architektur als soziales Engagement
Der zweite Bereich, «Society», richtet den Blick auf Wohnbauten, Arbeitsorte und öffentliche Gebäude. Hier zeigt sich, wie Fretton seine Herangehensweise auf unterschiedliche Aufgaben und Städte überträgt. Beim Red House in London verbindet er architektonische Bezüge mit den besonderen Gegebenheiten des Grundstücks. Das Haus wirkt zugleich vertraut und offen für verschiedene Lesarten – eine Qualität, die sich in seinem Werk wiederholt.
In Projekten in Groningen, Amsterdam und Kopenhagen untersuchte Fretton, wie Wohnen mit der Geschichte und dem gemeinschaftlichen Leben einer Stadt verknüpft sein kann. Beim Rathaus im belgischen Deinze steht dagegen die Rolle eines Verwaltungsgebäudes im Mittelpunkt: Es soll nicht nur eine Institution beherbergen, sondern auch ein Ort für Beschäftigte und Öffentlichkeit sein. Die Britische Botschaft in Warschau beantwortet eine andere Aufgabe. Ihr Entwurf verleiht einer diplomatischen Vertretung Präsenz und Beständigkeit. Die Gegenüberstellung zeigt, wie verschieden Architektur auf ihre gesellschaftliche Funktion reagieren kann.

Fotocollage ‹Get Ready›, London, 1981 | Bereitgestellt von den Drawing Matter Collections (DMC 2893)
Beziehungsnetze bergen
Auch ein Schweizer Projekt gehört zur Auswahl: der 2022 fertiggestellte Wohnblock am Industrieplatz in Neuhausen am Rheinfall. Er bringt Frettons Auseinandersetzung mit Wohnen und städtischem Kontext in einen Ort, den viele Besucher*innen aus eigener Anschauung kennen können.
Unter dem Titel «Existence» versammelt der dritte Bereich Projekte, die sich mit Glauben und Tod befassen, und der vierte Abschnitt «Reflection» führt schliesslich zurück nach Basel. Ein neuer Fotoessay über das historische Kunsthalle-Gebäude, in dem sich das S AM befindet, und sein städtisches Umfeld greift Frettons Art des Beobachtens auf. Damit endet die Ausstellung nicht mit einer Rückschau auf ein architektonisches Werk, sondern lädt alle Besucher*innen dazu ein, ebenfalls die eigene Umgebung genauer zu betrachten: Welche räumlichen Beziehungen fallen erst auf den zweiten Blick auf? Welche Spuren von Nutzung und Geschichte prägen einen Ort?
Die Ausstellung wird von Rundgängen, Vorträgen und Filmvorführungen begleitet. Zur Reihe «From London» gehören Vorträge von Hugh Strange am 30. Oktober, Katherine Clarke am 12. November und Takero Shimazaki am 10. Dezember 2026. Am 3. Dezember zeigt das Stadtkino Basel den Dokumentarfilm «Everything I Saw Became Important» über Tony Fretton, gefolgt von Patrick Keillers Filmessay «London». Das Vermittlungsprogramm des S AM greift zudem Frettons Arbeitsweise auf: beobachten, vergleichen, zeichnen und aus dem Vorgefundenen eigene Fragen entwickeln.
S AM Schweizerisches Architekturmuseum
Tony Fretton. Practice
Ausstellung: 19.9.2026–3.1.2027
Ort: Steinenberg 7, Basel
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–20.30 Uhr, Sa + So 11–17 Uhr