Casa Nova

 
7144 Vella,
Schweiz

Veröffentlicht am 01. April 2026
sumcrap. gmbh atelier d'architectura
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Fenster mit Ausblick zum Dorf Ansicht vom Dorf Zugang zur Zimmeretage, Küchenblick – Perspektive mit Bezug zur Landschaft und zum Dorf Obergeschoss – Spielbereich der Kinder Hausfassade von Westen Einbettung  Landschaft Ansicht Haupteingang Loggia Verbindung Innen-Aussen Panorama auf Berge und Dorf Badezimmer mit Valser Stein Aufrichte Doppelstirck Arbeitsmodell

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Pellas 50F, 7144 Vella, Schweiz
Projektkategorie
Fertigstellung
03.2026
Links

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
2
Anzahl Kellergeschosse
1
Anzahl Wohnungen
1
Grundstücksfläche
602 m²
Geschossfläche
300 m²
Nutzfläche
140 m²
Gebäudevolumen
980 m³
Gebäudekosten (BKP 2)
1,3 Mio. CHF
Anzahl Arbeitsplätze
1
Parkplätze
4
Anzahl Betten
4

Beschreibung

Casa Nova entsteht in Vella im Lugnez, an einer sonnigen Südhanglage oberhalb des Dorfkerns. Der Ort ist geprägt von der Bautypologie des gesamten Tals. Giebelständige Strickbauten und Stallscheunen, die sich ins Tal orientieren, eingebettet in die Berglandschaft mit Blick von Péz Fess über Péz Signina, Pala da Tgiern, Péz Ault bis Péz Terri, bildet dieser Kontext den Ausgangspunkt des Entwurfs.

Ausgangspunkt ist eine junge befreundete Familie mit dem Wunsch nach einem Haus, das sich selbstverständlich in das Dorfgefüge einfügt und zugleich Identität stiftet. Darüber hinaus versteht sich das Projekt als Beitrag zu einem gemeinschaftlich gedachten Weiterbauen im Dorf, als Teil eines sozialen Gefüges, das Nachbarschaft stärkt und das Wissen um den traditionellen Holzbau weiterträgt, seine konstruktiven Prinzipien, handwerklichen Techniken und materiellen Zusammenhänge. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der zeitgenössischen Legitimation eines neuen Einfamilienhauses im alpinen Raum. Die Antwort liegt in einer konsequenten architektonischen Haltung: «Gebaut wird nur dort, wo Konstruktion, Material und Lebensdauer eine langfristige Perspektive eröffnen.» Der Strickbau wird in Zeithorizonten gedacht, die weit über die Gegenwart hinausreichen, als robustes System, das über Generationen Bestand haben und im Extremfall sogar wieder rückgebaut und in seinen Teilen weiterverwendet werden kann. Angesichts der Tatsache, dass bestehende Strickbauten in Dörfern wie Vella für Einheimische finanziell kaum zugänglich sind, wird der Neubau so zu einer bewusst verantworteten Alternative.

Was ist das Besondere an der Bauaufgabe?
Die Aufgabe besteht darin, ein neues Einfamilienhaus im alpinen Kontext zu realisieren und dabei die Frage nach dessen heutiger Legitimation zu beantworten. Der Entwurf versteht sich als Beitrag zum Weiterbauen im Dorf. Konstruktiv, sozial und langfristig gedacht.

Welche Überlegungen liegen diesem Projekt zugrunde?
Im Zentrum steht die Verbindung von Ort, Konstruktion und Material. Der Strickbau wird als raumbildendes System verstanden, das nicht nur Technik ist, sondern die räumliche Ordnung und Atmosphäre des Hauses bestimmt. Gleichzeitig wird in langen Zeiträumen gedacht in Bezug auf Dauerhaftigkeit, Rückbaubarkeit und Ressourcenschonung.

Welche Inspirationen lagen dem Projekt zugrunde?
Die Bautypologie des Lugnez mit ihren giebelständigen Strickbauten und Stallscheunen sowie die präzise handwerkliche Logik des traditionellen Holzbaus. Ebenso die Frage, wie diese Prinzipien in eine zeitgenössische Form des Wohnens übersetzt werden können.

Welche Rolle hatten Standort und Bestand auf den Entwurf?
Der Entwurf folgt konsequent der ortsbaulichen Logik. Lage, Topografie und die bestehende Stallscheune bestimmen Setzung, Ausrichtung und Volumetrie. Gleichzeitig definieren sie gezielte Blickbezüge in Landschaft und Dorf.

Inwiefern haben Bauherrschaft und Nutzer*innen das Projekt beeinflusst?
Die enge Beziehung zur Bauherrschaft ermöglichte eine präzise Auseinandersetzung mit dem Wohnen als sozialem Gefüge. Der Wunsch nach einem identitätsstiftenden, eingebetteten Haus führte zu einer klaren Haltung gegenüber Ort, Konstruktion und gemeinschaftlichem Bezug.

Wie fügt sich das Gebäude in die Reihe Ihrer bisherigen Bauten ein?
006. Casa Nova ist eine konsequente Weiterführung unserer Auseinandersetzung mit dem regionalen Holzbau. Es vertieft das Thema Strickbau als Entwurfssystem und verbindet konstruktive Präzision mit räumlicher und gesellschaftlicher Fragestellung.

Gab es Richtungsänderungen im Entwurfsprozess?
Die grundlegende Haltung blieb konstant. Anpassungen erfolgten vor allem in der räumlichen Präzisierung und in der konstruktiven Durcharbeitung, insbesondere im Umgang mit Setzverhalten und Fügung.

Haben aktuelle energetische oder konstruktive Trends das Projekt beeinflusst?
Nicht im Sinne von kurzfristigen Trends. Nachhaltigkeit wird aus der Konstruktion selbst entwickelt: diffusionsoffene Aufbauten, natürliche Materialien und eine langlebige Bauweise stehen im Vordergrund.

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg beigetragen?
Das zentrale Element ist das Holz selbst, präzise gefügt im Strickbau. Entscheidend ist dabei weniger ein einzelnes Produkt als das Zusammenspiel von Material, handwerklicher Fügung und computergestützter Vorfertigung. Die Setzung folgt der ortsbaulichen Logik. Ein länglicher Baukörper, parallel zur benachbarten Stallscheune, nimmt die vorhandenen Strukturen auf und entwickelt daraus seine Ausrichtung. Diese definiert gezielte Blickbezüge in Landschaft und Dorf und legt zugleich die innere Organisation fest. Im Zentrum steht die Konstruktion als raumbildendes Prinzip. Der Strickbau wird nicht als reine Technik verstanden, sondern als raumprägendes Entwurfssystem. Die präzise gefügten Holzlagen, ihre Verstrickungen in den Ecken und die Logik ihrer Verbindungen erzeugen eine dichte, kontinuierliche Struktur, aus der heraus die Räume entwickelt werden. Tragende, kompaktere Raumzellen mit dienenden Funktionen gliedern das Haus und spannen dazwischen eine abgestufte Folge offener, lichtdurchfluteter Räume auf (Positiv/Negativ-Prinzip). Grosszügige Verglasungen treten als räumliche Erweiterungen in Erscheinung, greifen in die Landschaft aus und verstricken Innen- und Aussenraum. Die fein bearbeiteten Holzoberflächen, ausgeführt mit einer traditionellen, aus Japan stammenden Technik, bei der mit einer Klinge hauchdünne, papierartige Holzschichten abgetragen werden, verstärken die Lichtwirkung und die sinnliche Präsenz des Materials im Raum. Die räumliche Kontinuität wird durch gezielte Sichtbeziehungen und Übergänge verstärkt und führt zu einer Abfolge von Situationen, die unterschiedliche Formen des Zusammenlebens ermöglichen. Vom Rückzug bis hin zu gemeinschaftlich nutzbaren Bereichen.

Die konstruktiven Anforderungen des Holzbaus bestimmen den Entwurf von Beginn an. Das Setzverhalten des Holzes, bis zu mehreren Zentimetern pro Geschoss infolge des Schwindens der einzelnen Balkenlagen, wird Bestandteil der Planung und in alle Anschlüsse mitgedacht. Ein schweres Dach aus Valser Quarzit ergänzt dieses System, indem es die notwendige Auflast einbringt und so das gleichmässige Setzverhalten unterstützt. Im Zentrum bleibt die Holzkonstruktion selbst, mit über tausend präzise gefertigten Einzelteilen, die in der Werkstatt computergesteuert vorgefertigt und auf Abbundmaschinen mit Nuten, Kämmen, Falzen, Bohrungen und Aussparungen versehen und innerhalb von vier Wochen vor Ort von Zimmerleuten aufgerichtet werden.

Nachhaltigkeit ergibt sich unmittelbar aus Material und Konstruktion. Holz als primärer Baustoff, kombiniert mit Zellulosedämmung sowie weiteren natürlichen Materialien wie Schafwolle und Kork, ermöglicht einen diffusionsoffenen, ressourcenschonenden und langlebigen Aufbau ohne zusätzliche Folienebenen. Der Bauprozess selbst macht die Architektur erfahrbar. Räume entstehen aus Konstruktion und entwickeln ihre Atmosphäre aus der Logik von Fügung, Licht und Proportion. Gleichzeitig stärkt das Projekt das lokale Handwerk und verankert sich in der regionalen Baukultur. Das Strickhaus versteht sich als Weiterführung des regionalen Holzbaus, entwickelt aus der Logik von Ort, Konstruktion und Material sowie aus einer Haltung, die das Bauen im alpinen Kontext nur dann als gerechtfertigt ansieht, wenn es langfristig ökologisch und gesellschaftlich tragfähig ist.

Das Projekt von sumcrap. atelier d'architectura wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert

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