PARK fügen dem Schloss Rapperswil eine expressive Treppenskulptur ein
Die behutsame Sanierung von Schloss Rapperswil zeigt exemplarisch, wie historische Substanz und zeitgenössische Architektur miteinander verwoben werden können. Im Palas fügten PARK ARCH eine neue, eindrückliche, von Gletscherspalten inspirierte Vertikalerschliessung ein. So entstand ein atmosphärisch dichter Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der das Baudenkmal neu erfahrbar macht.

Foto: Valentin Jeck
Flaniert man an den Terrassenrestaurants am Zürichsee unter den provenzalisch geschnittenen Platanen hinaus auf die Hafenmole von Rapperswil, fühlt man sich ein wenig wie am Mittelmeer. Blickt man zurück zur Altstadt, dann fangen die steingrauen Türme der mittelalterlichen Kirche und des Schlosses den Blick ein. Diese Stadtkrone, die an die Geschlechtertürme der Toskana erinnert, datiert zurück bis in die Romanik. Der Kern der heute Schloss genannten Burg wurde ab 1220 für Rudolf II. von Rapperswil auf einem schiffsbugartig in den Zürichsee ragenden, mit Weinreben bepflanzten Hügel errichtet. Von dort aus liessen sich der Pilgerweg nach Einsiedeln und der Verkehr auf dem See gut überwachen.

Situation: PARK ARCH
Mittelalterliche Akropolis
Nachdem sich Rapperswil 1464 von den Habsburgern losgekauft und mit der Eidgenossenschaft einen Ewigen Bund geschlossen hatte, diente die mittelalterliche Akropolis bis 1798 als Sitz der eidgenössischen Schirmvögte, anschliessend als Gefängnis und Mietskaserne. Zum Schloss ausgebaut wurde die aus einer Wehrmauer, drei Ecktürmen und dem Palas bestehende Burg 1869 von Julius Stadler. Auftraggeber war der polnische Graf Wladyslaw Plater. Er liess im Wohntrakt das Polnische Nationalmuseum einrichten. Dort konnten er und seine Landsleute von einer besseren Zukunft ihrer unter fremde Mächte aufgeteilten Heimat träumen. Das Museum befand sich – mit zeitlichen Unterbrüchen – bis 2022 im Schloss. Danach wurden die Sammlungsobjekte in der Polenbibliothek am Hauptplatz untergebracht.
Vorangegangen war ein Streit um die Nutzung des Schlosses, der vom Verleger einer lokalen Gratiszeitung losgetreten worden war. Nach heftigen politischen Debatten beauftragte die Ortsgemeinde Rapperswil-Jona 2014 das renommierte Kreativbüro Steiner Sarnen, eine Vision für die öffentliche Nutzung des Schlosses auszuarbeiten. Ende 2017 wurden mehrere Architekturbüros mit einer Präqualifikation zu einem einstufigen Projektwettbewerb eingeladen und gleichzeitig Steiner Sarnen mit der Konzeption der heutigen Schlossausstellung betraut, in der nun das Polenmuseum genauso zur Sprache kommt wie die architektonischen, kriegerischen und politischen Aspekte des Rapperswiler Wahrzeichens.
Im Architekturwettbewerb wurde die denkmalpflegerische Restaurierung sämtlicher historischer Bauteile inklusive der im späten 19. Jahrhundert für das Polnische Nationalmuseum realisierten Interieurs gefordert, die Installation einer Fluchttreppe, eine Buvette im Schlosshof sowie eine neue Erschliessung der gastronomisch und kulturell genutzten Palasräume. Solche Umnutzungen von Burgen und Schlössern sind seit dem späten 19. Jahrhundert eine beliebte Architekturaufgabe, wie gerade auch das Polenmuseum zeigt. War damals das historisierende Rekonstruieren und Weiterbauen en vogue, so entschied man sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts vermehrt für präzise Interventionen in einer modernen Formensprache, die sich klar vom Bestand absetzte. Als Meisterwerke dieser Vorgehensweise gelten Carlo Scarpas Transformation des Castelvecchio von Verona in ein Kunstmuseum (1974) oder Aurelio Galfettis Revitalisierung des Castelgrande in Bellinzona (1989).

Die im Grundriss dreieckige Burganlage thront auf einem Felssporn über der Altstadt von Rapperswil und dem Zürichsee. | Foto: Valentin Jeck
Architektonische Kreativität
Galfettis Motto «restaurieren heisst aktualisieren» klingt in der 2012 abgeschlossenen Erneuerung des Rapperswiler Stadtmuseums im burgartigen Breny-Haus weiter, das neben Schloss und Kirche auf demselben Grat liegt. Die Architekt*innen des Bieler Architekturbüros :mlzd ersetzten den Verbindungstrakt zwischen Stadtpalast und Wehrturm durch einen neuen Erschlies-sungs- und Ausstellungsbereich, den sie gassenseitig mit einer auffällig gefalteten und kubistisch anmutenden Fassade aus Baubronze versahen. Eine entschieden andere Vorgehensweise war bei der Umgestaltung des benachbarten Schlosses Rapperswil gefordert. Denn das im schweizerischen Inventar für Kulturgüter von nationaler Bedeutung eingetragene Baudenkmal erlaubte keine auffälligen Eingriffe an der Aussenhülle. Mit einem ebenso intelligenten wie einfühlsamen Projekt, bei dem das Erscheinungsbild des Schlosses gewahrt und die architektonische Kreativität auf die Innen-erschliessung des Palas konzentriert wurde, ging das Zürcher Büro PARK ARCH – unterstützt vom Kunsthistoriker Philip Ursprung und in der Ausführung durch Jaco Jaeger Coneco Baumanagement – als Sieger aus dem Wettbewerb hervor.
Mit baulichen Neuerungen, die den Bestand respektieren, hat das 2004 gegründete Büro PARK ARCH seit jeher Aufmerksamkeit erregt. Bemerkenswert sind etwa die 2009 vollendete Erweiterung eines spätklassizistischen Hauses an der Gerechtigkeitsgasse in Zürich und die jüngst abgeschlossene Revitalisierung einer Kohlenhalle auf dem Zürcher Koch Areal. (Siehe hierzu: Swiss Arc Mag 2026–1, S. 96 – 107). Es erstaunt daher nicht, dass PARK auch beim Schloss Rapperswil aussen auf das Anfügen spektakulärer Formen verzichtete: Die im Wettbewerbsprogramm vorgeschriebene Buvette integrierten sie einem Möbel gleich in den Schlosshof, und mit der filigranen Fluchttreppe aus Metall verbanden sie ganz sachlich den Gügelerturm mit dem Palas.
Spalten und Mühlen
Im östlichen Innenbereich des Palas aber war ein Zeichen möglich, galt es doch das kleinräumige, vor rund 40 Jahren eingebaute Treppenhaus durch einen übersichtlichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Räumen zu ersetzen. Hier entschieden sich die Architekt*innen für eine starke baukünstlerische Geste und belebten die historische Substanz durch moderne Elemente. «Dabei wurden die Eingriffe vom Bestand abgeleitet», sagt Markus Lüscher beim Gang durch das Schloss. Zentrales Thema war die Senkrechte, inspiriert durch die Türme, welche die Rapperswiler Stadtsilhouette dominieren. Allerdings brauchte es einigen Erfindergeist, um die Vertikale, die auf dem Weg vom See hinauf zum Schloss immer wieder anklingt, auch in der Enge des alten Treppenhauses erfahrbar werden zu lassen. Denn auf wenigen Quadratmetern Grundfläche mussten ein Personen- und ein Warenlift sowie eine auch als Fluchtweg nutzbare Stiege installiert werden.
Bei der Verwirklichung ihres Höhendrangs half den Architekt*innen die Leitidee einer Gletscherspalte, aus deren Tiefe man hinauf zum Licht blickt. Diese Analogie steht in einem produktiven Dialog mit der naturgeschichtlichen Annahme, dass der Felssporn, auf dem das Schloss thront, durch einen eiszeitlichen Vorstoss des Linthgletschers geformt wurde. Die Architekt*innen ordneten die beiden Aufzüge so an, dass sich zwischen dem senkrechten Waren- und dem leicht schräg gestellten Personenlift eine Spalte öffnet, die bis zum Dach reicht. Von dort fällt durch eine Verglasung, die dank einer Ausnahmebewilligung der Denkmalpflege realisiert werden konnte, Tageslicht entlang der schalungsglatten Betonwände der beiden Lifttürme in die Tiefe. So wähnt man sich, wenn man vom Foyer zum ersten Treppenabsatz hinaufsteigend diesen Zwischenraum durchquert, tatsächlich in einer schmalen, bläulich glänzenden Eishöhle.
Als eigentliche Knacknuss erwies sich die Treppenkonstruktion. Die beengten Raumverhältnisse sprachen für eine gewendelte Stiege, doch die für einen Fluchtweg nötige Stufenbreite hätte mit dieser nicht eingehalten werden können. Die Wahl fiel deshalb auf gerade Treppenläufe. Damit diese kein sperriges Raumgefüge ergaben, wurden sie organisch geformt und schwingen konvex und konkav vor und zurück. «Und um die Treppen dynamisch erscheinen zu lassen, wurden die betonierten Brüstungen und Podeste ‹herausgebogen›, erklärt Markus Lüscher. Für die Treppe verweisen die Architekt*innen auf ein weiteres Vorbild – die Gletschermühlen von Cavaglia an der Südabdachung des Berninamassivs. Mit grob gestockten Betonoberflächen versuchten sie der Anmutung von Felsgestein zusätzlich nahezukommen.
Auf diese Weise dynamisierten PARK ARCH die geraden, aufgrund wechselnder Geschosshöhen ungleich langen Stiegen und schufen den Raumeindruck einer Kaskade aus vom Schmelzwasser ausgeschliffenen Gletschermühlen. Die balkonartigen Podeste, von denen aus man die Räume auf den einzelnen Etagen betritt, lassen dank gerundeter Aussparungen und an die Nordmauer des Palas angedockter Verbindungselemente den Blick senkrecht und diagonal durch die phänomenale Konstruktion schweifen. Daraus resultiert ein Raumwirbel, zu dem im Vergleich eine Wendeltreppe geradezu statisch wirkt.
Ingeniöses Weiterbauen
Die zusammen mit dem Basler Bauingenieur Tomaz Ulaga geschaffene, auch der Aussteifung dienende Treppenskulptur stabilisiert nicht nur die Nordmauer, indem sie diese an die Lifttürme bindet, sondern macht das ganze Bauwerk zugleich erdbebensicher. Mit expressiver Kraft evoziert sie Bilder von M.C. Escher oder Details aus Giambattista Piranesis «Carceri». Die Treppenskulptur kommt vor dem Hintergrund des vom Putz befreiten, durch historische Flickstellen belebten Sandsteinmauerwerks, mit dem sie über zahlreiche Kontaktstellen verbunden ist, perfekt zur Geltung. Zugleich wird sie zum Begegnungsort, indem sie als «promenade architecturale» die Säle des Palas miteinander verbindet. Im dritten Obergeschoss endet die Drehbewegung der Stiege beim foyerartigen Podest vor dem Grossen Rittersaal, der mit seiner dezent farbigen Fassung und dem offenen Dachstuhl einen eindrücklichen Kontrast zur neu gestalteten Erschliessungszone bildet.

Axonometrie der Betontreppe | Plan: PARK ARCH
Im Saal finden Konzerte, Vorträge und andere Veranstaltungen statt, während im ersten Stock der Kleine Rittersaal und die Grafenstube für Empfänge, Hochzeiten und Festessen zur Verfügung stehen. In den Räumen auf der zweiten Palasetage kann man sich zudem in die Dauerausstellung vertiefen. Sie beginnt mit historischen Informationen in einem kleinen, auf der Wehrmauer ruhenden Holzraum, führt durch den Wehrgang zum halbrunden Pulverturm und weiter zum aussichtsreichen Gügelerturm, dann über eine stählerne Fluchttreppe in die Palassäle, wo auch die Architektur des Schlosses zur Sprache kommt. Unterschlagen wird hier leider der überzeugende Schlossumbau, der nicht wie Galfettis dramatischer Liftschacht in Bellinzona oder das Rapperswiler Stadtmuseum zu überwältigen sucht. Vielmehr demonstriert die kraftvoll ausdrucksstarke und dennoch unaufgeregte Umgestaltung des Schlosses einmal mehr, dass die gegenwärtige Schweizer Architektur dann besonders glänzt, wenn sie sich dem Erhalt oder der Umnutzungen widmet.

Die Burg hat einen nüchternen, wehrhaften Charakter. Doch besondere Elemente wie der grosse Rittersaal, die neue Fluchttreppe aus Stahl oder das Mausoleum des politischen Freiheitskämpfers Tadeusz Kościuszko mit Gemälden aus dem Jahr 1897 machen den Rundgang zur Entdeckungsreise. | Foto: Valentin Jeck
Der Text wurde für das Swiss Arc Mag 2026–3 verfasst.
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