Maison Imho

8 von 1896

 
4125 Riehen,
Schweiz

Veröffentlicht am 16. April 2026
Stern Zürn Architekten
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Maison Imho Wohnen im Garten Maison Imho Einbettung in den Hügel Dualität / geschlossen - offen Aushub, Kugelprobe, formgepresster Lehmstein Lehmsteinherstellung aus eigenem Aushub Lehmsteinwände als Klimapuffer Lehmwände im Innenraum Zementfreier Terrazzo mit Marmorzuschlag Treppenraum Materialsparende Kernwand im Innenraum Eisblauer Kalk im Wohnbad Beziehung nach draussen Betonsteinpool sandgestrahlt Recylingbetonskelett mit Glasausfachung Aussentreppe

Projektdaten

Basisdaten

Projektkategorie
Fertigstellung
01.2026
Links

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
2
Anzahl Kellergeschosse
1
Anzahl Wohnungen
1
Grundstücksfläche
1000 m²
Geschossfläche
230 m²
Nutzfläche
40 m²
Gebäudevolumen
998 m³

Beschreibung

Maison Imho – zwischen Struktur, Material und Ort 

Das Projekt setzt konsequent auf regionale Materialkreisläufe. Wesentliche Baustoffe stammen aus dem unmittelbaren Umfeld: Der Recyclingbeton wird aus Abbruchmaterial im Umkreis von 5–30 km gewonnen, der Lehm für die massiven Innenwände wird direkt in der Baugrube gewonnen und in der Nähe zu präzisen Steinen formgepresst. Die Fassaden und konstruktiven Holzelemente bestehen aus Schweizer Holz. Aus dieser Nähe der Materialien entsteht eine Architektur, die kraftvoll verankert und zugleich zeitgemäss wirkt. Auf dem steilen Südwesthang in Riehen steht ein Haus, das industrielle Logik in den Massstab des Wohnens überträgt. Die Konstruktion folgt dem Dom-Ino-Prinzip von Le Corbusier: ein reduzierter, exakt gefügter Betonrahmen, der Dauerhaftigkeit mit räumlicher Offenheit verbindet. Diese Struktur bildet das räumliche Fundament und schafft die Bühne für das Zusammenspiel zweier elementarer Baustoffe. Gestockte Betonstützen und Treppen treffen auf massive Lehmwände – zwei Materialien, deren Unterschied in Härte und Tiefe die räumliche Atmosphäre prägt.

Drei Ortbetonplatten definieren die vertikale Organisation: unten Versorgung und Stauraum, in der Mitte der gemeinschaftliche Wohnbereich, oben die privaten Räume. Die Konstruktion bleibt sichtbar, ihre Ordnung klar ablesbar.

Dem technischen Betonskelett und den rohen Aluminiumprofilen steht die zweite Materialschicht gegenüber: die aus Grundstückslehm geformten, massiven Innenwände. Atmend, klimaregulierend und akustisch weich bilden sie das erdige Gegengewicht zur mineralischen Strenge des Betons. Der Kontrast erzeugt eine Spannung, die Robustheit, Wärme und Ruhe verbindet.

Die Baufigur reagiert differenziert auf Stadt und Landschaft. Hangabwärts öffnet sich eine grosszügige Verglasung mit weitem Blick über Basel und den Rheinraum. Hangaufwärts schützt eine feingliedrige, lackierte Holzfassade mit Klappläden an den Fenstern und nimmt Bezug auf die kleinteilige Nachbarschaft. Die Setzung folgt präzise der Topografie: terrassierend statt nivellierend. Durch Solarorientierung, Tiefenstaffelung und Überhänge entsteht ein klimareagierendes, energiesparsames Profil.

Nachhaltigkeit ist Teil der konstruktiven Materiallogik. Der RC-C50-Beton mit CO₂-reduziertem CEM-III-Zement zeigt nach dem Behauen seine Körnung aus Betonbrocken Basler Abbruchhäusern und kleinen Ziegelsplittern und macht den Materialkreislauf sichtbar. Die tragenden Stützen liegen grösstenteils aussen und sind durch je einen Kragplattenanschluss pro Seite über einen Betonkranz an die Betondecke angeschlossen. Der Betonkranz nimmt die Fassaden, Geländer und Fallarmmarkisen für den Sonnenschutz auf. Zur Erdbebenaussteifung sind ausreichend Wandscheiben in das Dom-Ino-Prinzip integriert. Diese sind durch grosse, kreisförmige Ausschnitte materialsparend ausgebildet.

Die inneren Lehmwände aus eigenem Aushub bilden das ökologische Zentrum des Hauses: lokal, sortenrein, zirkulär und frei von Zusatzstoffen. Sie speichern Wärme, regulieren Feuchte und sorgen für ein stabiles Innenklima. Der formgepresste Lehmziegel wurde hier eingesetzt, weil die Trocknung ausserhalb des Hauses in einem Zelt stattfinden konnte. So wurde das Einbringen von zu hoher Baufeuchte im Winter vermieden.

Es entsteht ein Haus, das sich nicht als Einzelobjekt, sondern als möglicher Prototyp versteht – als Modell dafür, wie regionale Materialien, konstruktive Klarheit und räumliche Einfachheit eine zukunftsfähige Wohnarchitektur definieren können und sich in grösserem Massstab fortschreiben lassen.

Das Dom-Ino-Prinzip
Das 1917 entwickelte Dom-Ino-Konzept von Le Corbusier sieht neben dem Tragskelett, der «ossature» Wände und Ausfachungen aus «agglomérés», das sind Steine, die aus Bauschutt, Abfällen und verbrannten Kalkresten bestehen, vor. «L’ossature Dom-Ino étant portante, ces murs ou ces cloisons pouvaient être en n’importe quel matériaux et tout particulièrement en matériaux de mauvais choix, tels que pierres calcinées par les incendies, ou des agglomérés faits avec les déchets des ruines de la guerre.»

Durch die Verwendung von Recyclingbeton aus lokalem Gebäuderückbau und Lehm als Innenbaustoff ist es der Bauherrschaft möglich, die Graue Energie ihres Bauwerkes zu reduzieren.

Das Wiederverwenden von Baustoffen ist keine Entwicklung der Neuzeit. Während der Antike und des Mittelalters gehörte es zur Standardprozedur, Materialien aus alten Gebäuden für Neubauten wiederzuverwenden. Aufgrund des gewachsenen Bewusstseins für nachhaltige Bauprozesse im späten 20. Jahrhundert wurde die alte Praxis wieder aufgegriffen und durch moderne Technik und Innovation verfeinert.

Die Ausführung der örtlich gewonnenen Lehmsteine für die nichttragenden Lehmwände im Innern wurde sorgfältig geplant: Am Fusspunkt mit Kimmstein, in der Mauer mit Lagerfugenbewehrung, an der Oberfläche mit einem Armierungsnetz und am Kopf mit einem gleitenden Deckenanschluss aufgrund von möglichen Durchbiegungen der Decke. Trotz der Verwendung eines Lehmsteins ohne Zusatzstoffe sind damit alle technischen Anforderungen an eine stabile und dauerhafte Wand erfüllt.

Der erstmalig in einem Gebäude mit Fussbodenheizung verwendete Cleancrete-Boden verzichtet vollständig auf Zement. Oulesse Cleancrete basiert auf wiederverwendeten Zuschlägen und reduziert somit den CO₂-Fussabdruck. In der Küche wird am Boden durch einen Anschliff eine körnige Struktur analog zu Terrazzo sichtbar und bietet ein angenehmes haptisches Gefühl beim Barfussgehen.

Die Fassade folgt einer bioklimatischen Logik: Weite Fenster für Querlüftung auf der Hangseite dienen der passiven Energiegewinnung im Winter. Überhänge und textile Verschattung mit Fallarmmarkisen verhindern sommerliche Überhitzung. Das Regenwasser wird gesammelt, die Photovoltaik versorgt die Wärmepumpe, das begrünte Dach mit kleiner Sauna interpretiert das Dachgartenprinzip zeitgenössisch.

All die Experimentierfreude und die Suche nach der besten lokalen Lösung wären ohne unsere exzellente Bauherrschaft nicht möglich. Lehm als Baumaterial zur Schaffung eines gesunden Raumklimas wurde von vorherein gewünscht. Die Robustheit des Betons schafft einen würdigen Rahmen und eine zeitlose Eleganz. Der Prozess einer vertieften Planung dauerte ebenso lange wie der Bauprozess selbst. Die Entwurfsphase war geprägt von Variantenuntersuchungen in einem iterativen Prozess und die Arbeit an Modellen in den Massstäben 1:200, 1:100, 1:33 sowie Mock-ups im Massstab 1:1.

Das Ziel war es, mit erfahrenen, lokalen Firmen zusammenzuarbeiten. Lehmbau Georg Paul weist zusammen mit der Lehmag AG eine langjährige Expertise im Bau von Lehmsteinmauern auf. Das Vermauern ging somit spielerisch leicht vonstatten. Der Baumeister Huber Straub verfügt über Erfahrung mit rauen Betonoberflächen im Basler Zoo und hat das Stocken, sowie die Beschaffung des Recyclingbetons verantwortet.

Das Projekt von Stern Zürn Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jeannine Bürgi publiziert. 

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