EMI Architekt*innen inszenieren beim Theater Winterthur Technik als Architektursprache

Veröffentlicht am 08. Juni 2026 von
Daniela Meyer

Mit zahlreichen Einzelmassnahmen haben EMI Architekt*innen das Theater Winterthur für die Zukunft gerüstet. Das einzigartige Bauwerk zeugt vom ordnungsliebenden Geist seines Schöpfers Frank Krayenbühl und der Technikbegeisterung der 1970er-Jahre. Diesen Prinzipien folgte auch die umfassende Sanierung, die kaum optische Veränderungen mit sich brachte – und gerade dadurch die heute ungewohnt wirkende Sprache bewahrt, die dem Gebäude seinen besonderen Ausdruck verleiht.

Im Saal ist es dunkel. Die Bühne ist menschenleer. Vor dem schwarzen Hintergrund schwingt ein riesiges goldenes Pendel hin und her. Der Takt symbolisiert die Zeit, die in Gregor Samsas Leben unterschiedliche Rhythmen anschlägt. Er ist der Protagonist in Franz Kafkas «Die Verwandlung», wofür im Frühling im Theater Winterthur die ersten technischen Proben stattfanden. Am 18. September 2026 wird das als Oper neuinszenierte Werk dort seine Weltpremiere feiern.

Um ein Objekt wie das goldene Pendel oder ein Hintergrundbild auf die Bühne herabzusenken und wieder hochzuziehen, nutzten die Techniker*innen bis vor kurzem zahlreiche Seilzüge, an denen entsprechende Gegengewichte angebracht werden mussten. Erst seit der 2025 abgeschlossenen Sanierung übernehmen am Theater Winterthur elektrische Motoren diese kräftezehrende Arbeit.

Situation | Plan: EMI Architekt*innen

Situation | Plan: EMI Architekt*innen

Situation | Plan: EMI Architekt*innen

Strenge geometrische Ordnung

Als Frank Krayenbühl den markanten Theaterbau nach einer elfjährigen Planungs- und Bauzeit 1979 fertigstellte, galt dieser als sehr modern, insbesondere bezüglich seiner Technik. Der Zürcher Architekt entschied sich, die Bauteile der Gebäude- und Bühnentechnik nicht zu verstecken, sondern sie im Gegenteil zu akzentuieren, indem er ihnen knallige Farbanstriche verpasste. Heute wird sein Werk der Hightech-Architektur zugeordnet, vergleichbar beispielsweise mit dem 1977 in Paris eröffneten Centre Georges-Pompidou. Für das Theater Winterthur entwarf Krayenbühl ein Masssystem, auf dem die Gestaltung des gesamten Hauses basiert: Grundmass ist ein quadratisches Raster von 0,64 x 0,64 Metern; das Vierfache davon ergibt das Achsmass von 2,56 x 2,56 Metern.

Über den Köpfen des Publikums falten sich Faserbetonstreifen. In den Pausen wird der darüberliegende Installationsraum erhellt und damit sichtbar – das Theater offenbart auch dort seine Maschinerie. | Foto: Georg Aerni

Über den Köpfen des Publikums falten sich Faserbetonstreifen. In den Pausen wird der darüberliegende Installationsraum erhellt und damit sichtbar – das Theater offenbart auch dort seine Maschinerie. | Foto: Georg Aerni

Über den Köpfen des Publikums falten sich Faserbetonstreifen. In den Pausen wird der darüberliegende Installationsraum erhellt und damit sichtbar – das Theater offenbart auch dort seine Maschinerie. | Foto: Georg Aerni

Mit derselben Stringenz, mit der Krayenbühl jedes Element artikulierte, packten EMI Architekt*innen die Gesamtsanierung an. Bei der Bewerbung für das Planerwahlverfahren hielten sie 2019 fest, dass sie sich als Anwälte des von Krayenbühl erschaffenen Baudenkmals verstehen würden. Architekt Ramin Mosayebi erklärt diese Haltung so: «Das Haus ist so konsistent gebaut, dass es nicht nötig war, neue Akzente zu setzen. Stattdessen wollten wir es wieder im alten Glanz erscheinen lassen.» Einmal mit dem Auftrag für die Sanierung betraut, legte das Team über tausend Einzelmassnahmen fest, um die während vierzig Jahren angewachsene Technik aufzuräumen, zu erneuern und die heute gültigen Normen zu erfüllen. «Jeder Eingriff musste sich in das ursprüngliche Masssystem einordnen», erläutert Ramin Mosayebi eine der zentralen Leitlinien. «Das half uns und den Handwerker*innen dabei, Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig unterstützt die klare Ordnung auch die Arbeit der Theatermitarbeitenden.» Die neuen Motoren, welche die Seilzüge ersetzen, sind in Reih und Glied an der Rückwand der Seitenbühne montiert. An der Decke sind in regelmässigen Abständen schwarze Schienen für Beleuchtung oder Bühnenbilder befestigt. Die Anzahl der Scheinwerfer liess sich durch die Sanierung von bis zu 900 auf 250 reduzieren. Dank eines neuen Netzwerks müssen sie nicht mehr manuell gesteuert, sondern können bequem per Joystick bedient werden.

Erdgeschoss | Plan: EMI Architekt*innen

Erdgeschoss | Plan: EMI Architekt*innen

Erdgeschoss | Plan: EMI Architekt*innen
Schnitt | Plan: EMI Architekt*innen

Schnitt | Plan: EMI Architekt*innen

Schnitt | Plan: EMI Architekt*innen

Einheitlicher Farbcode

Während sich die Arbeit der Techniker*innen durch die Sanierung gewandelt und sich ihre Sicherheit verbessert hat, bemerken die Besuchenden die Veränderungen kaum. Die silbernen Alu-Sessel und der samtige Glanz ihrer türkisgrünen Bezüge prägen das Erscheinungsbild des asymmetrisch gestalteten Saals auch heute. Wer länger auf einem der rund 800 Klappsessel sitzt, bemerkt vielleicht, dass die neue Polsterung und der Stoff aus Naturfasern ein sehr angenehmes Klima schaffen. Während dem Einlass und der Pausen lenkt eine indirekte Beleuchtung den Blick der Theatergäste an die Decke, wo sich hellgraue Faserzement-Streifen zur Bühne hinunterfalten. Zwischen den Streifen gewähren transparente Plexiglasverkleidungen Einblick in den darüberliegenden Hohlraum und machen die gesamte Raumhöhe erlebbar. Unter dem Dach arbeiten Beleuchter*innen, die sich auf filigranen, abgehängten Stegen bewegen.

Nebst dem strengen Masssystem prägt ein zweiter Grundsatz die Gestaltung des Theaters: Die klar zugewiesenen Farben. «Die Farbgebung der Bauteile folgt einem festen Code», erklärt Ramin Mosayebi. «Wir haben nach den ursprünglichen Tönen gesucht und diese auch auf alle neuen Bauteile angewendet.» Die Stahlprofile, die über dem Foyer ein dreidimensionales Stabtragwerk aufspannen, sind blau, Lüftungsrohre orange und Türen rot – egal ob es sich um ein grosses Brandschutztor oder einen kleinen Durchschlupf handelt. Die Bühnen und die dazugehörige Technik sind schwarz. Dabei handelt es sich stets um hochglänzende Farbanstriche, «wie Autolack» soll Krayenbühl in seinem Ausschreibungstext dazu vermerkt haben. Die hochwertigen und gleichzeitig industriell anmutenden Oberflächen haben bis heute überdauert.

Das Foyer präsentiert sich als künstliche Topografie aus Treppen und Plattformen. | Foto: Georg Aerni
Die 800 Plätze des Theatersaals sind im zeittypischen «Weinbergschema» asymmetrisch angeordnet. | Foto: Georg Aerni

Theater als offene Werkstatt

Da es sich beim Theater von Winterthur um ein junges Denkmal handelt, hatten die Architekt*innen die Möglichkeit, sich mit Zeugen der Entstehungszeit auszutauschen. So erzählte ihnen der frühere Hauswart, der mit seiner Familie einst im Theater wohnte, von Ideen und Absichten Krayenbühls. Verschiedene Recherchen legten nahe, dass der Architekt das Haus als eine lebendige Werkstatt betrachtete. Diesem Bild entspricht das offene Foyer, das sämtliche Ebenen der Theatertopografie miteinander verbindet. Zudem bietet der grosszügige, fliessende Raum Platz für kleinere Aufführungen. Um ein vielfältiges und attraktives Programm zu bieten, müssen in einem Theater verschiedene Formate Platz finden. Während auf der Hauptbühne für «Die Verwandlung» geprobt wird, strömt eine Gruppe von Schulkindern durch den Haupteingang, um auf der mobilen Bühne im Foyer eine Aufführung zu besuchen.

Foto: Roland Bernath

Foto: Roland Bernath

Foto: Roland Bernath

Damit das Foyer auch zukünftig multifunktional genutzt werden kann, mussten verschiedene Anpassungen vorgenommen werden. Die Erfüllung der Brandschutzvorschriften auf der offenen und von Treppen geprägten Erschliessungsfläche stellte die Planenden vor grosse Herausforderungen. Um die Raumgestaltung nicht verändern zu müssen, trafen sie Massnahmen, um die Brandlast im Foyer möglichst gering zu halten. Aus diesem Grund wurde die Garderobe eingehaust: Jacken und Mäntel verschwinden heute hinter spiegelnden Türflügeln, die im Brandfall automatisch schliessen. Statt den neuen Einbau einem Farbcode zuzuordnen, löst er sich dank der Reflexionen auf und spiegelt die rauen Betonwände, aus denen die Untergeschosse konstruiert sind. Die ikonischen roten Eames-Stühle durften im Eingangsbereich stehen bleiben, die quadratischen grauen Tischchen rekonstruieren das historische Design unter Verwendung nicht brennbarer Materialien. Der neue ebenfalls graue Bar-tresen erhöht die Brandlast nicht. Er ist so konstruiert und positioniert, dass er das Fugenmuster der originalen hellen Kunststeinplatten fortführt.

Die roten Türen der vertikalen Fluchtwege wurden brandschutzertüchtigt, wobei ihre Oberflächen erhalten blieben. Sie führen unter anderem in die Garderoben der Künstler*innen. Dank der Sanierung verfügen sie dort über WLAN. Bildschirme und Lautsprecher informieren sie über das Fortschreiten des Spiels auf der Bühne.

In den Garderoben und im Foyer sorgt eine Kühlung für einen angenehmen Aufenthalt während des immer länger dauernden Sommers. Gehbehinderten Personen bietet das Theater nun einen barrierefreien Zugang zu fast allen Räumen: Ein neuer Aufzug neben dem Haupteingang führt zum unteren Parkettzugang sowie zu den Garderoben; beim zweiten Lift wurde ein zusätzlicher Zwischenstopp eingebaut.

Die Ausstattung der Brasserie mit einem Himmel aus orange lackierten Paneelen und hunderten Glühbirnen wurde rekonstruiert. Die Eames Stühle hingegen sind noch Original. | Foto: Roland Bernath

Die Ausstattung der Brasserie mit einem Himmel aus orange lackierten Paneelen und hunderten Glühbirnen wurde rekonstruiert. Die Eames Stühle hingegen sind noch Original. | Foto: Roland Bernath

Die Ausstattung der Brasserie mit einem Himmel aus orange lackierten Paneelen und hunderten Glühbirnen wurde rekonstruiert. Die Eames Stühle hingegen sind noch Original. | Foto: Roland Bernath

Den unverwechselbaren Charakter der 1970er-Jahre bewahren

Die Anpassungen bezüglich Brandschutz und Hindernisfreiheit sind auf den ersten Blick kaum erkennbar. Stattdessen ziehen im Foyer blaue Stahlfachwerke, orange Lüftungsrohre und schwarze Elektroleitungen die Aufmerksamkeit auf sich. Im Gegensatz zum berühmten Pariser Beispiel ordnete Frank Krayenbühl die Haustechnik nicht ausserhalb der Fassade an, sondern beschränkte sich darauf, sie im Innern in Szene zu setzen. Aussen überzog er den plastisch gestalteten Baukörper, der zur Hauptbühne hin in die Höhe wächst, mit einer dünnen Bleihaut. Diese blieb bei der Renovation unangetastet. Im Bereich der Fassade wurden einzig bessere Fenstergläser eingesetzt, die Flachdächer neu isoliert und eine Photovoltaik-Anlage darauf montiert. Diese Eingriffe optimieren das Gebäude energetisch, ohne dabei seinen Ausdruck zu verändern. Somit gilt für Aussen wie für Innen: Das Theater Winterthur repräsentiert die von der Technik geprägte Architektur der 1970er-Jahre originalgetreu. Dank der Sanierung – ausgeführt im perfektionistischen Geiste Krayenbühls – dürfte dieser Zustand für weitere Jahrzehnte bewahrt werden.

Haustechnische Leitungen in Orange und Schwarz; rote Türelemente vor blauem Tragwerk und Wänden – die Architektur von Frank Krayenbühl gibt sich robust aber fröhlich. | Foto: Roland Bernath
Foto: Roland Bernath

Der Text wurde von Daniela Meyer für das Swiss Arc Mag 2026–3 verfasst.

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