Garage Encounters
1449-003 Lisboa,
Schweiz
Veröffentlicht am 06. März 2026
BUREAU Daniel Zamarbide, Carine Pimenta, Galliane Zamarbide
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Eines der hartnäckigsten Missverständnisse, die die Architekturwelt in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt haben, ist die Annahme, dass sich die eigentliche, «edle» Existenz der Architektur ausschliesslich im Gebauten manifestiere. In dieser Erzählung bilden Gebäude das wahre Herz und den Körper der Disziplin; alles andere erscheint anekdotisch, peripher oder dekorativ – mitunter sogar tadelnswert. Wenn heute an das Werk von Carlo Scarpa erinnert wird, dann selten wegen jener Tätigkeit, der er den grössten Teil seines Lebens gewidmet hat: der Ausstellungsgestaltung. Darauf hat Philippe Duboy in seinem Buch Carlo Scarpa, L’Art d’Exposer (Les Presses du Réel) hingewiesen. Ausstellungen zu gestalten bedeutete im kulturell und politisch komplexen Italien jener Zeit auch ein politisches Engagement – so wie es im viktorianischen England eine politische Handlung war, Tapeten für William Morris zu entwerfen. Andere wiederum, wie Lilly Reich, sind aus vielen Architekturgeschichten nahezu verschwunden – verborgen hinter einem «Meister».
Ausstellungen sind öffentliche Räume. Sie ermöglichen es, Themen zu erfahren, zu diskutieren, zu lernen oder sich zu informieren. Wenn Museen die institutionellen Gefässe solcher öffentlichen Momente sind, dann bilden Ausstellungen deren operative Form: öffentliche «Rendez-vous», an denen Inhalte sichtbar werden, geteilt werden und an denen Menschen verweilen, kommen und gehen, um Anregung zu finden. Die Geschichte der Ausstellungsräume kennt keine absolute Wahrheit – vom klassischen Museum mit Wänden voller farbiger Wandteppiche bis zum heute etablierten White Cube. All diese Formen gehören zu einer Entwicklung, die das Potenzial hat, die gegenwärtig oft standardisierten Ausstellungsräume neu zu beleben. Aus dieser Vielfalt bedeutender Ausstellungsräume sind einige nach Garagem Sul gekommen. Sie sind in Lissabon gelandet, um eine zeitgenössische, ernsthafte und zugleich entspannte Weise zu feiern, auf das zu blicken, was wir als kulturelle Institution bezeichnen. Doch wie lässt sich eine Institution überhaupt definieren? Und braucht sie tatsächlich eine klare Definition? Hier versammelt sich eine kleine Gruppe von Freundinnen und Freunden des Raums: einige gross und imposant, andere bescheiden und intim. Sie sind zur Garagem-Party gekommen – Serralves aus Porto, John Soane aus London, der Prado aus Madrid, die Uffizien aus Florenz. Fragmente vieler Geschichten, erlebt von Millionen Menschen. Versetzt und neu inszeniert erscheinen sie weniger institutionell, vielleicht auch etwas weniger steif. Um ihre Informalität zu zeigen, legen sie ihre Organe offen. Backstage und Frontstage bilden keinen Gegensatz, sondern ein gemeinsames Ensemble. Technisches und Repräsentatives verschmelzen zu einer Haltung, die den Prozess des Herstellens in den Mittelpunkt stellt – ganz im Sinne von Harald Szeemanns Ausstellung When Attitude Becomes Form von 1969 in Bern. Zu einem grossen Teil besteht die Konstruktion aus wiederverwendeten Materialien früherer Ausstellungen. Kulturelle Momente werden so neu aufgeführt, Elemente aus der Geschichte des Ortes zurückgewonnen und weitergeführt. Doch bevor das Fest beginnen konnte und all diese Freunde empfangen wurden, musste der Ort aufgeräumt werden. Elemente, die sich im Laufe der Geschichte des Architekturzentrums angesammelt hatten, wurden entfernt. Natürliches Licht war zwar vorhanden, aber verdeckt, unzugänglich, verborgen. Auch die ursprünglichen Materialien und räumlichen Konfigurationen hatten im Lauf der Zeit ihre Schichten angesetzt. Die Ausstellung, die diesen Raum eröffnet, ist alles andere als neutral: Interspecies. Sie öffnet die Architektur für notwendige mehr-als-menschliche Perspektiven und Haltungen. Wenn bereits viele Akteurinnen und Akteure der Architekturgeschichte unsichtbar geblieben sind, dann waren nicht-menschliche Beteiligte nahezu vollständig abwesend. Die Garage ist nun bereit, Wandernde aller Art zu empfangen – Menschen, die mit der Geschichte und den unzähligen Geschichten, aus denen sie besteht, auf Entdeckung gehen.
Das Projekt wurde von BUREAU Daniel Zamarbide, Carine Pimenta, Galliane Zamarbide eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.