Urhütte, Zelt und Landschaftsbühne – eine Spielstätte für Hannibal auf dem Julierpass

 

Event

Veröffentlicht am 18. August 2026 von
Jørg Himmelreich

Der Zuschauerraum leitet den Blick in die rauhe Bergwelt am Julierpass. | Foto: Stefan Kaiser

Der Zuschauerraum leitet den Blick in die rauhe Bergwelt am Julierpass. | Foto: Stefan Kaiser

Der Zuschauerraum leitet den Blick in die rauhe Bergwelt am Julierpass. | Foto: Stefan Kaiser

Mit dem Freilichtspiel Hannibal hat Origen auf dem Julierpass eine neue Bühne errichtet, die sich als Architektur deutlich behauptet – und doch der Landschaft den Vorrang lässt. Auf rund 2300 Metern über dem Meer steht ein temporäres Theaterhaus aus Holz, entworfen von Intendant Giovanni Netzer. Seine markante, dreieckige Gestalt und das Zeltdach zeichnen eine präzise Silhouette in die offene Passlandschaft.

Giovanni Netzer begleitet Architekturen nicht bloss als funktionale Bauaufgaben. Er entwickelt Ideen aus Ort, Stoff und Nutzung, liest die Eigenheiten einer Landschaft und webt Geschichten um sie herum. Seine Bauten sind Teil einer dramaturgischen Gesamtkomposition: Sie schaffen nicht nur Raum für Kunst, sondern tragen die Erzählung mit. Auf dem Julierpass verdichtet sich dieses Verständnis in einer Architektur, die ebenso klar wie elementar erscheint. Die neue Bühne besitzt eine ausgeprägte architektonische Kraft. Ihre dreieckige Form und das hoch aufragende Zeltdach setzen ein starkes Zeichen in der weiten, kargen Hochgebirgslandschaft. Das Bild ist dabei bewusst erzählerisch aufgeladen: Es verweist unmittelbar auf Hannibals Heerlager, auf eine Armee in Bewegung und auf den provisorischen Schutzraum in einer unwirtlichen Umgebung. Zugleich ruft der Bau das archetypische Bild der Urhütte auf – Architektur in ihrer ursprünglichsten Form, als Zuflucht, Versammlungsort und Schutz vor Wind, Kälte und Wetter.

Der Raum unter der Tribüne bildet das Foyer. | Foto: Stefan Kaiser

Der Raum unter der Tribüne bildet das Foyer. | Foto: Stefan Kaiser

Der Raum unter der Tribüne bildet das Foyer. | Foto: Stefan Kaiser

Gerade auf einer Passhöhe, die grossen Wetterwechseln ausgesetzt ist, wird diese Lesart konkret. Die Konstruktion musste unter alpinen Bedingungen entwickelt und errichtet werden; Planung, Produktion und Montage erfolgten innerhalb von rund zwei Monaten. Für den Bau kamen etwa 150 Kubikmeter Fichtenholz zum Einsatz. Bis zu 18 Meter lange Träger strukturieren Dach und Boden und geben dem temporären Haus seine kraftvolle, fast zeichenhafte Präsenz. Der Aufbau verlangte eine sorgfältig koordinierte Logistik: Zeitweise waren auf dem Pass gleichzeitig zwei mobile Turmdrehkräne im Einsatz.

Doch gerade weil die Architektur so klar gesetzt ist, bleibt sie bewusst minimal. Sie versucht nicht, die Landschaft durch ein spektakuläres Bühnenbild zu ersetzen oder zu überformen. Vielmehr fügt sie der Umgebung ein konzentriertes Element hinzu, das den Blick nach aussen öffnet. Das Theaterhaus wird zum Rahmen – und die alpine Topografie selbst zur Bühnenarchitektur. Die verstreuten Steine und Felsblöcke im Vordergrund, die kleinen Hügel und Geländekanten, das ansteigende Terrain im Hintergrund und die darüber aufragenden Bergmassive übernehmen eine szenografische Funktion. Sie schaffen Tiefenräume, Blickachsen und natürliche Auftrittsorte. Darstellende verschwinden in der Weite, tauchen hinter Erhebungen auf oder stehen als kleine Figuren gegen die Massstäblichkeit der Berge. Die Landschaft ist hier keine romantische Kulisse, sondern eine aktive Mitspielerin des Stücks.

Die Tänzer*innen zeichnen mit den Bewegungen die Feinheiten der Landschaft nach. | Foto: Stefan Kaiser

Die Tänzer*innen zeichnen mit den Bewegungen die Feinheiten der Landschaft nach. | Foto: Stefan Kaiser

Die Tänzer*innen zeichnen mit den Bewegungen die Feinheiten der Landschaft nach. | Foto: Stefan Kaiser

Landschaft vorgelesen

Hannibal erzählt den antiken Stoff nicht als historisches Kostümdrama, sondern als zeitgenössisches Tanztheater. Die Inszenierung verbindet professionelle Tänzer*innen mit jungen Amateurdarstellenden und entwickelt ihre Bilder aus grossen Bewegungsformationen, körperlicher Intensität und der Weite des Orts. Der Darstellungsraum endet dabei nicht am Bühnenhaus: Die Spielenden durchqueren das unebene Gelände, erscheinen zwischen Felsblöcken, sammeln sich auf Geländekanten oder verlieren sich im offenen Raum des Passes. Was auf einer herkömmlichen Theaterbühne eine duch die Abmessungen der Bühne beschränkte choreografische Komposition bleiben würde, wird hier zur landschaftsräumlichen Erfahrung – Körper, Architektur und Topografie treten in einen direkten Dialog. Gerade die Erhabenheit der Landschaft verleihen dem Stück seine beeindruckende Massstäblichkeit. Das Heer Hannibals wird nicht durch Kulissen oder Menschenmassen behauptet, sondern durch Bewegungen, die sich über die Passhöhe ausbreiten: Gruppen verdichten sich, lösen sich auf, rücken vor oder geraten auseinander. Die Tänzer*innen nutzen die hölzerne Zeltarchitektur als Schutzraum, Hintergrund und Ausgangspunkt, während Steine, Hügel und Berge zu natürlichen Widerständen und Gegenübern werden. So entsteht ein Bewegungstheater, in dem der Mensch angesichts der grossen Landschaft klein wirkt – und dessen Konflikte um Macht, Krieg und Zweifel gerade dadurch existenzielle Schärfe gewinnen.

Foto: Stefan Kaiser

Foto: Stefan Kaiser

Foto: Stefan Kaiser

Diese räumliche Konstellation entspricht dem Stoff von Hannibal. Die Geschichte eines Heeres, das die Alpen überquert, von Machtansprüchen, Krieg, Zweifel und Verlust, trifft auf einen Ort, an dem menschliche Ambitionen unvermeidlich klein erscheinen. Die Bühne schafft dafür keine künstliche Welt. Sie legt die reale Welt frei: die Härte des Klimas, die Unberechenbarkeit des Wetters, die Weite des Passes und die stille Dauer der Gebirgsmassive.

Auch konstruktiv folgt das Projekt einer Logik des Temporären und Wiederverwendbaren. Teile der Zuschauertribüne waren bereits bei früheren Origen-Produktionen in Lantsch und Mulegns im Einsatz. Nach Abschluss der Spielzeit von Hannibal, die bis zum 22. August 2026 dauert, soll die Anlage vollständig demontiert, eingelagert und für künftige Projekte erneut verwendet werden. Auch das mobile Fundament wird zurückgebaut. Der Bau bleibt damit nicht dauerhaft auf dem Pass, wohl aber als Material, Konstruktion und Erfahrung im kulturellen Gedächtnis von Origen erhalten.

Foto: Stefan Kaiser

Foto: Stefan Kaiser

Foto: Stefan Kaiser

An der Realisierung waren zahlreiche spezialisierte Unternehmen beteiligt: Die Bauherrschaft liegt bei der Nova Fundaziun Origen, während Giovanni Netzer die Architektur verantwortet und Daniele Steiner ihn in der Planung unterstützte. Die Engineering-, Holzbauplanungs- und Koordinationsleistungen übernahm Invias AG. Uffer Holz AG war für Produktion und Montage der Holzkonstruktion zuständig; das Holz wurde über Resurses, das Holzverarbeitungszentrum von Uffer, bereitgestellt. Das mobile Fundament realisierte die Battaglia Bau AG, die Dachmembran stammt von Bieri Tenta. Für Lichtplanung und -design zeichnete Tokyoblue verantwortlich, während Brasser die Lichtinstallation und Theatertechnik ausführte.

Der weisse Turm in Mulegns dient dem Origen Festival als Veranstaltungsort und ist zugleich ein neues Wahrzeichen für das gesamte Oberhalbsteintal. | Foto: Jørg Himmelreich

Der weisse Turm in Mulegns dient dem Origen Festival als Veranstaltungsort und ist zugleich ein neues Wahrzeichen für das gesamte Oberhalbsteintal. | Foto: Jørg Himmelreich

Der weisse Turm in Mulegns dient dem Origen Festival als Veranstaltungsort und ist zugleich ein neues Wahrzeichen für das gesamte Oberhalbsteintal. | Foto: Jørg Himmelreich

Vom Theaterfestival zum gebauten Kulturlabor

Seit seiner Gründung im Jahr 2005 entwickelt Origen Kultur nicht allein über Inszenierungen, sondern auch über Orte. Was 2006 mit dem Theater in der Burg Riom begann, wurde schrittweise zu einem baukulturellen Netzwerk im Surses: Historische Gebäude werden umgedeutet, sorgfältig umgebaut und mit neuem Leben gefüllt; temporäre Bauten schaffen zugleich markante, zeitlich begrenzte Räume für Tanz, Musiktheater und Landschaftsspiel. Origen versteht Architektur damit als Teil seiner künstlerischen Praxis – als Bühne, Denkmalpflege, Handwerk und regionale Entwicklung zugleich.

Ein Schlüsselprojekt dieser Haltung ist das Wintertheater in der ehemaligen Scheune von Sontga Crousch in Riom. Der zwischen 2012 und 2015 realisierte Umbau von Gasser, Derungs Innenarchitekturen verwandelte den historischen Stall in eine ganzjährig bespielbare Spielstätte für Theater, Konzerte, Tanz und Proben. Mit subtilen Eingriffen wurden die Patina des Bestands, die hölzernen Bauteile, die steinernen Rundbögen und sogar die historische Flusskieselpflästerung erhalten und neu lesbar gemacht. Der Stall wurde so nicht überformt, sondern in seiner materiellen Erinnerung als Theaterraum weitergeschrieben.

Daneben stand der Rote Turm auf dem Julierpass als das prägnanteste Beispiel für Origens temporäre Architektur. Der 2017 errichtete hölzerne Theaterbau setzte auf der Passhöhe ein weithin sichtbares Zeichen und verband eine dichte, vertikale Spielstätte mit dem Panorama der Alpen. Hohe Fenster öffneten den Innenraum zur Landschaft; die kühne Holzkonstruktion wurde zum bislang ikonischsten Aufführungsort und zu einem international stark beachteten Wahrzeichen des Festivals. Nach sechs Spieljahren begann im September 2023 der Rückbau. Technik, Türen, Mobiliar und weitere Bauteile wurden andernorts weiterverwendet.

Seit 2019 erweitert Origen diese Arbeit in Mulegns. Dort werden historische Bauten wie die denkmalgeschützte Weisse Villa des Architekten Lafargue und das Hotel Löwe gesichert, restauriert und wieder in einen kulturellen und gastgewerblichen Zusammenhang gestellt. Mit dem Weissen Turm ist zudem ein weiterer Besuchermagnet entstanden: Der in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich realisierte, weltweit höchste digital gedruckte Turm dient als Belvedere, Kunstinstallation und Veranstaltungsort.

Zwischen Burg und Stall, Villa und Hotel, digital gedrucktem Turm und temporärem Passbau entsteht so ein vielschichtiges Ensemble, das dem Festival vielfältige Spielorte und begleitende Infrastruktur bietet und zugleich das Oberhalbsteintal als Kultur- und Lebensraum kontinuierlich weiterentwickelt. Die Bauten lassen die Geschichte des Tals greifbar werden und machen es zu einem Labor für künftige Entwicklungen – für den alpinen Kontext und darüber hinaus.

Jeweils nachmittags vor den Aufführungen findet in Mulegns eine Einführung zum Werk statt. Diese beleuchtet den historischen Hintergrund, die Entstehung des Werks, die Idee der Inszenierung und das internationale Ensemble.

Hannibal

Ort: Julierpass

Datum: 2. Juli – 22. August 2026

Zeit: 20 Uhr

Infos und Tickets
241254538