Brauen Wälchli zeigen anhand des Normandie-Gebäudes, wie sich ein 1970er-Jahre Büro in Wohnungen umnutzen lassen
Ein ursprünglich von Jean-Marc Lamunière für die Winterthur Versicherungen errichtetes Bürogebäude in Genf wurde von Brauen Wälchli Architectes zu Wohnungen umgebaut. Für das als «Normandie» bekannte Haus entwickelten sie ein massgeschneidertes Konzept, das gezielt auf dessen Eigenheiten reagiert. Für die zahlreichen Geschäftsimmobilien, die in den kommenden Jahren umgenutzt werden müssen, kann es als Vorbild dienen, da es aufzeigt, dass auch die Transformation spezifischer Strukturen gelingen kann – vorausgesetzt, die Akteur*innen schaffen es, mit Kreativität und Sensibilität die Besonderheiten des Bestandes zu aktivieren.

Das 1978 von Jean-Marc Lamunière entworfene Bürogebäude im Herzen des Genfer Stadtteils Champel wurde einer ehrgeizigen Umgestaltung unterzogen. | Foto: Ariel Huber
Das «Normandie» genannte Gebäude an der Avenue Louis-Aubert 20 in Genf wirkt im mehrheitlich von Wohnbauten geprägten Quartier Champel wie ein gestrandeter Ozeandampfer aus Beton, Stahl und Glas. Zwischen 1974 und 1978 unter Federführung von Jean-Marc Lamunière als Sitz der Westschweizer Direktion der Winterthur Versicherungen errichtet, war das Haus 30 Jahre alt, als das Unternehmen in den AXA-Konzern integriert wurde. In den folgenden zwei Jahrzehnten wechselten die Mieter: Als 2018 Cargill, der treueste unter ihnen, seinen Hauptsitz nach Lancy Pont-Rouge verlegte, nutzte AXA die Gelegenheit und lancierte eine gross angelegte Umnutzung ihrer Büroflächen mit dem Normandie-Gebäude als Flaggschiff.
Dabei wurde auch ein Abriss erwogen, letztlich aber entschieden, das Gebäude zu erhalten. Die Initiative dazu kam von der Besitzerin selber. Der kantonale Denkmalschutz – für den ein Gebäude von Lamunière einen grossen Wert darstellt – unterstützte sie dabei. Auch wirtschaftliche Überlegungen waren jedoch ein wichtiges Kriterium, denn ein Ersatzneubau hätte nur noch 25 Meter hoch sein dürfen – acht niedriger als der Bestand.
2018 wurden ein paralleler Studienauftrag für den Umbau und eine Erweiterung des Gebäudes durchgeführt, bei dem Brauen Wälchli mit ihrem Vorschlag herausstachen. Ihr Konzept überzeugte, weil es die beiden Vorhaben – Umnutzung und Ergänzungsbau – in zwei getrennten Volumen vorsah, was nicht nur architektonisch überzeugte, sondern auch eine Etappierung ermöglichte. Dies war in doppelter Hinsicht eine gute Entscheidung, denn als das Gebäude 2022 unter Denkmalschutz gestellt wurde, musste die Planung nur geringfügig angepasst werden.

Erdgeschoss | Plan: Brauen Wälchli Architectes
Ein typischer Zeitzeuge
Als Lamunière 1974 den Auftrag für die Planung des Geschäftsgebäudes erhielt, galt er international als renommierter Architekt. Er war Gastprofessor an der University of Pennsylvania, der ETH Zürich und Professor an der Universität Genf und der EPF Lausanne, wo er zu verschiedenen Themen forschte: Ihn interessierten vor allem urbane Knotenpunkte beziehungsweise Schnittstellen – von Lamunière als «major space» bezeichnet. Für sie entwickelte er die «structure d’accueil», Baukörper, die in der Lage sind, unterschiedliche Funktionen wie Hotels, Supermärkte, Bahnhöfe, Empfangszentren oder Studierendenunterkünfte aufzunehmen und zugleich Raum für vielfältige Bewegungsabläufe von Menschen anzubieten.
Das Gebäude für die Winterthur kann als bauliche Umsetzung dieser theoretischen Auseinandersetzung gelesen werden. Als «structure d’accueil» bietet das Projekt – ebenso wie seine Umnutzung, die Lamunières Ansatz nachträglich bestätigt – ein grosses Potenzial für unterschiedliche Nutzungen und kann mit wenig Aufwand adaptiert werden. Architektonisch manifes-tiert sich dies in der Bündelung und Überlagerung möglichst vieler essenzieller Funktionen – Tragwerk, Leitungen, Erschliessungen – an einem Ort. Dies war ein Gegenentwurf zu anderen wichtigen Positionen der Zeit, etwa den rigiden Rastern von Ludwig Mies van der Rohe, der technische Räume und Servicefunktionen ausblendete, oder zur integrativen strukturellen Raumauffassung von Louis Kahn.

Situation | Plan: Brauen Wälchli Architectes
Weil Haustechnik und Erschliessungen auch beim Normandie in Kernen zusammengefasst wurden, können die Innenräume den Bedürfnissen der jeweiligen Nutzung entsprechend flexibel organisiert werden. Beidseitig wird dieser Kern von Betonpfeilern mit einem Durchmesser von einem Meter flankiert – hohl ausgebildet dienen sie zugleich als Schächte für Wasser-, Lüftungs- und Elektroleitungen. Zudem gibt es an beiden Enden des Riegels jeweils einen weiteren Zylinder mit Wendeltreppen, die als Fluchttreppenhäuser dienten.
In den Fassadenebenen gibt es halbe Rundpfeiler, denen vorfabrizierte Stahlbetonrahmen vorangestellt sind, die das Gebäude optisch umspannen und von der Primärstruktur thermisch getrennt wurden. Von aussen gesehen prägen sie die tektonisch durchgearbeiteten Fassaden besonders stark. Diese dreidimensionale Struktur beherbergte Wartungsgänge und Sonnenschutzvorrichtungen – quasi eine Klimafassade avant la lettre, welche auf die neuen Realitäten nach der Ölkrise reagierte.
Auch die niedrigen Geschosshöhen und Lamunières unausgeführte Idee, in den Fassaden Kübelpflanzen einzubringen, waren Reaktionen auf die Anforderungen der Zeit. Die Nordwest- / Südost-Ausrichtung des Gebäudes hat diese an sich lobenswerten Ansätze jedoch konterkariert: Wenn die Sonne am Morgen und Abend tief steht, heizen sich die Innenräume stark auf; die passive Klimatisierung durch die tiefe Fassade erwies sich entsprechend als unzureichend. In der Folge wurden die umlaufenden Galerien mit Klimageräten zugestellt, deren Einsatz die Klimabilanz des Gebäudes verschlechterte.

Schnitt mit Bestands- und geplantem Erweiterungsbau | Plan: Brauen Wälchli Architectes
Zwänge als inspirationen
Der architektonische Ausdruck des Gebäudes spiegelt seine konstruktiven und additiven Prinzipien wider. Der Baukörper mit seinen gefasten Ecken wird von der Vertikalität der von aussen sichtbaren Tragstruktur geprägt, die dem Gebäude einen monumentalen Ausdruck verleiht. Dieser wurde dadurch gesteigert, dass die meisten der vorfabrizierten Rahmen zwei Geschosse optisch zusammenfassen. Die Fassaden haben mit ihrer Achsensymmetrie etwas Klassisches, verstärkt durch eine dreiteilige horizontale Ordnung. Den «Sockel» bildet eine scheinbar doppelgeschossige Arkade, die das Erdgeschoss erschliesst und das erste Obergeschoss in der Wahrnehmung von aussen kaschiert. Der «Schaft» hat sechs Geschosse, scheint aber wegen der doppelgeschossigen Rahmen nur drei Ebenen zu haben. Die tatsächliche Zahl der Etagen ist dennoch an den Deckenstirnen ablesbar. Den Abschluss bildet ein dezent angedeutetes dreigeschossiges «Kapitell». Dort suggerieren die Betonrahmen keine Doppelgeschossigkeit, die Ecken zur Südostfassade sind nicht gefast, während es an den Ecken und in der Mitte der der Nordwestfassade zusätzlich kleine hervorstehende Erker gibt.
Bei der Planung der Umnutzung wurde auf den Erhalt der sorgfältig durchgearbeiteten Fassaden besonderer Wert gelegt. Auch die kraftvoll farbige Möblierung der Eingangshalle und die Gestaltung der Erschlies-sungen wurden erhalten. Die Fassadenelemente wurden ersetzt, weil sie Asbest enthielten, jedoch darauf geachtet, dass sie sich gut in das Gesamtbild einfügen. Dazu liessen Brauen Wälchli Fenster und Türen mit breiten dunkelbraunen Rahmen einsetzen. Die Wartungsgänge und Geländer – prägende Elemente des brutalistischen Ausdrucks des Gebäudes – wurden erhalten beziehungsweise wiederhergestellt. Zu Balkonen umfunktioniert, müssen sie nun höheren Sicherheits- und Nutzlastanforderungen genügen. Einige Rahmen konnten wiederverwendet werden, nachdem sie verstärkt und thermolackiert wurden; Gleiches gilt für die Geländer, die erhöht und mit dezenten schwarzen Stahlseilnetzen ergänzt wurden. Ein raffiniertes Detail: Kästen, die sowohl als Stufen als auch für die Unterbringung der Storen der darunter liegenden Wohnungen dienen, vermitteln zwischen den unterschiedlichen Bodenniveaus von Innen und Aussen. Die für die neue Nutzung ungeeigneten ursprünglichen Gitter, die den Boden der Wartungsgänge bilden, wurden durch Roste mit einem engeren Raster ersetzt.

Die aussen sichtbaren Betonrahmen geben dem Gebäude eine vertikale Anmutung. Die rhythmische und symmetrische Gliederung der Fassaden wurde beibehalten. Die Fensterrahmen wurden, wie ursprünglich, dunkelbraun thermolackiert. | Foto: Ariel Huber
Wenn historisch bedeutsame Bauten saniert werden, gibt es oft Widersprüche zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes und der Einhaltung aktueller Normen. Im Wettbewerb hatten Brauen Wälchli vorgeschlagen, die beiden zylindrischen Fluchttreppenhäuser zu entfernen. Letztendlich mussten diese jedoch erhalten werden, da das Gebäude 2022 – kurz vor Einreichung des Bauantrags – in das Denkmalverzeichnis aufgenommen wurde. Da die 1,1 Meter breiten Stufen zehn Zentimeter zu schmal sind, um den aktuellen Brandschutznormen zu genügen, musste ein neues Treppenhaus angelegt werden. Dazu wurden im zentralen Kern die Schächte des Warenlifts und eines Aufzugs zusammengefasst, die nun Platz für eine neue Treppe bieten, von der man im Erdgeschoss auch direkt nach aussen gelangt. Der Zugang in die zylindrischen Treppenhäuser ist nun leider untersagt; sie wurden damit zu «Technikschächten» herabgestuft.
Vergleichbar clever wurde das Gebäude strukturell verstärkt, um die aktuellen Erdbenensicherheitsstandards zu erfüllen: Die Wände der zylindrischen Treppen wurden zwischen Erdgeschoss und 2. Etage mit Beton aufgedoppelt, und die Aussenwände des zentralen Erschliessungskerns wurden bis zum 7. Stock mit Carbonfaser-Lamellen verstärkt. Indem Rezeptur, Struktur und Farbe des ursprünglich verwendeten ockerfarbenen Betons nachgeahmt wurden, sind diese Anpassungen annähernd unsichtbar.
Wohnlich statt sachlich
Die Geschosse präsentierten sich als offene, frei bespielbare Zonen – als typische Open Space-Büros der 1970er-Jahre: tief, teilweise künstlich belichtet und mit einer freigestellten Tragstruktur. Der ursprüngliche Unterlagsboden wurde entfernt und gegen einen schwimmenden Estrich ersetzt, um die im Wohnungsbau geltenden Schallschutzanforderungen zu erfüllen. Um beim Brandschutz F 90 für die Decken zu erreichen, musste an den Unterseiten eine dicke Gipslage eingebracht werden, was die an sich schon niedrigen Geschosshöhen weiter reduzierte. Die im Kanton Genf für Wohnbauten vorgeschriebene Mindesthöhe von 2,6 Metern konnte aber eingehalten werden.
Da die grossen Binnenpfeiler und die Halbpfeiler in den Fassadenebenen nicht auf denselben Achsen stehen, wagten die Architekt*innen für die Wohnungen nicht-orthogonale Raumkonfigurationen. So ist im Grundriss ein Spiel von ineinander verschränkten Trapezen entstanden. Zudem wurde ein Teil der Balkone zu tiefen, ebenfalls trapezförmigen Loggien erweitert. Sie helfen, Tageslicht in die zur Gebäudemitte hin angeordneten Küchen zu bringen und öffnen zugleich interessante Aussichten. Um die Bauherrschaft und die Kommission für Architektur und Städtebau von der Bewohnbarkeit der Grundrisse zu überzeugen, errichteten Brauen Wälchli ein 1:1-Mock-up einer Wohnung.
Die Deckenuntersichten wurden verputzt und auf die Böden hellgrauer Polyurethan aufgebracht. Die beeindruckenden Sichtbetonpfeiler wurden weitestgehend sichtbar gehalten und haben in vielen der Appartements eine faszinierende Präsenz. Durch Sandstrahlen wurde ihr Waschbeton von Farbschichten befreit. Jedes Geschoss beherbergt zwölf Wohnungen, insgesamt gibt es nun – inklusive des Penthouse im Attikageschoss – 121.Aufgrund der Tiefe der Grundrisse werden die Wohnungen über zentrale Korridore erschlossen, was zu einseitigen Orientierungen geführt hat. Lediglich die Wohnungen an den Stirnseiten sind zweiseitig ausgerichtet. Zwischen dem Kern und den Gängen zu den Wohnungseingängen wurden verglaste Brandschutztüren eingefügt. Indem die Rahmen an den Ecken abgerundet wurden, treten sie in einen stimmigen Dialog mit den 1970er-Jahre-Formen des Bestandes. Die Gänge weiten sich bei den Wohnungseingangstüren zu Nischen auf, denen jeweils eine spezifische Farbe gegeben wurde.

Im Foyer wurden die charakteristischen Farben erhalten beziehungsweise wiederhergestellt. | Foto: Ariel Huber
Im Erdgeschoss wurde die Eingangshalle in ihren Originalzustand zurückgeführt. Die Architekt*innen haben den runden, charmanten und nostalgisch anmutenden Empfangstresen erhalten. Dieser harmoniert mit drei neuen Briefkastengruppen und der abgehängten Decke. Deren orange thermolackierte Metallelemente konnten mehrheitlich restauriert und wiederverwendet werden. Die zweite Hälfte des verglasten Erdgeschosses wird als Bürofläche vermietet. Ein Gemeinschaftsraum ist im 1. Obergeschoss vorgesehen und soll das Verbindungselement zwischen Alt- und Neubau werden, dessen 60 Wohnungen noch in diesem Jahr fertiggestellt werden sollen.

Ein Empfangstresen und ein Teil der Decke konnten restauriert werden; die Briefkastenanlage wurde ersetzt, jedoch farblich an die ursprüngliche angelehnt. | Foto: Ariel Huber
Kontinuität statt Neuerfindung
Statt den Erweiterungsbau unmittelbar an das bestehende Gebäude anzudocken, schlugen Brauen Wälchli vor, ihn abzurücken. Ein guter Move, denn AXA entschied sich, die Tiefgarage, die neben dem Bestand liegt, zu erhalten. Dies hat zur Folge, dass das neue Volumen über dem Parkhaus entstehen wird. Um dessen Lasten ins Erdreich abzuführen, mussten die Garage konstruktiv verstärkt und die bestehende Abfahrt mit vorgespannten Betonelementen überbrückt werden.
Wie beim Altbau springen die Fassaden der beiden untersten Geschosse der Erweiterung leicht zurück. Die Etagen darüber haben zwei unterschiedliche Brüstungshöhen und die obersten drei staffeln sich auf einer Seite zurück.
Die gelungene Umnutzung des Normandie-Bürogebäudes in Wohnraum zeigt das Potenzial von 1970er-Jahre-Architektur auf, wenn man es versteht, ihre spezifischen Qualitäten clever zu aktivieren. Was als sperrig oder schwierig umnutzbar erscheinen mag, erweist sich im Verlauf der Planungen in gestalterischer Hinsicht oft als bereichernd oder befreiend.
Anders sieht es hinsichtlich der aktuellen Normen aus. Oft ist es schwierig, sie zu erfüllen und daraus resultierende Kompromisse stehen mitunter im Widerspruch zum Gebrauchswert oder wirken gar widersinnig. In einigen Bereichen zeigten sich die Behörden jedoch flexibel und wohlwollend – so etwa beim Mietzins: Eine kürzlich in Genf in Kraft getretene Gesetzesänderung befreit Projekte, bei denen Büro- in Wohnflächen umgewandelt werden, von der Mietzinskon-trolle. Dies trägt insbesondere der Tatsache Rechnung, dass bei Umnutzungen oft grosse, tiefe und komplex strukturierte Wohnungen entstehen. Könnte dies Vorbildcharakter auch für andere Bereiche haben? Dialog- und Kompromissbereitschaft ist bei Umnutzungen generell unabdingbar.

Die Waschbetonpfeiler sind in den Wohnungen sichtbar. | Foto: Ariel Huber
Die Umnutzung des Normandie-Gebäudes macht das Spannungsfeld zwischen Erhalt, technischen Anpassungen und wirtschaftlichen Zielsetzungen sichtbar und die gefundene Lösung kann in dieser Hinsicht Modellcharakter haben. Den Architekt*innen ist mit dem Projekt eine kohärente «Domestizierung» eines Bürogebäudes gelungen, ohne dass dieses seinen starken architektonischen Charakter verloren hätte.
Der Text wurde von François Esquivié für das Swiss Arc Mag 2026–2 verfasst und von Jørg Himmelreich ins Deutsche übersetzt.
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