Sanierung des Vieusseux-Turms

 
1203 Genève,
Schweiz

Veröffentlicht am 24. Februar 2026
NOMOS Architectes SA

Sie harmonisieren mit dem Grün der neuen Fassadenverkleidung. Mit beigen Natursteinplatten wird das Erdgeschoss als Sockel artikuliert, der als öffentlicher Bereich zwischen Innen- und Aussenraum vermittelt.

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
16 – 18 Cité Vieusseux, 1203 Genève, Schweiz
Projektkategorie
Gebäudeart
Fertigstellung
01.2023
Links

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
11 bis 20
Anzahl Kellergeschosse
2
Geschossfläche
16'523 m²
Gebäudevolumen
64'000 m³

Beschreibung

Die grossen Wohnanlagen der Trente Glorieuses stehen wegen ihrer scheinbar banalen Gestaltung selten im Fokus des Architekturdiskurses. Dabei wäre es dringend angeraten, sich ihnen zu widmen: Ihre Bausubstanz ist in die Jahre gekommen und die Energiebilanzen sind fast immer schlecht. Mit der Sanierung des Hochhauses der Genfer Siedlung Vieusseux zeigen die Architekt*innen von NOMOS, welches gestalterische Potenzial in Grosssiedlungen steckt und dass eine Ertüchtigung des Bestandes auch partizipativ und ohne Verdrängung möglich ist.

Das Vieusseux genannte Wohnhochhaus wirkt städtebaulich wie ein Scharnier für das gleichnamige Genfer Agglomerationsquartier. Auf dem Lageplan hat die Siedlung die Form eines stumpfen Dreiecks, das an der nach Nordwesten aus der Innenstadt hinausführenden Achse der Route de Meyrin gelegen ist. Dort lockert sich das urbane Gewebe, wird poröser und durchgrünter. Der Stadtstrukturen werden diffuser, verschiedene Massstäbe treten nebeneinander: Hochhäuser stossen auf Einfamilienhausquartiere, breite Verkehrsachsen liegen neben kleinen Siedlungsstrassen. Der mehrfach lange, in seiner Grundform bogenförmige Riegel der Siedlung Vieusseux fasst einen Grünraum ein, in dessen Zentrum sich ein markanter Turm erhebt – beinahe doppelt so hoch wie die Bauten rundherum.
Das Areal befindet sich im Besitz der Société Coopérative d’Habitation de Genève (SCHG), die 1919 gegründet wurde. Zwischen 1930 und 1931 liess sie dort eine erste Arbeitersiedlung errichten, in einer mo­dernistischen Architektursprache, die den Prinzipien des Existenzminimums verpflichtet war. Zwei Zeilen, teilweise auf  Pilotis und mit drei oder vier Geschossen, standen sich in einem Abstand von rund 50 Metern gegenüber. Dazwischen gab es Rasenflächen und am Ende der Mittelachse eine kleine Heizzentrale und eine Gemeinschaftswaschüche.
Nach dem Zweiten Weltkrieg führte das starke wirtschaftliche und demografische Wachstum des Kantons zu einer akuten Wohnungsnot. Die öffentliche Hand reagierte darauf mit Steuererleichterungen, günstigen Hypothekarkrediten und Fördermitteln für den Wohnungsbau. Die ab 1955 erlassenen Dupont-Gesetze ebneten dann den Weg für die Entwicklung grosser HLM-Siedlungen in Genf. Dabei geriet der Agglomerationraum unter Druck und die Arbeitersiedlung von Vieusseux in den Blick. Als zu niedrig und gleichzeitig zu eng bewertet, beschloss die SCHG 1965, sie durch eine Satellitenstadt zu ersetzen – in Anlehnung an die Entwicklungen in Meyrin und Le Lignon. Sie beauftragte Ernest Martin und das Büro Honegger mit der Ausarbeitung des städtebaulichen Entwurfs. Letzteres übernahm auch die architektonische Planung und leitete die Bauarbeiten, die 1968 begannen und sich etappenweise bis 1990 hinzogen.
Die alte Siedlung wich schrittweise der neuen, im Rahmen eines mehrphasigen Umsiedlungsplans: Die grossvolumigen Neubauten wurden zunächst zwischen die bestehenden Gebäude eingefügt, sodass alle Bewohner*innen während der Bauzeit vor Ort bleiben konnten. Die neuen Wohnzeilen entfalteten sich nach und nach um ein umfangreiches Programm gemeinschaftlicher Einrichtungen, von dem heute noch die Schule, ein Quartierhaus, ein Café und ein Supermarkt bestehen. Der anfängliche Enthusiasmus der Bevölkerung, der den Baustart begleitete, ebbte jedoch mit der Ölpreiskrise 1973 schlagartig ab. Die Baukosten explodierten, und der Turm – noch im Projektstadium – verlor die Unterstützung der Genossenschafter*innen. Nur langsam wuchs er in die Höhe und wurde erst 1978 fertiggestellt.

Plattenbau als Denkmal
Mit seinen 15 Geschossen erscheint der Tour de Vieusseux auf den ersten Blick banal. Die Architektur der Brüder Honegger aus vorfabrizierten Elementen wirkt monoton. Nur im vorletzten Geschoss wird dies durch leicht hervortretende Balkone gebrochen, indem diese einen dezenten optischen Abschluss bilden. Schaut man genauer hin, entdeckt man jedoch eine Abfolge von Rücksprüngen, die den Baukörper gliedern und ihm eine dezente Leichtigkeit verleihen.
Bei näherer Betrachtung zeigt auch das Erdgeschoss durchaus Qualitäten. Auch in die Topographie ist der Turm clever eingebunden und öffnet sich zur übrigen Siedlung. Ein grosser Lichtschacht belichtet einen Teil der Räume im Untergeschoss, die vom Conservatoire populaire de Genève genutzt werden. Gedeckte Aussenräume führen über wenige Stufen zu den Foyers. Innen machen zwei fensterlose Vertikalerschliessungen die insgesamt 150 eher dunklen Wohnungen zugänglich. Jedes Geschoss hat zehn Wohnungen, von denen jeweils eine im Zentrum des Turmes durchgesteckt wurde.
2021 identifizierte die SCHG mehrere Problembereiche. Weil es nur eine sechs Zentimeter starke Dämmung gibt, entweicht viel Wärme. Dass die Decken ohne eine thermische Trennung aussen als Balkone auskragen, vergrössert den Wärmeabfluss; die vorfabrizierten Fassadenelemente, insbesondere die Balkonbrüstungen, befanden sich infolge der Karbonatisierung des Betons in einem schlechten Zustand und das Gebäude erfüllte die aktuellen Brandschutzvorschriften nicht mehr.

Sommer- und Wintergärten
Die SCHG wandte sich an das Architekturbüro NOMOS, beauftragte zunächst eine Bestandsanalyse und anschliessend ein architektonisches Projekt. Das Büro, gegründet in Genf von Katrien Vertenten und Lucas Camponovo, ist der SCHG seit seinen Anfängen verbunden: 2009 gewannen die beiden Architekt*innen einen Wettbewerb für eine Erweiterung der Genossenschaft an der Avenue de Joli-Mont und realisierten dort bis 2015 63 neue Wohnungen.
Für die SCHG stand ein Abbruch der Hochhausscheibe ausser Frage. Die mit einer Zustandsanalyse betrauten Ingenieur*­innen stellten fest, dass sich die betonstruktur in einem ausgezeichneten Zustand befindet. Zudem ist gemäss der Genossenschaft die Bindung der Bewohnerschaft an das Gebäude aussergewöhnlich hoch; Einige leben schon seit dessen Fertigstellung im Turm und lehnen einen Abriss entschieden ab. Mit derselben Sorgfalt, mit der Ende der 1960er-Jahre die Umwandlung von der Arbeitersiedlung zum HLM-Komplex begleitet worden war, strebte die SCHG eine Intervention «im bewohnten Zustand» an, ohne temporäre Umsiedlung. NOMOS erkannte zahlreiche Qualitäten in der Architektur der Brüder Honegger und schätzt die Organisation der Wohnungen – mit einer gewissen Zurückhaltung gegenüber der durchgesteckten Typologie. Die Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, die schlechte Energiebilanz zu verbessern, die Wärmebrücken loszuwerden und die Fassadenelemente zu ersetzen.
NOMOS entwickelte drei Szenarien, unter der Prämisse, ausschliesslich von aussen in den Bestand einzugreifen. Ein erster Ansatz sah vor, die Balkone vollständig durch eine eigenständige Konstruktion zu ersetzen, die ausserhalb einer neuen thermischen Hülle angeordnet würde – eine Option, die bei der Genossenschaft auf Ablehnung stiess, nicht zuletzt wegen der erheblichen Beeinträchtigungen für die Bewohnenden. Das zweite Szenario sah vor, die Balkone in geschlossene Räume zu verwandeln. Damit hätten sie auf die Bruttogeschossfläche angerechnet werden müssen, was rechtliche Probleme aufwarf. Zudem hätte – so Lucas Camponovo – diese Lösung die Architektur «schwer» wirken lassen, was der formalen Intention des Büros Honegger widersprochen hätte. Zustimmung von Bauherrschaft und Architekt*innen fand schliesslich die dritte Variante: die Umdeutung der Balkone zu Wintergärten.
Den Ursprung dieser Idee verortet NOMOS in der Zusammenarbeit mit Lacaton & Vassal beim Bau des Tour Opale in Chêne-Bourg, der von Wintergärten umgeben ist. Dort war es die Aufgabe der Genfer Architekt*innen, diese auf die Schweizer Normen hin anzupassen. Die dabei gewonnenen Erkentnisse flossen beim Projekt in Vieusseux ein. Die Umwandlung der Balkone in Wintergärten entschärft die bestehenden Wärmebrücken und erhöht den thermischen Komfort in den Zimmern. Wegen ihrer leichten Anmutung beeinträchtigen sie zudem die ursprüngliche Erscheinung des Hochhauses kaum. Von den drei Varianten war diese zudem die günstigste und versprach die geringste Beeinträchtigung für die Bewohner*innen während der Umsetzung. Parallel wurden neue isolierverglaste Fenster eingebracht und die Fassadendämmung um 20 Zentimeter verdickt.

Die Bauarbeiten als Projekt
NOMOS entwickelte den Eingriff in enger Zusammenarbeit mit der SCHG und den Mieter*innen. Das Projekt wurde den Be­wohner*innen des Turmes zur Beurteilung vorgelegt und ihre Meinung dazu mit Fragebögen abgeholt. So stellte sich heraus, dass die von den Architekt*innen vorgeschlagenen französischen Fenster in den Schlafräumen auf Ablehnung stiessen. Mehr Tageslichteinfall und ein stärker vertikaler Ausdruck der Fassade konnten als Argumente nicht überzeugen, da für die Mieer*innen der Verlust an Privatsphäre einen zu grossen Nachteil gebracht hätte. In der Befragung wurde zudem ein direkter Zugang von der Küche zum Balkon bemängelt, was dann von NOMOS aufgegriffen und in Form von Fenstertüren umgesezt wurde.
Wie das Projekt selbst nahm auch die Ausführung konsequent Rücksicht auf den Komfort der Bewohnenden. Sämtliche Arbeiten erfolgten wie vorgesehen von aussen, ohne einen einzigen Zutritt zu den Wohnungen. Die Baustelle gliederte sich in drei Phasen von jeweils acht Monaten; jede Phase betraf rund sechzig Personen, vor deren Fenstern jeweils ein Gerüst aufgestellt wurde. Gearbeitet wurde geschossweise, nach einem präzisen Ablaufplan, dessen Fortschritt laufend über Bildschirme in den Eingangshallen kommuniziert wurde. Pro Wohnung waren drei Arbeitstage vorgesehen: drei Stunden für den Fensteraustausch und rund 20 Minuten für das Absägen der alten Balkonbrüstungen. Letzteres, zusammen mit der Montage der Dämmung, verursachte den grössten Teil der Lärmbelastung. «Es war anstrengend», berichtet ein Familienvater, «aber die Genossenschaft hat es gut begleitet» – unter anderem durch das Bereitstellen eines Asprechpartners, Informationsveranstaltungen und das zur Verfügungstellen von Räumen für Personen, die von zu Hause arbeiten.

In Schwingung gebracht
Ein Jahr nach Abschluss der Arbeiten bestätigt Frank Pilger, Direktor der SCHG, die Wirksamkeit der neuen Gebäudehülle: Der jährliche Energieverbrauch sank von ursprünglich 415 MJ/m² auf heute 230 MJ/m². Während die Nebenkosten dadurch um rund einen Drittel zurückgingen (von CHF 180 auf 120 pro Monat), stiegen die Mieten an und belaufen sich nun auf CHF 1200 für eine Vierzimmerwohnung, gegenüber zuvor 960. Ein Betrag, der – so Pilger – dank der nicht gewinnorientierten Ausrichtung der Genossenschaft weiterhin deutlich unter dem Genfer Durchschnitt liege.
Den räumlichen Abschluss der Wintergärten bildet eine Reihe von Glasflügeln, die vor einem metallenen Geländer angeordnet und wenige Zentimeter voneinander getrennt sind. Die Glaselemente haben kleine runde Griffe und können wie Türen geöffnet werden. Ihre minimal zickzackförmige Anordnung – also die leichte Abweichung aus der Linie – erlaubt es, jeweils ein offenes Element parallel zu einem geschlossenen zu positionieren, damit der Raum nicht durch sie verstellt wird. Von aussen erzeugen die Winkel differenzierte Reflektionen, die Vögel auf die Verglasung aufmerksam machen und Kollisionen verhindern sollen. An sonnigen Wintertagen speichert der temperierte Raum etwas Wärme und bietet Schutz vor Wind, der in den oberen Geschossen besonders stark ist. Im Sommer ergänzt ein Vorhang das klimatische System und schirmt bei Bedarf direkte Sonneneinstrahlung ab; so sind Pufferzonen zwischen Innen- und Aussenraum entstanden.
Die Bewohner*innen zeigen sich überwiegend zufrieden: «Fast das ganze Jahr über ist es im Wintergarten angenehm. Er ist wie ein zusätzliches Zimmer», sagt ein Rentner, der den Wintergarten als zweites Wohnzimmer nutzt und für besonders kalte Tage über das Aufstellen einer Elektroheizung nachdenkt. Andere haben dort einen Fitness- oder Spielraum für Kinder eingerichtet oder Tisch und Stühle aufgestellt, um Mahlzeiten einzunehmen. Vom Fuss des Turms aus kann man viele Topfpflanzen erkennen, die hinter den Scheiben spriessen. Eine Bewohnerin bemerkt, dass sie es schätzt, nun mehr Platz als vorher auf dem Balkon zu haben, bemängelt jedoch das Fehlen eines Wasseranschlusses, da sie den Wintergarten gern als Waschküche nutzen möchte.
Die alten beigen Fassaden verschwanden unter der neuen Dämmschicht. Über ihr wurde ein pastelgrüner Putz aufgebracht. Die Farbe wurde laut Katrien Vertenten von einer Zeder inspiriert wurde, die am Fuss des Turms steht. Am offensichtlichsten als neu treten Wellbleche vor den Brüstungen und unter den Decken der offenen Bereiche im Erdgeschoss in Erscheinung. Insgesamt reflektiert der Turm nun deutlich mehr Licht und beginnt in der Sonne zu schimmern.

Pas de deux
NOMOS ist es gelungen, die Architektur der Brüder Honegger neu zu beleben. Die Transformation versucht zwar wie aufgezeigt die ursprünglichen formalen Intentionen wieder aufzugreifen, setzt die Baumasse zugleich aber in Bewegung und durchbricht damit deren Monotonie. Das Zickzack-Motiv der Wintergärten wurde in der mineralischen Verkleidung des Erdgeschosses fortgeführt und verleiht – im Zusammenspiel mit der Wellenbewegung der Blechverkleidungen – dem Turm einen beschwingten Charakter.
In Vieusseux wurde dem im Massenwohnungsbauten  häufig eingeschriebenen Paternalismus ein grundlegend anderes Verständnis der Rollen von Bauherr, Architekt*­innen und Bewohnenden gegenübergestellt.Die historisch gewachsene Sensibilität der SCHG für ihre genossenschaftlichen Mie­ter*­innen hat diese zu zentralen Akteur*­innen des Projekts gemacht; sie waren sich der formalen wie sozialen Qualitäten ihres Turms bewusst. Die überzeugende Reaktivierung des Elementbaus ist aus einem fein austarierten «Tanz» zwischen Gestalter*­innen und Nutzer*innen hervorgegangen.

Der Text wurde von Julien Rey für das Swiss Arc Mag 2026–2 verfasst und von Jørg Himmelreich ins Deutsche übersetzt. Er wurde von Dane Tritz publiziert. 

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