Provisorisches Unterkunftszentrum für Migrant*innen
1228 Genève,
Schweiz
Veröffentlicht am 07. April 2026
Atelier d'Architecture 3BM3 SA
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Einleitung
Das Projekt der provisorischen Pavillons für die Unterbringung von Migrant*innen des Hospice général in Plan-les-Ouates reduziert sich nicht auf die Errichtung eines Bauensembles, also auf eine blosse Zusammenstellung von Wänden, Dächern und funktionalen Räumen zur Bewältigung einer Notsituation. Es ist in erster Linie eine Geste. Eine architektonische Geste, gewiss, aber zugleich auch eine ethische Geste, tief in einer menschlichen Dimension verankert. Dieses Unterkunftszentrum ist das Ergebnis einer kollektiven Arbeit, in der technische Kompetenzen, programmatische Anforderungen und eine sensible Aufmerksamkeit zusammenkommen. Als Architekten hat das Atelier d’Architecture 3BM3 versucht, weit mehr als eine einfache Aufnahmestruktur zu entwerfen: einen Ort, der tragen, beruhigen und wieder aufbauen kann.
Ziel war es, Räume zu schaffen, die Ruhe, Sicherheit und Würde ermöglichen – minimale, aber wesentliche Bedingungen für Menschen, die häufig von schwierigen Lebenswegen geprägt sind. Denn hinter jedem gebauten Element steht eine menschliche Realität: die von unterbrochenen Lebenswegen, erzwungenen Migrationen, aber auch von Resilienz und Hoffnung. In einem internationalen Kontext, der zunehmend von Diskursen der Angst, der Ablehnung und des identitären Rückzugs geprägt ist, erhält ein solches Projekt eine besondere Bedeutung. Es stellt sich bewusst gegen diese Dynamiken und zeigt konkret, dass Gastfreundschaft und Solidarität keine abstrakten Prinzipien sind, sondern konkrete Handlungen. Für Menschen zu bauen bedeutet, Position zu beziehen: zu bekräftigen, dass jeder Mensch Anerkennung verdient, unabhängig von Herkunft oder Lebensweg.
Für ein Architekturbüro stellt die Realisierung eines solchen Projekts einen besonderen Moment dar. Sie verpflichtet die Disziplin in dem, was sie im Kern ausmacht: ihre Fähigkeit, auf grosse gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren. Diese Art von Projekt geht über die reine Nutzfunktion hinaus und erreicht eine Form von Notwendigkeit. Es verleiht der architektonischen Praxis erneut Sinn, indem es daran erinnert, dass Architektur nicht nur die Produktion von Objekten ist, sondern ein direkter Beitrag zur Qualität und Würde des menschlichen Lebens. So kann dieses Gebäude als ein sozialer Akt im anspruchsvollsten Sinne verstanden werden. Es bietet nicht nur Schutz, sondern nimmt eine klare Position gegenüber Mechanismen der Ausgrenzung ein. Es widersetzt sich der Gleichgültigkeit und bekräftigt die Anerkennung des Anderen.Über seine Materialität hinaus verkörpert dieses Aufnahmezentrum ein Engagement. Es erinnert daran, dass Bauen nicht nur bedeutet, Strukturen zu errichten, sondern auch – und vielleicht vor allem – Beziehungen zu schaffen, Möglichkeiten zu eröffnen und Brücken zwischen Menschen zu bauen.
Projektprinzipien
Das Projekt befindet sich im Gebiet Cherpines, an der Grenze zwischen den Gemeinden Plan-les-Ouates und Confignon im Kanton Genf, einem grossen Gebiet im städtebaulichen Wandel, und nutzt vorübergehend ein Grundstück, das langfristig für Wohnbauten vorgesehen ist. Die Anlage besteht aus vier Gebäuden: drei Baukörper, die parallel zum Chemin des Charrotons angeordnet sind, sowie ein vierter Baukörper, der quer dazu positioniert ist und einen gemeinschaftlichen Begegnungsraum strukturiert. Dieser Raum ist nicht als geschlossener Hof gedacht, sondern als ein Ort, der zugleich geschützt und offen gegenüber seiner unmittelbaren Umgebung ist.
Das langgestreckte Grundstück weist ein deutliches Gefälle von Süden nach Norden in Richtung der Aire auf. Die Gebäude folgen der natürlichen Topografie und passen sich der Hangneigung an. Diese Entscheidung erzeugt eine besondere Bewegung der Baukörper und führt zu unterschiedlichen räumlichen Beziehungen zwischen den Ebenen. Obwohl die Gebäude ähnlich erscheinen, bieten sie unterschiedliche räumliche Wahrnehmungen, die aus ihrer Verankerung im Gelände und den Höhensprüngen entstehen. Dieser Ansatz geht auf ein grundlegendes Prinzip zurück: den Boden so wenig wie möglich zu berühren. Dieses Prinzip entspricht einer doppelten Anforderung – Respekt vor dem Ort und Reversibilität. Die Gebäude befinden sich in einem Gebiet, in dem ein Quartierplan noch genehmigt werden muss; das Grundstück muss langfristig wieder frei und in seinem ursprünglichen Zustand zurückgegeben werden.
Der provisorische Charakter des Eingriffs wurde nicht als Einschränkung verstanden, sondern als eigentlicher Motor des Projekts. Er wird zu einem Entwurfsparameter, ebenso wie Raum, Struktur oder Licht. Gebäude zu entwerfen, die für eine begrenzte Lebensdauer bestimmt sind, führt dazu, den Sinn des Bauens heute grundsätzlich zu hinterfragen. Reversibilität, Wiederverwendung und langfristige Auswirkungen auf das Gebiet stehen dabei im Vordergrund. Was zunächst wie eine Einschränkung erschien, erwies sich als grosse Chance. In Erwartung der zukünftigen Freigabe des Grundstücks wurden die Gebäude als vollständig demontierbare, wiederverwendbare, transportierbare und an einem anderen Ort wiederaufbaubare Systeme konzipiert, wodurch ihr Lebenszyklus über den unmittelbaren Kontext hinaus verlängert wird.
Das Projekt entwickelt sich somit in einem Gleichgewicht zwischen Dringlichkeit und Dauer, zwischen Zeitlichkeit und Qualität, zwischen konstruktiver Notwendigkeit und territorialer Verantwortung. Architektur wird hier nicht als statisches Objekt verstanden, sondern als Prozess, der gesellschaftliche Veränderungen begleiten kann, ohne irreversible Veränderungen in der Landschaft zu verursachen.
Projektbeschreibung
Menschen aus der ganzen Welt aufzunehmen, mit unterschiedlichen Geschichten, Kulturen und Lebensbedingungen, stellte eine der grössten Herausforderungen des Projekts dar. Was ist ein «Zuhause»? Diese scheinbar universelle Frage wird sehr komplex, wenn vertraute Bezugspunkte verloren gegangen sind. Wenn Verwurzelung fehlt, wird der Wiederaufbau eines Zugehörigkeitsgefühls zu einem langsamen und unsicheren Prozess. Das Projekt setzte sich daher als erste Aufgabe, ein räumliches System zu entwickeln, das alle Bewohner*innen auf die gleiche Ebene stellt. Diese Gleichheit stellt einen wichtigen Integrationsfaktor dar und fördert Austausch sowie das Entstehen eines Gemeinschaftsgefühls.
Gleichzeitig wurde Effizienz zu einem wesentlichen Faktor: Je grösser die Aufnahmekapazität, desto bedeutender ist die geleistete Antwort. Die Gebäude wurden daher nach einer modularen und flexiblen Logik entworfen, die sich um drei Haupttypologien organisiert:
- Wohneinheit mit einem Modul für zwei Personen
- Wohneinheit mit anderthalb Modulen für Familien von vier bis fünf Personen
- Wohneinheit mit drei Modulen für bis zu acht Personen oder gemeinschaftliche Wohnformen
Die Wohnungen sind bewusst einfach gehalten und enthalten nur das Notwendigste: ein Schlafzimmer, ein Badezimmer, eine Küche und einen Aufenthaltsraum. Materialien und Farbtöne, neutral und warm, lassen Raum für die Aneignung durch die Bewohner*innen. Die Architektur schreibt keine Identität vor, sondern bietet einen offenen Rahmen, der angeeignet und verändert werden kann. Jede Einheit wird über einen aussenliegenden Laubengang erschlossen, der die Wohnungen miteinander verbindet und Begegnungsräume schafft. Dieses System steht in der Tradition der Laubenganghäuser, in denen Erschliessungsräume zu Erweiterungen des Wohnraums werden und gemeinschaftliche Räume eine strukturierende Rolle spielen. Die Gebäude sind durch einen landschaftlich gestalteten Weg verbunden, der zu einem zentralen Raum führt, dem eigentlichen Herz des Projekts. Dort befinden sich ein Kinderspielplatz sowie ein geschützter Aussenbereich, der Begegnungen zwischen den Bewohner*innen fördert. Das Erdgeschoss beherbergt die gemeinschaftlichen und administrativen Räume. Betreuer*innen begleiten dort die Bewohner durch Integrationsprogramme und erleichtern ihre Anpassung und Integration in die Gesellschaft. Dieses «Haus» stellt keinen Endpunkt dar, sondern einen Ausgangspunkt.
Technisches Konzept
Um die gesetzten Ziele zu erreichen, richtete sich die Überlegung früh auf das Bausystem, die Materialinnovation und die technische Experimentierung. Die Vorfertigung bildete den Ausgangspunkt, da sie eine präzise Kontrolle des Bauprozesses ermöglicht und sowohl eine schnelle Ausführung als auch architektonische Qualität gewährleistet. Parallel dazu wurde die Materialwahl von dem Wunsch geleitet, eine warme und einladende Atmosphäre zu schaffen, im Einklang mit dem ländlichen Kontext des Standorts. Holz erwies sich als naheliegende Wahl, da es einem grossen Bauensemble eine häusliche Dimension verleiht.Das gewählte System kombiniert vorgefertigte Elemente aus Holz und Beton und nutzt die mechanischen Eigenschaften beider Materialien (Druck für Beton, Zug für Holz), um die strukturelle Effizienz zu optimieren und gleichzeitig Materialverluste zu reduzieren. Im Sinne der Nachhaltigkeit wurden die Betonelemente aus einer Mischung von Rhône-Alluvialzuschlägen und Recyclingzuschlägen hergestellt, von denen etwa 50 Prozent aus dem Recyclingzentrum SRREC stammen, das sich in unmittelbarer Nähe der Produktionsstätte befindet. Diese Nähe ermöglichte eine deutliche Reduzierung der Transporte und somit des ökologischen Fussabdrucks der Baustelle. Auch die Organisation der Produktion war entscheidend. Der Prozess erfolgte ohne Zwischenlagerung: Die Elemente wurden hergestellt und direkt eingebaut. Diese Just-in-Time-Logik ermöglichte eine Reduzierung der Bauzeit, der Transporte und der benötigten Lagerflächen und trug zur Gesamteffizienz der Baustelle bei. In weniger als zehn Monaten wurden so rund 200 Wohnungen realisiert, was eine schnelle Eröffnung des Zentrums Cherpines ermöglichte. In diesem Projekt stellt die Bautechnik nicht nur eine operative Antwort dar, sondern ist integraler Bestandteil des architektonischen Ansatzes und seiner ethischen Dimension.
Das Projekt von Atelier d'Architecture 3BM3 wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.