Zirkel, Winkel, Wissen – die EPFL zeigt The Extraction of Value

 

Veröffentlicht am 26. Oktober 2026 von
Nina Farhumand

Was weiss eine Wasserwaage über Architektur? Mehr, als ihre schlichte Form vermuten lässt. Bevor ein Bauteil sitzt, müssen Masse übertragen, Linien gezogen und Abweichungen erkannt werden. Die Ausstellung «The Extraction of Value. Measures, Materials and Craft» bei Archizoom EPFL rückt diese oft übersehenen Arbeitsschritte ins Zentrum. Sie fragt, welches Wissen in den Werkzeugen des Bauens steckt – und was sich verändert, wenn deren Aufgaben zunehmend digitale Systeme übernehmen.

Dimitri Kasparian

Ansicht der Szenografie mit dem USM Haller Einrichtungssystem, 3D-Modellierung, 2026. | Foto: Dimitri Kasparian

Ansicht der Szenografie mit dem USM Haller Einrichtungssystem, 3D-Modellierung, 2026. | Foto: Dimitri Kasparian

Vom Plan zum Bauwerk

Ein Gebäude entsteht nicht allein aus Zeichnungen und Berechnungen. Auf der Baustelle müssen geplante Masse in konkrete Positionen übersetzt, Höhen überprüft und Bauteile aufeinander abgestimmt werden. Zwischen Entwurf und gebauter Wirklichkeit liegen unzählige kleine Entscheidungen: Wo beginnt eine Linie? Welcher Abstand ist entscheidend? Wie lässt sich eine Form wiederholen, ohne jedes Mal von vorn anzufangen? Die Instrumente, mit denen solche Fragen beantwortet werden, sind im fertigen Bauwerk kaum noch sichtbar. Die Ausstellung bei Archizoom EPFL holt sie aus dem Hintergrund.

Jacob Schlüssel

Historische Mess- und Anreisswerkzeuge aus der Sammlung von Paolo Tombesi | Foto: Jacob Schlüssel

Historische Mess- und Anreisswerkzeuge aus der Sammlung von Paolo Tombesi | Foto: Jacob Schlüssel

Was Messwerkzeuge über das Bauen erzählen

Ihr Ausgangspunkt ist die Sammlung des Architekten Paolo Tombesi. Über mehrere Jahrzehnte hat er mehr als 300 historische Messinstrumente aus verschiedenen Weltregionen zusammengetragen – darunter Wasserwaagen, Senklote, Lehren, Schablonen und graduierte Massstäbe. Die Ausstellung präsentiert sie nicht bloss als technische Kuriositäten. Sie betrachtet die Werkzeuge als Zeugnisse einer Praxis: In ihrer Form und Handhabung zeigt sich, wie Menschen Materialien bearbeitet, Aufgaben verteilt und Genauigkeit hergestellt haben.

Skalen, Tabellen und Winkel zeigen die Vielfalt der Werkzeuge, mit denen Masse bestimmt und auf Materialien übertragen wurden.
| Sammlung Paolo Tombesi | Fotos: Jacob Schlüssel

Präzision ist nicht alles

Die Geschichte des Messens lässt sich leicht als Geschichte immer genauerer Instrumente erzählen. «The Extraction of Value» schlägt eine andere Perspektive vor. Entscheidend ist nicht allein, wie präzise ein Werkzeug misst, sondern ob es für eine bestimmte Arbeit geeignet ist. Wer ein Gelände vermisst, stellt andere Anforderungen an ein Instrument als jemand, der in einer Werkstatt ein Bauteil anreisst. Robustheit, Gewicht, Steifigkeit und Transportierbarkeit können ebenso wichtig sein wie die kleinste ablesbare Einheit.

Auch die Handhabung gehört zum Wissen eines Werkzeugs. Manche Instrumente helfen, einen Wert zu bestimmen; andere dienen dazu, eine Linie zu ziehen, eine Form zu übertragen oder das Ergebnis eines Arbeitsschritts zu kontrollieren. Messen ist damit weit mehr als das Ablesen einer Zahl. Es verbindet Körper, Material und Methode – und macht Zusammenarbeit auf der Baustelle überhaupt erst möglich.

Die mehr als 300 Objekte werden in einem dreidimensionalen Raster angeordnet. Dieses Ausstellungskonzept soll Vergleiche zwischen unterschiedlichen Werkzeugen und Tätigkeiten ermöglichen. Zugleich macht es deutlich, dass Messinstrumente nicht isoliert entstanden sind: Ihre Gestaltung erzählt auch von handwerklichen Spezialisierungen, wirtschaftlichen Bedingungen und der Organisation von Arbeit.

Messinstrumente waren nicht nur funktional: Neben fein unterteilten Rechenmassstäben finden sich auch aufwendig bemalte Holzleisten.
| Sammlung Paolo Tombesi | Fotos: Jacob Schlüssel

Wo liegt das Wissen heute?

Für Architekt*innen führt die Ausstellung damit zu einer aktuellen Frage. Digitale Technologien können Messungen beschleunigen, präzisieren und unmittelbar in weitere Planungs- oder Produktionsschritte übertragen. Gleichzeitig verlagert sich der Messvorgang: Was früher als Handlung zwischen einer Person, einem Instrument und einem Bauteil sichtbar war, findet heute oft innerhalb technischer Systeme statt.

Die Ausstellung stellt diese Entwicklung nicht als einfachen Verlust dar. Sie lädt vielmehr dazu ein, genauer hinzusehen: Was wird durch digitale Verfahren möglich? Und welches Verständnis entsteht gerade dadurch, dass man ein Werkzeug ansetzt, ausrichtet und ein Ergebnis am Material überprüft? Tombesis Sammlung erinnert daran, dass die Qualität eines Bauwerks nicht nur im Entwurf begründet liegt, sondern auch in den Methoden, mit denen dieser Entwurf in die Wirklichkeit übertragen wird.

Archizoom EPFL

The Extraction of Value. Measures, Materials and Craft

Ausstellung: 25. November 2026 bis 3. April 2027

Vernissage: 24. November 2026

Ort: SG-Gebäude, Place Ada Lovelace

Öffnungszeiten: Mo–Fr, 9.30–17 Uhr; Di bis 20 Uhr

Weitere Informationen
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