Grün und bezahlbar? ETH Forum Wohnungsbau zu Klimaschutz und Mieten

Gut besetztes Auditorium Maximum: Das ETH Forum Wohnungsbau versammelt jährlich Fachleute aus Forschung, Planung, Verwaltung, Politik und Immobilienwirtschaft. 2026 stand der Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und bezahlbarem Wohnraum im Zentrum. | Foto: Nina Farhumand
Klimaschutz, bezahlbarer Wohnraum und Schutz vor Verdrängung gehören zusammen: Diese Botschaft zog sich durch die 20. Internationale Fachtagung des ETH Wohnforums. Unter dem Titel «Grün und bezahlbar? Wie der ökologische Umbau des Gebäudebestands den Wohnungsmarkt verändert» rückte sie die sozialen Folgen der ökologischen Transformation des Gebäudebestands in den Mittelpunkt. Eröffnet wurde die Tagung von Elli Mosayebi vom Leitungsgremium des ETH Wohnforums – ETH CASE. Durch den Tag führte die Kultur- und Architekturjournalistin Karin Salm.
Den Forschungsrahmen lieferte das EU-Horizon-Projekt «ReHousIn». Es untersucht in neun europäischen Ländern, wie klima- und ressourcenorientierte Umbau- und Entwicklungsstrategien Wohnungsmärkte und soziale Ungleichheiten verändern. In der Schweiz stehen Zürich, St.Gallen und Mendrisio im Fokus.

Klimaschutz vor bezahlbarem Wohnraum: Prioritäten europäischer Städte 2026: Klimaschutz steht mit 44 Prozent zuoberst, leistbarer Wohnraum und Stadtplanung folgen dicht dahinter. Soziale Inklusion und Gerechtigkeit rutscht dagegen aus den Top drei. Die Verschiebung deutet darauf hin, dass Infrastrukturfragen an Dringlichkeit gewinnen, während die soziale Dimension an Gewicht verliert. | Quelle: Eurocities Pulse, Bürgermeisterumfrage 2026 | Folie: Yuri Kazepov
Jennifer Duyne Barenstein, Projektleiterin von «ReHousIn» am ETH Wohnforum, nannte drei zentrale Bereiche der grünen Transformation: Verdichtung, energetische Sanierungen und naturbasierte Lösungen wie Begrünungen. Sie senken Flächenverbrauch, Energiebedarf und Emissionen oder helfen Städten bei der Anpassung an steigende Temperaturen. Gleichzeitig können sie Mieten erhöhen und Verdrängung auslösen.
Dass diese Zielkonflikte kein Schweizer Sonderfall sind, machte der Wiener Stadtsoziologe Yuri Kazepov deutlich. Klimapolitik, leistbares Wohnen und soziale Inklusion würden in Politik und Verwaltung noch immer in getrennten Zuständigkeiten verhandelt – mit absehbaren Folgen. Eine energetische Sanierung verbessert die Klimabilanz und erhöht die Mietzinse. Grünräume steigern die Lebensqualität und beschleunigen die Gentrifizierung. Kazepovs Forderung: Soziale Kriterien gehören nicht in die Nachbetrachtung, sondern verbindlich in die Planung.

Der Wiener Stadtsoziologe Yuri Kazepov zeigte in seiner Keynote, wie stark sich die Haushaltsbudgets verschoben haben: Während die Ausgabenanteile für Bekleidung, Verkehr und Nahrung in den OECD-Ländern seit 2000 gesunken sind, ist jener für das Wohnen deutlich gestiegen. | Quelle: OECD (2026) | Foto: Nina Farhumand
Städtische Verdichtung ohne Verdrängung
Die Innenentwicklung stand im ersten Fokus der Tagung. Verdichtung soll den Bodenverbrauch begrenzen, bestehende Infrastrukturen besser auslasten und Landschaft sowie Biodiversität schützen. Doch mehr Dichte führt nicht automatisch zu einem sparsameren Umgang mit Wohnfläche – und schon gar nicht zu mehr bezahlbarem Wohnraum
Luisa Gehriger vom «ReHousIn»-Team des ETH Wohnforums zeigte, wie unterschiedlich sich Verdichtung in Schweizer Städten vollzieht. Auf ehemaligen Industrie- und Gewerbearealen entstehen neue Quartiere. In den grossen Zentren prägen dagegen zunehmend Ersatzneubauten die Entwicklung. Diese schaffen zusätzlichen Wohnraum, gehen aber häufig mit Abrissen und hohem Druck auf die bestehende Mieterschaft einher. Wie sich das konkret niederschlägt, zeigt Zürich-Altstetten. Zwischen 2014 und 2024 stiegen die Angebotsmieten dort laut Gehrigers Präsentation um 62 Prozent. Allein 2023 entstanden 795 neue Wohnungen – gleichzeitig verschwanden fast 300 durch Abbruch. Bei rund 35 Prozent der neuen Wohnungen ging der Neubau mit gekündigten Mietverhältnissen einher. Viele Verdichtungsgebiete sind bereits heute dicht bewohnt, und dort leben überdurchschnittlich oft Haushalte mit tieferen Einkommen.
Gehriger unterscheidet zwei Formen von Verdrängung. Die direkte trifft jene, die nach Jahrzehnten im Quartier eine Kündigung erhalten. Die ausschliessende bleibt unsichtbar: Sie betrifft alle, die sich das Quartier gar nicht mehr leisten können. Daraus folgt die Kernfrage der Innenentwicklung: Wie verdichtet man, ohne die soziale Vielfalt zu verlieren?

Luisa Gehriger vom ETH Wohnforum zeigte die Herausforderungen der Innenverdichtung auf. Ihr Beitrag machte deutlich, dass mehr Dichte zwar zentral für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist, aber mit Strategien gegen steigende Mieten und Verdrängung verbunden werden muss. | Foto: Nina Farhumand
Antworten suchte Gabriela Debrunner, Professorin für Raumplanung und Wohnen an der Universität Lausanne. Anhand zweier Zürcher Siedlungen aus den 1950er-Jahren machte sie deutlich, dass nicht die bauliche Dichte über die soziale Verträglichkeit einer Erneuerung entscheidet. Ausschlaggebend sind Eigentümerstruktur, Mietzinsgestaltung, Rückkehrmöglichkeiten, Wohnungsgrössen, Quartierinfrastruktur und die Qualität der Nachbarschaft. Vier Wege stehen Städten und Gemeinden offen, um preisgünstigen Wohnraum zu fördern: finanzielle Fördermittel, Zonenplanung, Verträge und Eigentum. Die Instrumente sind vorhanden, so Debrunners Fazit – entscheidend ist, sie früh genug und passend zum lokalen Kontext einzusetzen.

Ähnliche Ausgangslage, unterschiedliche Eigentümerschaften: Gabriela Debrunner verglich zwei Zürcher Siedlungen einer gemeinnützigen Baugenossenschaft und einer institutionellen Anlagestiftung. | Foto: Nina Farhumand
Sozial-ökologisch nachhaltig bauen und sanieren
Der Gebäudebestand ist der grosse Hebel für die Klimaziele – und zugleich der Ort, an dem sich soziale Konflikte entzünden. Im zweiten Fokus widmete sich Jennifer Duyne Barenstein Sanierungsdynamiken, Förderinstrumenten und deren sozialen Auswirkungen in verschiedenen Wohnungsmärkten. Pascal Pfister vom Mieterinnen- und Mieterverband Basel stellte den Basler Wohnschutz vor, Tanja Reimer von DOSCRE die Wohnsiedlung Hofwiesenstrasse in Zürich.
Zum Hintergrund: In Basel-Stadt gelten seit 2022 Wohnschutzbestimmungen, die bei Abbruch, Umbau, Renovation und Sanierung greifen. Die Wohnschutzkommission legt die zulässigen Mieten fest, anschliessend folgt eine fünfjährige Mietzinskontrolle. Betroffen ist grundsätzlich die günstigere Hälfte des Mietwohnungsbestands; ausgenommen sind unter anderem Liegenschaften mit fünf oder weniger Wohneinheiten sowie gemeinnütziger Wohnraum. Auswertungen von Statistik Basel-Stadt finden bislang keinen dämpfenden Effekt auf das Mietpreisniveau, wohl aber einen Rückgang der Leerkündigungen – und einen Einbruch bei Baugesuchen für Sanierung, Umbau und Renovation. Damit ist ausgerechnet dort ein neuer Zielkonflikt entstanden, wo der Mieterschutz am weitesten geht.
Wie sich Suffizienz baulich umsetzen lässt, zeigt die Wohn- und Gewerbesiedlung Guggach, auch Siedlung Hofwiesenstrasse genannt. Die städtische Stiftung Einfach Wohnen realisierte auf im Baurecht abgegebenem Stadtland zwei Wohnblocks mit Gewerbeflächen und einem Kindergarten. Ein Drittel der 111 Wohnungen ist subventioniert, vermietet wird durchgehend mit Einkommenslimiten. Eine Einzimmerwohnung kostet netto weniger als 700 Franken pro Kopf und Monat, eine Vierzimmerwohnung unter 2000.
Neu ist vor allem das Belegungsziel: Im Idealfall soll pro Person nur ein Raum beansprucht werden – Wohnen, Essen und Küche eingerechnet. Das erforderte intensive Grundrissarbeit und führte zu ineinanderfliessenden Wohnbereichen und verschachtelten Zimmern. Seit dem Bezug im September 2024 leben dort 330 Menschen, bei einem Pro-Kopf-Wohnflächenverbrauch von 26 Quadratmetern. Der Schnitt in Stadtzürcher Genossenschaftssiedlungen liegt bei 35. Suffizienz erscheint hier nicht als Verzicht, sondern als Tauschgeschäft: weniger private Fläche, dafür Laubengänge, Gemeinschaftsraum mit Dachterrasse und ein belebtes Quartierzentrum im Erdgeschoss.

Diskussion und Q&A nach Fokus II: Von links: Tanja Reimer, Karin Salm, Jennifer Duyne Barenstein und Pascal Pfister. Nach jedem der drei thematischen Schwerpunkte konnten sich Referierende und Publikum austauschen. Im zweiten Fokusblock ging es um Sanierungsdynamiken, Wohnschutz und sozial-ökologisch nachhaltigen Wohnungsbau. | Foto: Nina Farhumand
Eine grüne und bezahlbare Stadt für alle
Mehr Bäume, entsiegelte Flächen, wohnungsnahe Grünräume: Der dritte Fokus galt der Klimaanpassung. Sie verbessert das Stadtklima und erhöht die Lebensqualität – macht ein Quartier aber auch attraktiver und treibt Boden- und Immobilienpreise sowie Mieten an
Hannah Widmer vom «ReHousIn»-Team nennt das «Urban Greening Paradox». Öffentliche Investitionen in Grünräume schaffen ein gemeinsames Gut: Sie kühlen Quartiere, fördern die Biodiversität und verbessern die Aufenthaltsqualität. In einem angespannten Wohnungsmarkt wird dieser Mehrwert jedoch vom Immobilienmarkt absorbiert. Am Ende verlieren jene ihren Platz im Quartier, für die das Grün mitgedacht war.
Grün wirkt nicht überall gleich. Entscheidend sind für Widmer der lokale Kontext, die Eigentumsverhältnisse, die Lage, die Verkehrsanbindung und der Anteil gemeinnütziger Wohnungen. Ihr Plädoyer: soziale Gerechtigkeit fest in Begrünungs- und Klimaanpassungsstrategien verankern, Grünprojekte am Nutzen für die lokale Bevölkerung ausrichten und gemeinsam mit ihr entwickeln.

Diskussion und Q&A nach Fokus III: Von links: Hannah Widmer vom ETH Wohnforum, Aurelia Winter vom Verein Grünes Gallustal und Katrin Gügler, Direktorin des Amts für Städtebau Zürich. Im dritten Fokusblock ging es um das Spannungsfeld zwischen grüner Aufwertung, steigenden Mieten und einer sozial verträglichen Stadtentwicklung. | Foto: Nina Farhumand
Wohnungen, die jahrzehntelang an einer Autobahn lagen, liegen heute an einem Park: Katrin Gügler, Direktorin des Amts für Städtebau Zürich, stellte den Ueberlandpark in Schwamendingen vor. Die Einhausung hat zwei zuvor getrennte Quartierteile wieder verbunden und einen rund einen Kilometer langen Grünzug geschaffen. Grundlage bildeten ein städtebauliches Leitbild und ein Gestaltungsplan für die Entwicklung entlang des Parks. Der Zuwachs an Wohn- und Aufenthaltsqualität ist erheblich – und damit auch der Marktwert der Nachbarschaft. Neun der elf Baufelder im Umfeld des Parks gehören gemeinnützigen Bauträgerschaften. Das erleichtert laut Gügler eine sozialverträgliche Entwicklung: Genossenschaften können Erneuerungen etappieren, die Bewohnerschaft frühzeitig einbeziehen und dank grösserer Bestände Umzüge innerhalb des Quartiers ermöglichen.
Einen anderen Weg beschreibt Aurelia Winter vom Verein Grünes Gallustal. Das ursprünglich vom WWF St.Gallen initiierte Leitbild formuliert 14 Massnahmen: Grünverbindungen zwischen bestehenden Freiräumen, die Aufwertung versiegelter Flächen, mehr Bäume, eine biodiversere Gestaltung von Wohnumgebungen. Vorher-Nachher-Visualisierungen machen das Potenzial für Bevölkerung und Politik unmittelbar sichtbar. Mit der weiterentwickelten «Formel Siedlungsnatur» soll der Ansatz künftig auch anderen Schweizer Städten und Gemeinden offenstehen.

Podiumsdiskussion zum Abschluss der Tagung: Silvan Durscher von Grün Stadt Zürich, David Kaufmann von WBG Schweiz, Caroline Morel von SPUR an der ETH Zürich, Robert Weinert von Wüest Partner, Verena Poloni vom Amt für Raumplanung des Kantons Zürich, Matthias Howald vom Bundesamt für Raumentwicklung, Andrea Streit von Umwelt und Infrastruktur der Stadt Mendrisio sowie Philippe Koch, Delegierter Wohnen der Stadt Zürich. Moderiert wurde die Diskussion von Architekturjournalistin Karin Salm. | Foto: Nina Farhumand
Politische Leitplanken bleiben entscheidend
Die abschliessende Podiumsdiskussion brachte Perspektiven aus Verwaltung, Wissenschaft, Immobilienwirtschaft, Bund, Kanton und gemeinnützigem Wohnungsbau zusammen. Im Zentrum stand die Frage, mit welchen politischen und planerischen Instrumenten sich Klimaschutz, Aufwertung und bezahlbarer Wohnraum zusammenführen lassen.
Für das nächste ETH Forum Wohnungsbau kündigte Schlinzig das Thema inklusive Architektur an. Mit Beispielen wie der Holligerhof in Bern und dem Kultur- und Gemeinschaftsort CO*LAB in Edmonton gab er einen ersten Einblick. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gebäude, Wohnungen und öffentliche Räume für Menschen mit unterschiedlichen körperlichen, sensorischen oder kognitiven Voraussetzungen zugänglich und nutzbar gestaltet werden können. Die Tagung machte deutlich: Eine sozialverträgliche ökologische Transformation des Wohnungsbaus braucht Bezahlbarkeit und Schutz vor Verdrängung als feste Bestandteile der Planung.

Die gelb hervorgehobenen Handläufe und Stufenkanten im CO*LAB in Edmonton von RPK Architects schaffen deutliche visuelle Kontraste, die Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen die Orientierung erleichtern können. Ausschnitt aus der Präsentation von Tino Schlinzig | Originalfotos: Adam Borman
Grün und bezahlbar? Wohnungsbau zwischen Klimazielen und sozialer Verantwortung
Organisation: ETH Wohnforum – ETH CASE
Ausgabe: 20. Internationale Fachtagung
Datum: 9. September 2026, ETH Zürich
Forschungsrahmen: Projekt ReHousIn, finanziert von der Europäischen Union und dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI)
Nächste Ausgabe 2027: inklusive Architektur