Umbau denkmalgeschütztes Bauernhaus Gässli

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3114 Wichtrach,
Schweiz

Veröffentlicht am 02. April 2026
KYMA Architektur und Objekte GmbH
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Bestand und Ergänzung im Dialog – Bauernhaus und Nebengebäude als Ensemble. Alt und Neu im Spannungsfeld – roher Bestand und präziser Einbau. Diffuses Tageslicht fällt über Glasziegel in die oberen Räume. Der Treppenraum als Rückgrat der vertikalen Erschliessung Die abgelöste Geschossdecke lässt eine präzise Fuge entstehen, die den Dialog zwischen Bestand und Neu sichtbar macht. Nebengebäude als offener Unterstand – die Photovoltaikanlage ist integraler Bestandteil der Dachkonstruktion. Einbauten aus natürlichen Materialien – differenzierte Oberflächen prägen die Gestaltung. Behutsam sanierte Bestandsräume mit erhaltener räumlicher Struktur und aufgefrischten Oberflächen. Der hölzerne Einbau im Dachgeschoss des Bauernhauses ist raumbildend und ordnet sich der bestehenden Dachgeometrie unter. Die Küchenzeile greift in den Tennraum, während der Bodenbelag den Übergang subtil akzentuiert. Offene Raumstruktur mit fliessenden Übergängen zwischen Aufenthalt und Erschliessung. Dachzimmer mit integrierter begehbarer Duschnische. Natürlich belichtetes Bad – die bestehende Gimmwand wirkt als Filter. Nebengebäude fasst den Hofraum und geht aus dem ehemaligen Querbau hervor. Spindeltreppe als skulpturales Element im offenen Raum des Nebengebäudes.

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Gässli 9, 3114 Wichtrach, Schweiz
Projektkategorie
Gebäudeart
Fertigstellung
02.2025

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
3 bis 5
Anzahl Kellergeschosse
1
Anzahl Wohnungen
3
Grundstücksfläche
3198 m²
Geschossfläche
635 m²
Nutzfläche
334 m²
Gebäudevolumen
1722 m³

Beschreibung

Kontext und Entwurfsidee
Das Projekt liegt in einem historischen Siedlungsgefüge des 19. Jahrhunderts am Hangfuss des Aaretals in Wichtrach BE. Das denkmalgeschützte Bauernhaus ist Teil eines ortsprägenden Ensembles entlang eines traufständigen Siedlungsastes. Ziel war die behutsame Weiterentwicklung des Bestands unter Wahrung seiner identitätsstiftenden Struktur. In enger Abstimmung mit der Denkmalpflege wurde das Gebäude auf seine ursprüngliche Bausubstanz zurückgeführt und spätere Anbauten entfernt. Die Eingriffe schärfen die Differenz zwischen Bestand und Ergänzung und machen diese bewusst ablesbar.

Setzung und Eingriffe
Der ehemalige Querbau wurde als Nebengebäude neu interpretiert. Als offener Autounterstand fasst er den Hofraum und erhält dessen räumliche Struktur. Die bestehende Jauchegrube wurde umgenutzt und nimmt heute einen Technikraum, einen Wasch- und Trockenraum sowie ein Holzpelletsilo auf. Die bestehenden Wohnungen im Wohnteil wurden sorgfältig saniert. Historische Elemente wie Oberflächen und Öfen blieben erhalten und wurden aufgefrischt. Neue Einbauten sind als eigenständige Volumen in den Bestand eingefügt.

Haus im Haus – Ökonomieteil
Im Ökonomieteil wurde ein neues Volumen als «Haus im Haus» in die bestehende Tragstruktur eingeschrieben. Die historische Hülle bleibt weitgehend unangetastet und wirkt als räumlicher Filter zwischen Innen und Aussen. Die neue Wohnung erstreckt sich über drei Geschosse und nutzt die Qualitäten des ehemaligen Tenns. Gezielte Öffnungen und präzise gesetzte Eingriffe schaffen funktionale Verbindungen und vielfältige Raumbezüge zwischen Bestand und Neubau.

Raum und Typologie
Die räumliche Organisation folgt der vorhandenen Struktur. Während die bestehenden Wohnungen ihre kammerartige Typologie bewahren, entfaltet sich das neue Volumen im Ökonomieteil als vertikal organisierter Wohnraum mit fliessenden Raumbezügen über mehrere Geschosse. Alt und Neu treten in einen direkten räumlichen Dialog.

Konstruktion und Materialisierung
Die Materialisierung macht den Unterschied zwischen Bestand und Ergänzung klar ablesbar. Bestehende Oberflächen wurden erhalten und behutsam aufgefrischt. Neue Einbauten sind in Holz ausgeführt und als eigenständige Elemente klar vom Bestand ablesbar. Das Volumen im Ökonomieteil ist im Erdgeschoss in Massivbauweise erstellt, in Anlehnung an den bestehenden Sockel. Ein zentral gesetztes Betonelement, das Treppe, Cheminée und Kücheneinbauten vereint, übernimmt die tragende Funktion und ermöglicht es, die darüberliegenden Decken sowie die raumbildenden Wände unabhängig von der bestehenden Struktur auszubilden. Zwei aussteifende Betonscheiben im Obergeschoss gewährleisten die Stabilisierung der auskragenden Decke. Im Obergeschoss ist das neue Volumen als Holzständerkonstruktion ausgebildet.

Energie und Nachhaltigkeit
Das Gebäude wurde unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Anforderungen energetisch ertüchtigt. Die Gebäudehülle wurde, wo möglich, durch zusätzliche Dämmschichten verbessert, und die Fenster wurden durch dreifachverglaste Elemente ersetzt, abgestimmt auf die historische Erscheinung. Die Wärmeversorgung erfolgt über eine Heizungsanlage mit Holzpellets als nachwachsendem Rohstoff. Die Umnutzung der ehemaligen Jauchegrube zu Technik- und Nebenräumen ist Ausdruck eines ressourcenschonenden Umgangs mit dem Bestand. Eine Photovoltaikanlage auf dem Nebengebäude ergänzt das Energiekonzept und trägt zur Eigenstromproduktion für die drei Wohneinheiten bei. Der Dachraum des Nebengebäudes ist infrastrukturell vorbereitet und ermöglicht eine flexible Umnutzung sowie die langfristige Anpassungsfähigkeit des Ensembles. Insgesamt verfolgt das Projekt eine ressourcenschonende Strategie, die auf der Weiterverwendung der bestehenden Bausubstanz, gezielten Eingriffen sowie der Kombination aus erneuerbaren Energien und langlebigen Materialien beruht.

Das Projekt von KYMA Architektur und Objekte wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert. 

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