Neugestaltung Seehundeanlage im Tierpark Bern
3005 Bern,
Schweiz
Veröffentlicht am 17. April 2026
Sonja Huber Architektur GmbH + Carol Hutmacher Architektur GmbH
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Beschreibung
Die Gesamterneuerung des Seehundebeckens im Tierpark Bern verlangte nicht nur eine naturnahe und abwechslungsreiche Gestaltung der Becken, sondern auch eine Verschattung über einen Grossteil der Aufenthaltsorte der Tiere. Da sich Seehunde im Tierpark wesentlich häufiger an der Wasseroberfläche bewegen, als dies in der freien Natur der Fall ist, reagierten sie empfindlich auf die direkte Sonneneinstrahlung.
Das Wohl der Tiere stand bei der Umgestaltung der Anlage an erster Stelle. Die Becken konnten in ihrer Grösse beibehalten werden, deren Ausgestaltung wurde in Anlehnung an eine Fjordlandschaft neu konzipiert und näher an den natürlichen Lebensraum der Tiere geführt. Eine Unterwasser-Kunstfelsenlandschaft bietet Rückzugsmöglichkeiten, abwechslungsreiche Parcours und Futterplätze unter der Wasseroberfläche, die das Tierverhalten positiv beeinflussen und mehr verschattete Areale anbieten. Strömungen und Futterautomaten gestalten den Aufenthalt unter Wasser abwechslungsreich. Gleichzeitig werden über der Wasseroberfläche unterschiedliche Liegeplätze angeboten. Die Wassereinspeisung plätschert neu über die Felsen und es wird zusätzlich ein Salzwasserbecken angeboten. Die Kunstfelslandschaft bildet im Einklang mit der bestehenden, im Rücken des Beckens stehenden grün bewachsenen Mauer, einen Hintergrund für die Beobachtung der Tiere.
Die raumhaltige Mauer zwischen Seehundebecken und Vivarium ist Teil der Vivariumserweiterung von 1985 und, mit porösen Zementsteinen verkleidet, charakterbildend für die Seehundeanlage. Die teilweise vermooste Oberfläche, die durch das darüber fliessende Dachwasser des gesamten Vivariumdachs entsteht, ist auch Boden für Farne und Pflanzen, die die Mauer partiell natürlich und wild begrünen. Das dahinter liegenden Vivarium wird denkmalpflegerisch als erhaltenswert eingestuft. Bei der Konzeption der Beschattungsanlage galt es nun, auf diesen Bestand angemessen einzugehen und gleichzeitig verlangte der gestalterische Ansatz einer Fjordlandschaft mit Felspartien und Plattensteinstrukturen nach einer leichten und ephemeren Architektur. Ein besonderes Anliegen war es zudem, die Mauer in seiner Wirkung und im Charakter zu erhalten und dennoch eine Verschattung der Tierwelt anbieten zu können. Das ursprüngliche Vivarium von 1936 wurde 1985 mit der raumhaltigen Mauer im Norden ergänzt und dazwischen ein Dach aus aneinander gereihten, langen Satteldächern in filigraner Stahl-Glas-Konstruktion aufgespannt. Die neue Verschattungsanlage nimmt die Linienführung dieses fein gefalteten Daches auf und führt sie über die Seehundebecken weiter. Eine präzis gesetzte Fuge zwischen Bestand und neuem Dach gewährt die bisherige Durchlässigkeit für das Regenwasser, das anschliessend über die Mauer fliesst. Anstelle der Glas-Stahl-Konstruktion des Vivariums bedient sich die neue Verschattung einer Stahlkonstruktion, die mit einer Membrane bespannt wird. Zum Besucherraum hin, steigt das Dach leicht an, um ein Gefühl der räumlichen Grosszügigkeit zu schaffen. Jeder zweite Träger erfährt einen stärkeren Anstieg was dazu führt, dass die Dachfaltung sich verdreht, respektive horizontal spiegelt. Diese Verdrehung dient der fachgerechten Spannung der Tuchbahnen.
Die Stahlkonstruktion ruht auf filigranen Rundstützen, die auf der einen Seite dem Beckenrand folgen, auf der anderen Seite auf der rückwärtigen Mauer aufsetzen. Um das Stützenraster auf der Besucherseite zu lichten, wird nur jeder zweite Träger auf eine Stütze abgestellt. Diese wachsen in Chromstahl aus dem Wasser und verjüngen sich nach oben, wo sie sich in ein feines Fachwerk verästeln, das die dazwischenliegenden Träger auffängt und die Konstruktion verstrebt. Im Bereich eines Besucherdurchgangs weitet sich das Fachwerk dreidimensional auf, um eine zusätzliche Stütze auffangen zu können.
Die bis zu 13m langen Träger werden auf Grund der notwendigen Vorspannung auf Mass gefertigt. Nur jeder zweite Träger wird als H-Träger ausgebildet, um auf der Stütze auflagern zu können. Die dazwischenliegenden Träger werden auf ein einfaches Schwert reduziert. Mit der differenzierten Farbgebung zwischen Steg und Flansch, einer leicht nach oben geschobener Position des Steges und dem vorderen Abschluss wirken auch die H-Träger filigran und werden als Verbund zweier Schwerter gelesen. Farblich abgesetzte Rondellen dienen jeweils als Montageplatten oder der Kabelspannung des Segels. Die Entwässerung des Daches wird in den H-Trägern geführt und durch präzis gesetzte Öffnungen im Steg ebenfalls über die bestehende Mauer in die Sickerleitung geführt. Die gesamten Massnahmen zur Neugestaltung der Anlage konzentrieren sich auf das Notwendige. Die bestehenden Becken wurden beibehalten und umgestaltet und noch intakte Elemente wie etwa die Glasbrüstungen wurden an Ort und Stelle belassen.
Mit dem neuen, gefalteten Segeldach und der sich darunter ausbreitenden Fjordlandschaft wird die Seehundeanlage des Tierparks Bern in eine nächste Nutzungsphase geführt. Trotz Überdachung konnte die aussenklimatische Atmosphäre beibehalten, durch die natürliche Gestaltung der Felslandschaft sogar verstärkt werden. Die Anlage wurde ohne grössere Rückbauten deutlich aufgewertet und sowohl zusätzliche Qualität für das Tierwohl geschaffen wie auch das Besuchererlebnis in räumlicher wie klimatischer Hinsicht gesteigert. Die Gesamterneuerung des Seehundebeckens erfolgte unter der Gesamtleitung der Weber + Brönnimann Landschaftsarchitekten AG, die gleichzeitig die Neugestaltung der Becken mit Fjordlandschaft konzipierte. Die Beschattungsanlage wurde von der ARGE HuberHutmacher (Sonja Huber Architektur und Carol Hutmacher Architektur) entwickelt.
Was ist das Besondere an der Bauaufgabe?
Die Bauaufgabe umfasste eine naturnahe Gestaltung der Seehundebecken, gleichzeitig eine möglichst filigran wirkende Beschattungsanlage, die die aussenklimatische Atmosphäre beibehält, aber dennoch einen vollumfänglichen Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung gewährt. Dem dahinter liegenden, denkmalgeschützten Vivarium musste gleichsam Rechnung getragen werden. Dies erforderte eine sensible Analyse des Bestandes, der bestehenden Atmosphäre und der dafür relevanten Elemente. Die landschaftliche Neugestaltung des Beckens schafft im Zweiklang mit der neuen Beschattungsanlage die bisherigen Qualitäten, wie etwa die begrünte Mauer im Rücken, noch besser in Szene zu setzten und die landschaftliche Atmosphäre des Lebensraumes der Seehunde zu verstärken.
Welche Rolle hatten Standort und Bestand auf den Entwurf?
Der Bestand war massgebend für die Entwicklung der Umgestaltung der Anlage. Die Neugestaltung der Becken spielt bewusst mit der natürlich begrünten Wand im Hintergrund, das Schattendach setzt formal das Vivariumdach fort und verformt sich, die Aussenraumatmosphäre unterstützend, zum Besucherraum hin. Gleichzeitig wurden die Massnahmen auf das notwendige reduziert, so konnte mit den bestehenden Becken gearbeitet werden und noch intakte Elemente wie beispielsweise die Glasbrüstungen blieben erhalten.
Wie fügt sich das Gebäude in die Reihe der bisher realisierten Bauten Ihres Büros?
Die Entwicklung des Daches für die Seehundeanlage war eine neuartige Aufgabe im Portfolio der ARGE HuberHutmacher. Die Herangehensweise, die sich stark am Bestand und an der gebauten Umgebung orientiert und unter Stärkung vorhandener Qualitäten ein neues Ganzes schafft, entspricht unserem Vorgehen für all unsere Bauaufgaben.
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg Ihres Bauwerks beigetragen?
Die fachspezifische Installation der Membrane, die eine verdrehte Spannung gegenüber einer planen Spannung bevorzugt, hat wesentlich zum des Entwurfes der Beschattungsanlage beigetragen.
Das Projekt von ARGE HuberHutmacher (Sonja Huber Architektur und Carol Hutmacher Architektur) wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jeannine Bürgi publiziert.