An der Autobahn
1091 La Croix-Sur-Lutry,
Schweiz
Veröffentlicht am 01. Januar 2016
MakeSense Architecture
Teilnahme am Swiss Arc Award 2012
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Die Gemeinde Lutry südöstlich von Lausanne liegt idyllisch in den Rebhängen des Lavaux, am Südfuss der Jorathöhen. Der pittoreske mittelalterliche Stadtkern steht unter Denkmalschutz, und auch der Weiler La Croix-sur-Lutry oberhalb der Hauptgemeinde ist im Zentrum ein historisches Winzerdorf geblieben. Ein einziges Element stört die landschaftliche Bilderbuchwelt – der Tribut an die moderne, mobile Gesellschaft: Lutry ist hervorragend erschlossen durch die 1974 erstellte Autobahn A9, die das Gemeindegebiet durchquert – und buchstäblich zerschneidet. Man wohnt entweder oberhalb oder unterhalb des vierspurigen Korridors, der sich in einem weiten Bogen parallel zu den Rebterrassen auf halber Höhe den Hang entlang zieht. Die
besonders Mutigen jedoch wagen sich dorthin, wo die Autobahn nachts zum glitzernden, vibrierenden Band wird, das sich unter dem Wohnzimmerfenster einem Lichtermeer am Horizont entgegenwindet und an Los Angeles denken lässt. Öffnet man die dreifach verglaste Schallschutzscheibe, wird das stumme Fliessen zum störenden Lärm, der ärgert und der Gesundheit schadet. Der Lausanner Architekt Gaël
Ginggen aber zeigt in seinem Einfamilienhaus in La-Croix-sur-Lutry, wie sich an der Autobahn so bauen und leben lässt, dass die faszinierenden Aspekte der Lage die Lärmimmissionen wettmachen.
Von unterhalb der Nationalstrasse her nimmt man von dem Haus kaum mehr wahr als eine breite, liegende, in Beton gefasste Panoramascheibe. Von oben, der eigentlichen Zufahrt her, erscheint es dagegen als dreistufige, puebloartig an den steilen Hang geschmiegte Komposition aus offenen und geschlossenen Betonkuben, deren Inneres rosa leuchtet. Seine wahre Gestalt zeigt das Gebäude nur im Profil: Es ist ein dreigeschossiger Körper aus verschieden grossen Quadern, dessen unterste Ebene halb im Erdreich eingegraben ist. Das mittlere Hauptgeschoss umfasst einen grossen, nach aussen geschützten, zum Wohnbereich auf zwei Seiten hin aber komplett verglasten, offenen Patio. Die oberste Etage nimmt knapp die Hälfte der überbauten
Fläche des darunterliegenden Geschosses ein. Gehalten ist der Bau in einfachem hellgrauem Sichtbeton. Der Frühlingsblüten-farbene Schein stammt von den hofwärts gewandten Fassadenflächen, die tatsächlich in einem kräftigen Rosa gestrichen sind, das an die Farbpaletten brasilianischer Architekten erinnert. Zusammen mit dem rötlichen Lärchenholz der Fensterrahmen erzeugt das Rosa eine warme, freundliche Atmosphäre ohne jeden Hauch von Kitsch, die vom Hof aus in die Innenräume strahlt. Zwei Elemente prägen die Architektur des Hauses und damit auch seine Wohnqualität
an lärmexponierter Lage: Die Topografie bestimmt seine abgetreppte Gestalt. Sie macht jedes Geschoss zur bungalowartigen Fläche und gestattet damit die grösstmögliche Durchlässigkeit auf jeder Ebene. Der grosszügige Innenhof dagegen stellt die einzige Möglichkeit dar, einen weitgehend lärmgeschützten, privaten Aussenraum zu schaffen und gleichzeitig von der einmaligen Aussicht über den See vollumfänglich zu profitieren. So legt sich der Wohn- und Schlafbereich nach Süden und Westen L-förmig um den Patio und bildet zur Autobahn hin einen Lärmschutzwall. Zugleich ist jedoch der südliche Gebäudeflügel, der das Wohn-Esszimmer aufnimmt, auf der Hof- wie auf der Aussenseite raumhoch verglast. Damit kann der Blick vom Hof
her ungehindert durch den Wohnraum in die Weite schweifen – über ein Panorama, das sich von der Stadt Genf bis zum Mont Blanc spannt. Im westlichen Balken des «L» finden sich zwei Schlaf- und ein Badezimmer, alle drei mit einem direkten Ausgang zum Hof. Die hangwärtige Nordseite nimmt eine breite, überdachte Veranda ein, in der sich auch bei Regen an der frischen Luft verweilen lässt. Nach Osten hin schliesst eine geschosshohe Mauer den Hof ab. Sie wird allerdings von einer grossen Öffnung wie von einem liegenden Fenster durchbrochen, das wiederum den Blick in die Ferne über
den Lac Léman freigibt.
Betreten wird das Haus auf der obersten Ebene. Der Eingang mündet in einen kurzen, breiten Korridor, über den man in ein Schlafzimmer mit anschliessendem Bad gelangt; am Ende des Gangs führt eine Treppe nach unten in den Wohnbereich. Eine abtrennbare Einheit aus zwei Zimmern mit einem kleinen Bad und einer Schrankküche im Untergeschoss, die sich als unabhängige Einliegerwohnung nutzen lässt, vervollständigt das Raumprogramm. Von den Materialien her ist das Haus einfach gehalten: Sichtbeton, Glas, Parkettböden, weiss gestrichene Wände und Decken,
Glasmosaik in den Bädern, glänzend weisse Oberflächen in der offenen Küche. Es lebt von einer eindrücklichen Offenheit trotz der Lage, an der man sich spontan eher abschotten möchte. Diese Durchlässigkeit und die Inszenierung des imposanten Ausblicks werden von einfachen gestalterischen Elementen unterstützt: Spiegelungen auf glänzenden Oberflächen wie der Rückfront der Küche aus dunklem Glas sowie Farbakzenten. Diese verleihen Innen- wie Aussenräumen eine sinnliche Atmosphäre, die man an dem scheinbar lebensfeindlichen Ort an der Autobahn nicht erwarten würde. Das mit azurblauen Mosaiksteichen ausgekleidete Wasserbecken im Hof, eine gelb gestrichene Wand hinter der Veranda und die Rosatöne des Hofs wecken beim Blick auf den Lac Léman auf einmal die Erinnerung ans Meer. Griechenland, die Heimat des Besitzers, lässt grüssen.