Maison Imho
4125 Riehen,
Schweiz
Veröffentlicht am 16. April 2026
Stern Zürn Architekten GmbH
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Zwischen Struktur, Material und Ort
Das Projekt setzt konsequent auf regionale Materialkreisläufe. Wesentliche Baustoffe stammen aus dem unmittelbaren Umfeld: Der Recyclingbeton wird aus Abbruchmaterial im Umkreis von 5 bis 30 Kilometern gewonnen, der Lehm für die massiven Innenwände wird direkt in der Baugrube gewonnen und 23 Kilometerm enfernt zu präzisen Steinen formgepresst. Die Fassaden und konstrukiven Holzelemente bestehen aus Schweizer Holz. Aus dieser Nähe der Materialien entsteht eine Architektur, die kraftvoll verankert und zugleich zeitgemäss wirkt. Auf dem steilen Südwesthang in Riehen steht ein Haus, das industrielle Logik in den Massstab des Wohnens überträgt. Die Konstruktion folgt dem Dom-Ino-Prinzip von Le Corbusier: ein reduzierter, exakt gefügter Betonrahmen, der Dauerhaftigkeit mit räumlicher Offenheit verbindet. Diese Struktur bildet das räumliche Fundament und schafft die Bühne für das Zusammenspiel zweier elementarer Baustoffe. Gestockte Betonstützen und Treppen treffen auf massive Lehmwände – zwei Materialien, deren Unterschied in Härte und Tiefe die räumliche Atmosphäre prägt.
Drei Ortbetonplatten definieren die vertikale Organisation: unten Versorgung und Stauraum, in der Mitte der gemeinschaftliche Wohnbereich, oben die privaten Räume. Die Konstruktion bleibt sichtbar, ihre Ordnung klar ablesbar. Dem technischen Betonskelett und den rohen Aluminiumprofilen steht die zweite Materialschicht gegenüber: die aus Grundstückslehm geformten, massiven Wände. Atmend, klimaregulierend und akustisch weich bilden sie das erdige Gegengewicht zur mineralischen Strenge des Betons. Der Kontrast erzeugt eine Spannung, die Robustheit, Wärme und Ruhe verbindet. Die Baufigur reagiert differenziert auf Stadt und Landschaft. Hangabwärts öffnet sich eine grosszügige Verglasung mit weitem Blick über Basel und den Rheinraum. Hangaufwärts schützt eine feingliedrige, lasierte Holzfassade mit Klappläden an den Fenstern und nimmt Bezug auf die kleinteilige Nachbarschaft. Die Setzung folgt präzise der Topografie: terrassierend statt nivellierend. Durch Solarorientierung, Tiefenstaffelung und Überhänge entsteht ein klimareagierendes, energiesparsames Profil.
Nachhaltigkeit ist Teil der konstruktiven Material Logik. Der RC-C50-Beton mit CO₂-reduziertem CEM-III Zement zeigt nach dem Behauen seine Körnung aus Betonbrocken von Basler Abbruchhäusern und kleinen Ziegelsplittern und macht den Materialkreislauf sichtbar. Die tragenden Stützen liegen grösstenteils aussen und sind durch je einen Kragplattenanschluss pro Seite über einen Betonkranz an die Betondecke angeschlossen. Der Betonkranz nimmt die Fassaden, Geländer und Fallarm-Markisen für den Sonnenschutz auf. Zur Erdbebenaussteifung sind ausreichend Wandscheiben in das Dom-Ino Prinzip integriert. Diese sind durch grosse, kreisförmige Ausschnitte materialsparend ausgebildet. Die inneren Lehmwände aus eigenem Aushub bilden das ökologische Zentrum des Hauses: lokal, sortenrein, zirkulär und frei von Zusatzstoffen. Sie speichern Wärme, regulieren Feuchte und sorgen für ein stabiles Innenklima. Der formgepresste Lehmziegel wurde hier eingesetzt, weil die Trocknung ausserhalb des Hauses in einem Zelt stattfinden konnte. So wurde das Einbringen von zu hoher Baufeuchte im Winter vermieden. So entsteht ein Haus, das sich nicht als Einzelobjekt versteht, sondern als möglicher Prototyp – als Modell dafür, wie regionale Materialien, konstruktive Klarheit und räumliche Einfachheit eine zukunftssfähige Wohnarchitektur definieren können und sich in grösserem Massstab fortschreiben lassen.
Das Dom-Ino Prinzip
Das 1917 entwickelte Dom-Ino Konzept von Le Corbusier sieht neben dem Tragskelett, der «ossature» Wände und Ausfachungen aus «agglomérés», das sind Steine, die aus Bauschutt, Abfällen und verbrannten Kalkresten bestehen, vor. «L’ossature Dom-Ino étant portante, ces murs ou ces cloisons pouvaient être en n’importe quel matériaux et tout particulièrement en matériaux de mauvais choix, tels que pierres calcinées par les incendies, ou des agglomérés faits avec les déchets des ruines de la guerre.»
Durch die Wiederverwendbarkeit von Recyclingbeton, sowie die nachhaltige Gewinnung durch kontrollierten Rückbau ist es Bauherren möglich, die Graue Energie ihres Bauwerkes zu verbessern. Das Wiederverwenden von Baustoffen ist keine Entwicklung der Neuzeit. Während der Antike und dem Mittelalter gehörte es zur Standardprozedur Materialien aus alten Gebäuden für Neubauten wieder zu verwenden. Aufgrund des aufgekommenen Bewusstseins für nachhaltige Bauprozesse im späten 20. Jahrhundert wurde die alte Gangart wieder aufgegriffen und durch moderne Technik und Innovation verfeinert. Die Ausführung der örtlich gewonnenen Lehmsteine für die nichttragenden Innenwände Lehmwände wurde sorfältig geplant: Am Fusspunkt mit Kimmstein, in der Mauer mit Lagerfugenbewehrung, an der Oberfläche mit einem Armierungsnetz und am Kopf mit einem gleitenden Deckenanschluss aufgrund von möglichen Deckendurchbiegungen. Trotz der Verwendung eines Lehmsteins ohne Zusatzstoffe sind damit alle technischen Anforderungen an eine stabile und dauerhafte Wand erfüllt.
Der erstmalig in einem Gebäude mit Fussbodenheizung verwendete Cleancrete-Boden verzichtet vollständig auf Zement. Oulesse Cleancrete basiert auch auf wiederverwendeten Zuschlägen und reduziert somit den CO₂-Fussabdruck. In der Küche wird durch einen Anschliff eine körnige Struktur als Terrazzo sichtbar und bietet ein haptisch angenehmes Barfuss – Gehgefühl. Die Fassade folgt einer bioklimatischen Logik: Weite Fenster für Querlüftung und Blick ins Tal auf der Hangseite, grosszügige Verglasungen für passive Energiegewinnung im Winter. Überhänge und textile Verschattung mit Fallarmmarkisen verhindern sommerliche Überhitzung. Das Regenwasser wird gesammelt, die Photovoltaik versorgt die Wärmepumpe, das begrünte Dach mit kleiner Sauna interpretiert das Dachgartenprinzip zeitgenössisch. All die Experimentierfreude und die Suche nach der besten lokalen Lösung wäre ohne unsere exzellente Bauherrschaft nicht möglich. Lehm als Baumaterial zur Schaffung eines gesunden Raumklimas wurde von vorneherein eingefordert, die Robustheit des Betons schafft einen würdigen Rahmen und eine zeitlose Eleganz. Der Prozess einer vertieften Planung dauerte ebenso lang wie der Prozess des Bauens. Die Entwurfsphase war geprägt durch Variantenuntersuchungen in einem iterativen Prozess und die Arbeit an Modellen in den Masst.ben 1:200, 1:100, 1:33 sowie Mockups im Masstab 1:1. Das Ziel war, mit den besten Firmen zusammenzuarbeiten. Lehmbau Georg Paul zusammen mit der Lehmag AG weisen eine langjährige Erfahrung mit Lehmsteinmauern auf. Das Vermauern ging somit spielerisch leicht vonstatten. Der Baumeister Huber Straub hat Erfahrungen mit rauhen Betonoberflächen im Basler Zoo gesammelt und das Stocken, sowie die Beschaffung des Recyclingbetons verantwortet.
Das Projekt von Stern Zürn Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jeannine Bürgi publiziert.