Aufstockung Gemeindehaus Frutigen
3714 Frutigen,
Schweiz
Veröffentlicht am 30. März 2026
SANCHEZ MORGILLO
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Beschreibung
Frutigen, auf rund 800 Metern über Meer im Berner Oberland gelegen, fügt sich ruhig zwischen die markanten Silhouetten der Niesenkette und des Gehrihorns ein. In unmittelbarer Nachbarschaft stehen hier zwei Gebäude, die gemeinsam die Gemeindeverwaltung beherbergen: das Gemeindehaus und das Rüeggerhaus. Ein Verbindungsgang im Erdgeschoss verknüpft sie funktional wie räumlich. Beim Rüeggerhaus handelt es sich um einen traditionellen Fachwerkbau, während das Gemeindehaus ein verputzter Massivbau aus der Nachkriegszeit ist. Der wachsende Raumbedarf machte eine Erweiterung notwendig. Verschiedene Optionen wurden geprüft, doch die solide Substanz und die historische Bedeutung des Hauses legten nahe, den Bestand nicht zu ersetzen, sondern vertikal weiterzuführen. So wird der zweigeschossige Bau um zwei zusätzliche Geschosse ergänzt – ein neues Volumen entsteht, das sich in einen behutsamen Dialog mit dem Rüeggerhaus und dem dörflichen Kontext einfügt. Im Inneren befinden sich heute die Büros verschiedener Amtsstellen. Unter dem Dach der Aufstockung war ursprünglich, wie im Bestand, nur ein Estrich vorgesehen, doch es steckte mehr Potenzial darin: Nachdem die Einwohnenden an der Urne den gleichen Kredit für ein leicht höheres Gebäude bewilligt hatten, konnte dort ein multifunktionaler, stützenfreier Gemeinschaftsraum mit geteilter Küche realisiert werden. Der gewonnene Raum bleibt offen für Veränderungen; er ist bewusst nicht ganz fertig gedacht. Das bestehende Treppenhaus wurde weitergeführt, ein neuer Liftkern ergänzt die Erschliessung und verbindet alle Geschosse miteinander. Die Aufstockung zeigt exemplarisch, wie ein bestehendes Gebäude nicht nur erhalten, sondern in seiner Bedeutung gestärkt werden kann – als Ausdruck eines nachhaltigen und respektvollen Umgangs mit dem Vorgefundenen.
Mit dem Bestand zu arbeiten bedeutet stets, auf das Vorhandene einzugehen: Ob als Neuinterpretation des in der Region verbreiteten Fachwerkbaus oder als feinsinniges konstruktives Detail – das erweiterte Gemeindehaus soll den Bewohnerinnen und Bewohnern vertraut erscheinen und auch in der Erweiterung das Gefühl vermitteln, dass der Bestand geschätzt, sorgfältig untersucht und im besten Fall verstanden wurde. Der ursprüngliche Massivbau bleibt in seinem Ausdruck erkennbar, wird jedoch konstruktiv weiterentwickelt: Eine tragende Hülle aus vorgefertigten Holzelementen ruht auf den bestehenden Mauern und führt ein regelmässiges Öffnungsraster ein. Die Vielfalt der bestehenden Fensterformate und -gruppierungen geht dabei in ein geordnetes und serielles Muster über. So entsteht eine visuelle Verwandtschaft zwischen Alt und Neu, trotz grundlegend unterschiedlicher Konstruktionsweisen. Die unteren zwei Geschosse wurden mineralisch aufgedämmt, punktuell statisch verstärkt und neu verputzt. Die Aufstockung in Holzbauweise hingegen wurde mit einem Raster aus zementgebundenen Gipsfaserplatten bekleidet, welche auf der Leichtbau-Unterkonstruktion befestigt und danach verputzt wurden. Entlang des Fassadenrasters leiten massgefertigte, eloxierte Aluminiumprofile das Wasser gezielt ab und verleihen dem Gebäude ein präzises, zeitgenössisches Erscheinungsbild. Dabei wird der Eindruck eines monolithischen Baukörpers bewusst aufgelöst – zugunsten einer Lesbarkeit der einzelnen Elemente und der dahinterliegenden Konstruktion. Die gleichfarbigen Markisen fügen sich in das Raster ein. Die Gestaltung der Putzfassade in der Aufstockung ist eine Deklination des Bestandes – eine Variation, die aus dem Verständnis der Bauweise hervorgeht. Während im unteren Bereich das Mauerwerk als zusammenhängende Masse erscheint, wird die Oberfläche im oberen Teil in einzelne Trägerplatten gegliedert. Diese Differenz folgt der Logik der Konstruktion: Hier das massiv verbundene Mauerwerk, dort die gefügten, verschraubten Elemente des Holzbaus. Das Mittel zum Entwurf ist lediglich das Verständnis der Bauweise. Gestaltung wird so zum Ausdruck von Konstruktion. Ein besonderer Moment offenbart sich unter dem Vordach: Nach dem Rückbau des Gerüsts tritt eine von den Architekten selbst ausgeführte Bemalung am Dachhimmel zutage. Sie zeigt das im alpinen Raum verbreitete Trügerische Torfmoos (Sphagnum fallax), das einst als Dämmmaterial Verwendung fand. Heute verweist es leise auf die Geschichte des lokalen Bauens und auf die Wertschätzung der vorhandenen Substanz.
Das Projekt von Sanchez Morgillo wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.