Schulanlage Brunnenhof – Umbau des ehemaligen Radiostudios
8057 Zürich,
Schweiz
Veröffentlicht am 16. April 2026
spillmann echsle architekten ag
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Historischer Kontext und städtebauliche Ausgangslage
Das in zeitlichen Bauetappen (1932–1937 Otto Dürr, 1967 Willy Rost und Max Bill) entstandene und teilweise unter Schutz stehende Areal Radiostudio Brunnenhof liegt im Zürcher Kreis 6. Das Quartier Unterstrass entwickelt sich derzeit stark, weshalb ein wachsender Bedarf an Schul- und Betreuungsplätzen gedeckt werden musste. Die vorhandene Infrastruktur bot eine einmalige Chance, ein schulübergreifendes Zentrum mit einzigartigen Nutzungsmöglichkeiten zu realisieren.
Das Radiostudio Brunnenhof ist in der Pionierzeit des Schweizer Radios in den 1930er-Jahren als erstes spezifisches Radiogebäude der Schweiz im Stil der neuen Sachlichkeit entstanden. Die grossen Studiosäle, die Otto Dürr innerhalb einer Zeitspanne von nur sieben Jahren zwischen 1932/33 und 1937 in zwei Bauetappen realisieren konnte, sind für die damalige Zeit hoch innovativ ausgestaltet und raumakustisch hervorragend ausgestattet worden. Die innere Raumorganisation mit entlang eines Korridors aufgereihten Studiosälen prägt die Struktur des Sockelgeschosses. Die dritte Bauetappe des Gebäudeensembles, ein im Stil der Nachkriegsmoderne realisierter und mit einer einfachen, flexiblen Stützenstruktur ausformulierter Hochbau von 1967, wurde verantwortet von Max Bill, dem international bekannten Schweizer Künstler und Architekten, sowie Willy Rost, einem ehemaligen Mitarbeiter von Otto Dürr.
Das Büro- und Gewerbeschulbau eignete sich in Struktur und Raster ideal zur Aufnahme des geforderten Raumprogramms einer Sekundarschule. Das in drei Bauetappen entstandene Gebäudeensemble steht heute unter Schuzt und stellt ein historisch und architektonisch bedeutsames Beispiel einer Strategie des «Weiterbauens» dar.
Nutzungskonzept und räumliche Organisation
Aufgrund der Lage und der hervorragenden Akustik liessen sich besonders die beiden Säle sehr gut mit den Nutzungen einer stätischen Oberstufenschule und dem Musikkonservatorium, aber auch für weitere städtische und öffentliche Veranstaltungen aktivieren. Ziel war es, die Anforderungen des Schulbetriebs möglichst funktional in den bestehenden Baukörper zu integrieren und eine Präzisierung der ehemals originalen Strukturen vorzunehmen.
Der neue Haupteingang wurde mit einem grossen, einladenden Vordach aufgewertet, welches Orientierung schafft und auch dem Zugang zu den hochkarätigen Konzertsälen für externe Besucher*innen gerecht wird. Für die Musikschule entsteht eine räumlich zusammenhängende, aber von der Sekundarschule weitestgehend getrennte Einheit aus Veranstaltungssälen und Musikzimmern.
Eine neue Treppe im freigespielten Foyer führt die Sekundarschüler*innen zu den Unterrichtsräumen. Die Gebäudestruktur des Turmbaus ist für die Bildung von Schulräumen ideal. Drei Klassenräume, zwei Gruppenräume und ein Aufenthaltsraum bilden ein sogenanntes Cluster, welches neue Lern- und Betreuungsformen ermöglicht. Die städtische Kreissschulbehörde Waidberg erhielt im Obergeschoss neue Räumlichkeiten, Einzel-, sowie Openspace Büros, Sitzungszimmer und Aufenthaltsbereich. Um die Anforderungen an eine Tagesschule optimal zu erfüllen, wird im Erdgeschoss eine Mensa mit neuer Küche und Aussenterrasse eingeplant. Ein Bewegungsraum und ein Gymnastikraum ermöglichen Sportunterricht bereits vor der Erstellung des Ersatzneubaus des heutigen nicht im Schutzumfang enthaltenen Studios 5, welcher derzeit durch das Studio Urbaite geplant wird.
Das gesamte Areal ist auch ausserhalb der Schulzeiten öffentlich nutzbar. Spiel, Sport- und Vegetationsflächen bereichern das Quartier mit unterschiedlichen Angeboten wie einem Allwettersportplatz, Balancier-, Kletterelementen und einer einzigartigen Parcour-Anlage und weiteren Aufenhaltsbereichen.
Die Verkehrs- und Parkplatzsituation wurde im Umbauperimeter durch die neue Strasse als Begegnungszone, mit möglichst verschmelzenden Übergängen zu der Schulanlage rund um den historischen namensgebenden Doppelbrunnen bereinigt und das Gelände klimaökologisch aufgewertet.
Konstruktion, Technik und bauliche Eingriffe
Technisch wurden die Gebäude unter mehrheitlicher ressourcenschonender Wiederverwendung und Anpassung der haustechnischen Anlagen ertüchtigt. Diverse statische und bauphysikalische Anpassungen zur Einhaltung der hohen, schall- und raumakustischen Anforderungen sowie der erhöhten Personenbelegungen sind grundlegend integriert worden. Die Eingriffe und Neubauteile im Innenausbau wurden mit einem gesamtheitlichen Konzept zusammengefügt und spezifisch und behutsam aus den unterschiedlichen Gebäudeeigenschaften und Konstruktionsprinzipien des Bestandes entwickelt.
Die Instandstellung und Ertüchtigung der Gebäudehülle war nicht Teil des Projekts und ist für eine spätere Bauetappe im Jahr 2040 vorgesehen. Im Rahmen der örtlichen Eingriffe wie der Foyerfassade mit dem neuen Haupteingang wurde die bestehende vorgefertigte Betonelementfassade kaum sichtbar ergänzt.
Zu Beginn der Planung war die Entdeckung des ersten relativ kleinen Studiosaals eine unerwartete Überraschung. Otto Dürr selbst hatte diesen zweigeschossigen Studioraum im Zuge einer Nachverdichtung nach nur wenigen Betriebsjahren mit einer Zwischendecke unterteilt. Das neue Medium Radio und die hierfür benötigten Infrastrukturen entwickelten sich damals schnell und der Raumbedarf stieg stetig. Mit dieser baulichen Massnahme ging ein architektonisch reichhaltiger Studiosaal verloren. Im Rahmen der Instandsetzung konnte der Saal als Tanz- und Bewegungsraum für die Musik- und Sekundarschule teilweise rekonstruiert werden.
Umgang mit dem Bestand und denkmalpflegerische Entdeckungen
Im Zuge weiterer Sondagen – die Baustelle hatte bereits gestartet – wurden im Frühjahr 2024 im grossen Saal des Studios 1 unter der späteren Farbfassung von Max Bill ganz unerwartet eine silberne Blattmetallauflage der beiden das monumentale, prachtvolle Wandgemälde «Farben-Symphonie» des Kunstmalers Oscar Lüthy fassenden Seitenwände entdeckt. Dieses Kunstwerk war zu jener Zeit das grösste abstrakte Wandgemälde in einem Schweizer Gebäude.
Die kostbare Blattauflage wurde im Rahmen der Neugestaltung 1967 überstrichen. In einem intensiven Prozess wurde gemeinsam mit der Denkmalpflege entschieden, die erste und damit bauzeitliche Fassung des einzigartigen Studiosaales von Otto Dürr wieder herzustellen. Die wenigen Eingriffe aus der Zeit von Bill und Roost, die zugunsten einer Wiederherstellung früherer Zeitschichten von Dürr entfernt worden sind, wurden dabei sorgfältig dokumentiert.
Eine Herausforderung war der Erhalt der freitragenden aus Stahlbeton konstruierte Kreuzeckrostdecke über dem Studio 1, die aus akustischen Gründen ursprünglich mit asbesthaltigem Spritzputz beschichtet war. Die Tragfähigkeit dieser in der Schweiz erstmals in solch grossem Ausmass erstellten unterzuglosen Decke wurde bauzeitlich einzig mit Belastungsproben nachgewiesen. Mittels aufwendiger Computermodelle konnte für die Umnutzung schliesslich die Tragsicherheit dieser Rippendecke rechnerisch aufgezeigt werden, was ihren Erhalt und weiteren Gebrauch ermöglicht hat.
Ein weiteres Beispiel im Umgang mit einer Umgestaltung in der Vergangenheit ist das für die Nutzung wichtige ausladende Vordach des Hauptzuganges, das als baulich neues Element zwar wahrnehmbar ist, jedoch in seiner Gestalt Bezug nimmt auf das bauzeitliche Vordach von Otto Dürr an der selben Stelle, das dem Erweiterungsbau von Bill und Roost weichen musste. Dieses Vordach führt in die Eingangshalle, deren räumliche Grosszügigkeit durch den Rückbau eines Fluchttreppenhauses möglich wurde. Mittels der Setzung einer neuen einläufigen Treppenanlage konnten die Geschosse in diesem zentralen Bereich zusammengebunden werden.
1973 wurden als letzte Bausteine durch Bill und Roost das Studio 6 und 7 im Zwischentrakt der Flachbauten sowie eine Tiefgarage eingebaut. Leider fielen beide Studios mit ihrer reichen Farbvielfalt 1992 dem Raumbedarf eines mehrgeschossigen Tonarchivs zum Opfer. Durch den Rückbau des Archivs fand nun im Rahmen der Umnutzung an dessen Stelle der geforderte Bewegungsraum mit wiederhergestelltem, doppelgeschossigem Luftraum seinen Platz.
Im 1. Obergeschoss konnte das wiederkehrende Motiv innerer Sichtverbindungen und Einblicke in die Studioräume aufgegriffen werden. Grosse Innenfenster umfassen diesen Grossraum und schaffen aussergewöhnliche Raumbezüge.
Fünf originale, spezifisch für das Radiostudio Brunnenhof erstellte emaillierte Wandkunstwerke von Max Bill aus dem Jahr 1973, werten das Foyer mit beeindruckenden Farb- und Raumkompositionen auch künftig auf und treten in einen selbstverständlichen Dialog mit den neuen architektonischen Elementen.
Das Projekt wurde von spillmann echsle für den Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jørg Himmelreich publiziert.