Verner Panton – Form, Farbe, Raum im Vitra Schaudepot

 

Veröffentlicht am 02. September 2026 von
Nina Farhumand

Was geschieht, wenn Möbel Räume nicht nur füllen, sondern sie gestalten? Verner Panton verstand Design als räumliches Experiment: Er entwickelte schwebend wirkende Sitzmöbel, setzte Farbe als atmosphärisches Mittel ein und entwarf Interieurs als zusammenhängende Landschaften. Die Ausstellung im Vitra Schaudepot, die bis zum 9. Mai 2027 zu sehen ist, verfolgt sein Denken von frühen Arbeiten über prägende Möbel und Leuchten bis zu wenig bekannten Architekturprojekten. Im Zentrum steht die begehbare Rekonstruktion der Fantasy Landscape von 1970 – ein Raum, der Pantons Vorstellung von Gestaltung als körperlich erfahrbarer Umgebung unmittelbar vermittelt.

Franz Wamhof © ​ Verner Panton Design AG

Verner Pantons „Fantasy Landscape: Die begehbare Rekonstruktion seiner legendären Visiona II-Installation von 1970 übersetzt Wohnen in eine organische, farbintensive Raumlandschaft. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Verner Pantons „Fantasy Landscape: Die begehbare Rekonstruktion seiner legendären Visiona II-Installation von 1970 übersetzt Wohnen in eine organische, farbintensive Raumlandschaft. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Gestaltung als Raumerfahrung

Das Vitra Schaudepot zeigt Verner Panton nicht als Lieferanten einiger besonders fotogener Designklassiker, sondern als Gestalter von Situationen. Die zum 100. Geburtstag des dänischen Architekten und Designers entstandene Ausstellung führt durch ein Werk, in dem Möbel, Leuchten, Textilien, Muster und Architektur nie getrennte Disziplinen waren. Panton dachte sie als Bestandteile einer Gesamtwirkung: Farbe lenkt den Blick, Licht verändert die Stimmung, Oberflächen verdichten Räume – und Möbel werden zu aktiven Formen innerhalb dieser Choreografie. Die vom Vitra Design Museum in enger Zusammenarbeit mit der Verner Panton Design AG realisierte Schau verfolgt diesen Ansatz über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Schon die Ausstellungsarchitektur nimmt diese Logik auf. Offene, metallene Regalsysteme gliedern den Raum, ohne ihn in abgeschlossene Kabinette zu zerlegen. Zwischen kräftig orangefarbenen, violetten, blauen und magentafarbenen Flächen erscheinen Sitzmöbel, Leuchten, textile Entwürfe und Modelle in wechselnden Konstellationen. Die strenge Ordnung der Regale steht dabei bewusst gegen Pantons organische und oft spielerisch überbordende Formen. Gerade aus diesem Kontrast gewinnt die Präsentation Spannung: Sie macht sichtbar, wie präzise Panton seine scheinbar freie Formensprache entwickelte.

Franz Wamhof © ​ Verner Panton Design AG

Die Regalstruktur versammelt Pantons Entwürfe aus unterschiedlichen Jahrzehnten und macht die Bandbreite seines Gestaltens sichtbar. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Die Regalstruktur versammelt Pantons Entwürfe aus unterschiedlichen Jahrzehnten und macht die Bandbreite seines Gestaltens sichtbar. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Muster, Textilien und Wahrnehmung

Der Auftakt über Textilien und Muster zeigt, dass Farbe bei Panton nie bloss dekoratives Beiwerk war. Frei im Raum hängende Stoffbahnen mit geometrischen, optischen oder organischen Motiven bilden durchlässige Grenzen und verwandeln die Ausstellung in eine Folge unterschiedlich dichter Farbräume. Daneben vermitteln Materialproben, grafische Studien und Kleidungsentwürfe, wie konsequent Panton seine Motive über verschiedene Massstäbe hinweg weiterdachte – vom Stoffmuster bis zum Interieur. Ein schwarz-weiss gemusterter Raum, in dem Wand, Decke und Boden in ein einziges grafisches Kontinuum übergehen, verdeutlicht dieses Prinzip besonders eindrücklich: Nicht das Möbel steht vor einem neutralen Hintergrund, sondern der gesamte Raum wird zum Bild.

Franz Wamhof © ​ Verner Panton Design AG

Der Panton Chair verbindet fliessende Form, Kunststoff und kräftige Farbe zu einem der bekanntesten Möbelentwürfe des 20. Jahrhunderts. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Der Panton Chair verbindet fliessende Form, Kunststoff und kräftige Farbe zu einem der bekanntesten Möbelentwürfe des 20. Jahrhunderts. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Vom Stuhlmodell zur Serienproduktion

Die chronologisch gegliederte Schau beginnt bei Pantons frühen Entwürfen aus den 1950er-Jahren. Nach seiner Ausbildung an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen und ersten beruflichen Erfahrungen bei Arne Jacobsen wandte er sich rasch von der damals prägenden, eher zurückhaltenden dänischen Möbeltradition ab. Seine frühen Stuhlmodelle zeigen bereits den Wunsch, vertraute Konstruktionen aufzulösen: Rücken, Sitz und Standfläche verschmelzen zu einer durchgehenden Linie. Mit dem Panton Chair erreichte diese Idee schliesslich industrielle Konsequenz. Der Entwurf, dessen Grundgedanke aus der Mitte der 1950er-Jahre stammt und 1967 mit Vitra in Serie ging, wurde zum Sinnbild eines Sitzmöbels ohne Hinterbeine und aus einem Stück Kunststoff.

Franz Wamhof © ​ Verner Panton Design AG

Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Die Ausstellung macht aus dieser Ikone jedoch keinen isolierten Höhepunkt. Varianten, Prototypen und unterschiedliche Farbversionen zeigen, dass der Panton Chair das Resultat eines längeren Entwicklungsprozesses war. Auch andere Entwürfe – von kegelförmigen Sesseln über Drahtmöbel bis zu Leuchten – belegen Pantons Interesse an Möbeln, die sich nicht nur benutzen, sondern räumlich lesen lassen. Manche wirken wie kleine Architekturen, andere wie Körper oder Zeichen. Ihre skulpturale Präsenz verändert das Verhältnis zwischen Objekt und Benutzer*in: Sie fordern nicht nur zum Sitzen auf, sondern prägen auch die Wahrnehmung des umgebenden Raums.

Franz Wamhof © ​ Verner Panton Design AG

Hängeschaukeln für die Wohnlandschaft: Verner Panton entwickelte die gepolsterten, höhenverstellbaren Sitzobjekte 1967/68 für seine Ausstellung Visiona 0. An Seilen abgehängt, verbinden sie Möbeldesign, Bewegung und Rauminszenierung. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Hängeschaukeln für die Wohnlandschaft: Verner Panton entwickelte die gepolsterten, höhenverstellbaren Sitzobjekte 1967/68 für seine Ausstellung Visiona 0. An Seilen abgehängt, verbinden sie Möbeldesign, Bewegung und Rauminszenierung. Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Foto: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Eine Landschaft für den Körper

Den radikalsten Ausdruck erreicht diese Haltung in der begehbaren Rekonstruktion der Fantasy Landscape. Panton entwickelte die Installation 1970 für die Ausstellung Visiona II in Köln, die im Auftrag von Bayer die gestalterischen Möglichkeiten neuer synthetischer Materialien demonstrieren sollte. Die heutige Rekonstruktion überträgt das historische Projekt nicht in die Distanz eines musealen Schaustücks, sondern erlaubt den Eintritt in eine weich gepolsterte, farblich intensiv aufgeladene Raumlandschaft. Sitzflächen, Durchgänge, Höhlungen, Decken und Wände gehen ineinander über; die übliche Trennung zwischen Möbel und Architektur verliert ihre Bedeutung. Besucher*innen sitzen, liegen oder bewegen sich durch die geschwungenen Formen. So wird Gestaltung unmittelbar körperlich erfahrbar.

Gerade hier wird verständlich, weshalb die Bezeichnung «Pop-Designer» für Panton zu kurz greift. Zwar nutzt er leuchtende Farben, Kunststoff, Spiegelungen und optische Reize mit demonstrativer Lust. Doch hinter dieser Bildkraft steht eine genaue Untersuchung von Wahrnehmung. Die Fantasy Landscape ist nicht einfach Kulisse, sondern ein Versuch, Gewohnheiten des Wohnens und Sich-Aufhaltens neu zu organisieren. Sie fragt, wie viel Bewegung, Rückzug, Offenheit und Sinnlichkeit ein Innenraum ermöglichen kann.

Muster als Gestaltungsmittel: Die präsentierten Textil- und Grafikentwürfe von Verner Panton zeigen, wie konsequent er Farb und Oberfläche in seine Raumkonzepte einbezog.
Installationsansicht im Vitra Design Museum Design von Verner Panton © Verner Panton Design AG | Fotos: Franz Wamhof © Vitra Design Museum

Interieurs als Gesamtkunstwerke

Die Ausstellung erweitert das bekannte Bild Pantons zudem um weniger geläufige architektonische Arbeiten und um Projekte für umfassend gestaltete Innenräume. Dazu gehören unter anderem seine Beiträge zu den Visiona-Ausstellungen, zur Kantine des Spiegel-Verlagshauses in Hamburg oder zum Restaurant Varna in Aarhus. Überall zeigt sich derselbe Anspruch: Nicht einzelne Objekte sollten ein Interieur aufwerten, sondern ein abgestimmtes Zusammenspiel von Licht, Farbe, Material und Form sollte eine eigene Welt erzeugen.

Im Vitra Schaudepot wird diese Welt nicht nostalgisch nachgestellt. Die Schau bleibt in ihrer Struktur sachlich und offen genug, um Pantons Arbeitsweise nachvollziehbar zu machen. Gleichzeitig lässt sie seinen Entwürfen den Raum, ihre visuelle und körperliche Wirkung zu entfalten. So entsteht ein differenziertes Bild eines Gestalters, der nicht nur berühmte Möbel schuf, sondern Räume als Medien der Wahrnehmung verstand – und der die Grenzen zwischen Objekt, Interieur und Architektur konsequent verschob.

Vitra Design Museum

Verner Panton. Form, Farbe, Raum

Ausstellung: Bis 9. Mai 2027

Ort: Charles-Eames-Str. 2, Weil am Rhein

Öffnungszeiten: Täglich 10–18 Uhr

Weitere Informationen
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