Sanierung der Cité du Lignon
1219 Vernier,
Schweiz
Veröffentlicht am 31. März 2022
Jaccaud + Associés SA
Teilnahme am Swiss Arc Award 2022
Beschreibung
Mit einer innovativen und zugleich umsichtigen Sanierung wurde der beeindruckenden Grosssiedlung le Lignon in der Nähe von Genf neues Leben eingehaucht. Die seit 2011 von Jaccaud + Associés initiierten Instandsetzungsarbeiten sind feinfühlig. Sie nehmen Rücksicht auf den individuellen Zustand der Wohnungen und die Bedürfnisse der Eigentümer*innen.
Extrem lang und sehr hoch: Die Cité du Lignon ist die grösste Wohnsiedlung der Schweiz, die geradezu zu Beschreibungen mit Superlativen herausfordert. Ihre Geschichte ist eng verbunden mit dem raschen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum in der Schweiz in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Und zugleich ist die Grosssiedlung ein Symbol für den technischen Fortschritt im Bauwesen und die städtebaulichen Idealvorstellungen der Zeit. Das zwischen 1963 und 1971 von Addor & Julliard errichtete Lignon ist aus dem «Plan d’action-logements», der vom Baudepartement der Stadt Genf angesichts der Wohnungsnot initiiert wurde, hervorgegangen.
Das 280'000 m² grosse Grundstück befindet sich am Stadtrand von Genf in einer Rhoneschleife bei Vernier und fällt zum bewaldeten Flussufer hin leicht ab. Die Qualitäten der Landschaft werden durch die spezielle Form der Siedlung unterstrichen: eine mehrfach geknickte Wohnzeile von über einem Kilometer Länge, bis zu 15 Etagen Höhe sowie zwei Hochhäusern mit jeweils 26 und 30 Etagen. Ursprünglich sollten hier 10'000 Mietende ein Zuhause finden – inklusive Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangeboten. Aktuell leben dort 5700 Menschen.
Kulturerbe vs. energetische Ertüchtigung?
Wie bei zahlreichen andere Trabantenstädten der Nachkriegszeit wurde auch in Lignon über den richtigen Umgang mit der mehr als einem halben Jahrhundert alten Substanz gerungen: Für die einen ist das Ensemble zu jung, um schützenswert zu sein. Andere kritisieren den «unmenschlichen» Massstab. Und wie stehen die Chancen, dass der Grossbau energetisch fit gemacht werden könnte, ohne sein Erscheinungsbild zu beeinträchtigen? In den 2000er-Jahren nahmen einige Eigentümer*innen auf eigene Faust bauliche Eingriffe vor, um die Energiebilanz ihrer Wohneinheiten zu verbessern. Anders als man es erwarten würde, gehört die Wohn-Schlange nicht ausschliesslich der Gemeinde oder einer Firma, sondern einem Dutzend verschiedener Eigentümer*innen – teils subventioniert, teils freitragend. Und in einem der Hochhäuser befinden sich Eigentumswohnungen.
Häufig wurden die ursprünglichen Fenster mit Holz-Aluminium-Rahmen durch solche aus Kunststoff ersetzt. Und einige der Aussenwände der Galeriegeschosse wurden verputzt, um «diese traurigen Räume zu beleben». Diese Eingriffe waren an sich nur klein, doch sie gefährdeten zunehmend das Gesamtbild von Lignon. Es wurde klar, dass für die energetische Ertüchtigung eine Gesamtstrategie gefunden werden musste, um weiteren Schaden vom baukulturellen Erbe abzuwenden.
Vor diesem Hintergrund entschieden sich der Kantonale Denkmalschutz (SMS) und die kantonale Energiefachstelle (OCEN) für ein strategisches Vorgehen. 2009 wurde die Cité du Lignon mitsamt ihrer Umgebung unter Denkmalschutz gestellt. Daraus resultieren Vorschriften, insbesondere um das einheitliche Erscheinungsbild der Vorhangfassade aus Aluminium und Glas sicherzustellen.
Das Laboratoire des Techniques et de la Sauvegarde de l’Architecture moderne (TSAM) der EPF Lausanne wurde beauftragt, Konzepte für eine energetische Ertüchtigung zu erarbeiten. Dabei sollte so viel originale Bausubstanz erhalten bleiben, wie möglich. In der 2011 abgeschlossenen Studie schlugen die Verfasser*innen drei Herangehensweisen mit unterschiedlichen Eingriffstiefen vor – vom Unterhalt bis zum kompletten Ersatz der Fassaden – doch alle mit dem selben Ziel, die baukultureller Werte von Lignon bestmöglich zu bewahren. Man entschied sich für einen Mittelweg: Die Fassadenelemente sollten nur gereinigt, innen liegende Fenster jedoch durch neue zweifachverglaste ersetzt werden.
Neuartiges Verfahren
Als dann das Forschungs- zum Architekturprojekt wurde, kamen Jaccaud + Associés ins Spiel. Die Beauftragung der Architekten erfolgte unmittelbar durch die Wohnungseigentümergemeinschaft, dem Comité Central du Lignon (CCL). Um die Renovationen möglichst effizient zu gestalten, wurde die Baugenehmigung gleich für den Gesamtkomplex eingeholt, basierend auf den im Rahmen der Studie des TSAM erarbeiteten Varianten. Dieses neuartige Vorgehen erwies sich als erfolgreich. Seit 2011 werden alle Renovationen durch ein vereinfachtes, schnelles Verfahren genehmigt. Jede bauwillige Eigentümerin stellt einen eigenen Zeitplan auf, wählt ein Planungsbüro und einen Unternehmer aus. Vorausgesetzt, die geplanten Arbeiten entsprechen dem Schutzvertrag und dem von Jaccaud + Associés ausgearbeiteten Atlas mit Hunderten von Details.
Unsichtbare Eingriffe
Benoît Cousin, Partner des Büros und der Projektverantwortliche für Lignon, deutet bei einem gemeinsamen Besuch auf die lange Vorhangfassade und forderte mich auf, die sanierten Bereiche zu identifizieren. Mit sichtlicher Genugtuung darüber, dass ich sie nicht finden konnte, erklärte er, dass genau diese Unsichtbarkeit der Eingriffe der Leitgedanke war. Dabei handelt es sich nicht um einen mimetischen Ansatz. Denn die sichtbaren Elemente der Aussenfassade wurden erhalten beziehungsweise restauriert. Es wurde innen eine neue dünne Isolation aufgebracht. Das ermöglichte, die Arbeiten durchgeführt, ohne die Bewohner*innen ausquartieren zu müssen. Die Renovierung der Fassaden des «Hauses» 49 diente Jaccaud + Associés als Prototyp zur Bestimmung konstruktiver Details und der Materialwahl. Seitdem wurden 40 der insgesamt 84 «Hauseinheiten» in Lignon instandgesetzt – die meisten unter Leitung von Jaccaud + Associés. Welche es sind, kann man nur am leichten Kondensat identifizieren, das sich bei kaltem Wetter auf den matten Glaselementen bildet. Es ist, so die Ingenieure, ein Indiz für die verbesserte Isolation.
Innere Werte
Die jüngsten Bauarbeiten betrafen das kleinere Hochhaus, das noch immer eingerüstet ist. Für die Architekt*innen bildet dies die letzte Etappe eines mit Losinger Marazzi durchgeführten Mandats für einen der Haupteigentümer. Insgesamt hat das Totalunternehmen 32 der «Häuser» renoviert. Die Massnahmen gingen dort über eine reine Fassadensanierung hinaus. Neben dem Einbau von Fenstern mit Doppelverglasung und einer besseren Isolation wurden auch alle Fallleitungen ausgetauscht. Diese Arbeiten mussten auf beengtem Raum stattfinden. Während der Arbeiten wurden die Wohnungen mit Trockentoiletten ausgestattet. Die Arbeiten an den Fassaden waren so terminiert, dass die Bewohner*innen fast immer mindestens ein Zimmer zur Verfügung hatten, in dem nicht gebaut wurde. Bei Losinger Marazzi war ein Vollzeit-Team kontinuierlich nur damit beschäftigt, die Arbeiten mit den Bewohner*innen zu koordinieren. Die Anstriche und Linoleumböden in Treppenhäusern und Gängen wurden gemäss den ursprünglichen Farben aufgefrischt. Die Wohnungstüren aus Mahagoniholz sind nun EI30-zertifiziert. In Fällen, in denen die Brandschutzrichtlinien nicht eingehalten werden konnten, oder die Leistung von Materialien aus Gründen des Denkmalschutzes nicht möglich war, wurden Zugeständnisse gemacht; etwa bei Türgriffen, die teilweise originalgetreu nachgebildet wurden.
In der Attika des kleinen Turmes gibt es zwei Wohnungen. Man erreicht sie über eine Treppe vom 25. Geschoss aus. Zudem gibt es eine grosse Zahl technischer Räume, die man an ihren dunkelblauen Türen erkennt. Holz, feiner Mineralputz und das Tageslicht, das durch eine neue Rauchabzugsanlage im Dach in den Gang einfällt, sorgen für Wohnlichkeit.
In den Eingangshallen wurden farbige Übermalungen entfernt, beschädigte Trani-Bodenplatten ausgetauscht und die roten Zedernholzverkleidungen der Decken erstrahlen in neuem Glanz. Die einfachverglasten Eingangstüren wurden lediglich aufgearbeitet. Zu den Treppenhäusern ergänzten die Architekt*innen hingegen neue Türen, um dort neu eine thermische Trennung herzustellen. Wurde Lignon früher viel kritisiert, könnte es jetzt zu einem Vorzeigeobjekt für eine gelungene energetische Sanierung werden. Forschende, Behörden, Eigentümer*innen, Denkmalschutzbehörden, Planende, Bauunternehmungen und Bewohner*innen haben über einen langen Zeitraum vorbildlich zusammengearbeitet. Graue Energie wurde erhalten und auch die Mieter*innen sind nach wie vor fast komplett dieselben.
Hier und da zeigen sich leider bereits wieder erste Abnutzungsspuren und Zeichen von Vandalismus. Benoît Cousin stört sich nicht daran; er ist davon überzeugt, dass die Arbeit der letzten zehn Jahre dauerhaft dazu beiträgt, die Identität der Cité zu festigen und die Bewohner*innen stolz darauf sind, dort zu leben. Schade, dass die Genfer Sozialwohnungs-Stiftungen, denen der nördliche Teil von Lignon gehört, keine Sanierung planen. Sie werden später nicht mehr vom vereinfachten Genehmigungsverfahren profitieren können.
Nur wenige Sanierungsprojekte bringen auf vergleichbare Weise die Ansprüche an Energieeffizienz, Denkmalpflege und hohe architektonische Qualität in ein Gleichgewicht. Indem bei Lignon spezifische Lösungen gefunden wurden, die den kulturellen, historischen und landschaftlichen Kontext mitgedacht haben, konnte eine Verwässerung des baukulturellen Erbes verhindert werden. Zweifellos ein gutes Beispiel für «good practice». Man wünscht sich in Zukunft mehr davon.
Der Text wurde von François Esquivié für Arc Mag 2022–3 verfasst. Die Übersetzung und Überarbeitung der Deutschen Version wurde von Jørg Himmelreich vorgenommen.
Bauherrschaften
- Anlagestiftung Pensimo
- Bellerive Immobilien AG
- BVK
- Comité Central du Lignon
- Immobilien Anlagestiftung Turidomus
- Imoka Immobilien Anlagestiftung
- Fondation HBM Camille Martin
- La Rente Immobilière SA
- Marconi Investment SA
- Swissinvest Immobilien