Stammhaus Blumer Lehmann

 
9200 Gossau,
Schweiz

Veröffentlicht am 15. April 2026
 
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Freiform-Treppenhaus Atrium mit Freiformtreppenhaus Lage am Bach Eingangsseite beleuchtet Freiform-Treppenhaus Treppenaufgang Freiform Treppenhaus mit Oberlicht Freiform-Treppenhaus Atrium mit Balkonen Büroarbeitsplätze Sitzungszimmer Veranstaltungsraum Terrasse Fassade Luftbild Areal

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Erlenhof, 9200 Gossau, Schweiz
Fertigstellung
12.2025

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
3 bis 5
Anzahl Kellergeschosse
1
Grundstücksfläche
2000 m²
Nutzfläche
4950 m²
Anzahl Arbeitsplätze
180
Parkplätze
25

Beschreibung

Neue Holzbautechniken
Mit dem neuen Empfangs- und Bürogebäude «Stammhaus» auf dem Erlenhof in Gossau haben Blumer Lehmann einen zukunftsweisenden Holzbau realisiert, der neue Holzbautechniken, nachhaltige Arbeitswelten und eine prägnante architektonische Identität vereint. Entworfen von K&L Architekten, bildet das Gebäude den räumlichen und kulturellen Mittelpunkt des Unternehmens.
Herzstück ist ein geschossübergreifendes Atrium mit einer frei geformten Treppenskulptur aus gebogenen Massivholzplatten, deren Form an einen Baumstamm erinnert. Entwurf, Konstruktion und Holzbautechnik wurden in Zusammenarbeit mit dem ICD Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung der Universität Stuttgart entwickelt. Die Treppe verbindet digitale Entwurfsmethoden, computergestützte Fertigung und handwerkliche Präzision und macht die konstruktiven Möglichkeiten von Holz räumlich erlebbar.
Das fünfgeschossige Bürogebäude bietet rund 180 Arbeitsplätze sowie Veranstaltungsräume und eine Cafeteria. Transparenz, Blickbeziehungen und flexible Grundrisse fördern Austausch und Begegnung. Die Arbeitsplätze liegen entlang der Fassaden, während sich Nebenräume um einen zentralen Erschliessungskern gruppieren. Lehmwände verbessern das Raumklima, Holzoberflächen und akustisch wirksame Decken sorgen für Behaglichkeit.

Das Gebäude verzichtet bewusst auf aktive Kühlung und setzt auf Lowtech-Strategien wie natürliche Lüftung, Nachtauskühlung, Verschattung durch umlaufende Balkone sowie geothermisch unterstützte Lehmkühldecken. Die Tragstruktur ist als Holzskelettbau mit Betonkern ausgeführt. Eine innovative Holz-Beton-Holz-Verbunddecke spart Material und kommt ohne Verklebung aus.
Die vorgehängte Holzfassade mit Balkonen und Holzlisenen übernimmt Sonnen- und Blendschutz und verweist gestalterisch auf die Holzlager des benachbarten Sägewerks. Die gekrümmten CLT-curved-Elemente des Atriums übernehmen tragende Funktionen bei minimaler Materialstärke und markieren einen wichtigen Schritt in der Entwicklung industriell gefertigter, gekrümmter Holzbauteile. Das Stammhaus steht exemplarisch für die Verbindung von Forschung, Innovation und gebauter Unternehmenskultur.

Einordnung des Projektes in die Davoser Baukultur-Kriterien
Ausgehend von einem ganzheitlichen Ansatz zur Weiterentwicklung des Produktionsstandortes am Erlenhof entstand das Stammhaus in enger Zusammenarbeit zwischen Bauherrschaft, Architekt*innen, Nutzenden sowie Partnern aus Forschung und Industrie. Langfristige Unternehmenswerte, Innovationsförderung und der kontinuierliche Wissenstransfer zwischen Praxis und Wissenschaft prägten sowohl die Planung als auch die Entscheidungsprozesse und die Umsetzung des Projekts.

Funktionalität, Vielfalt und Wirtschaft
Das Gebäude vereint Büros, Empfangsbereiche, Eventräume und eine Cafeteria unter einem Dach. Transparente Grundrisse, flexible Arbeitsplätze und eine zentrale Treppenskulptur fördern Kommunikation, Orientierung und effiziente Abläufe. Gleichzeitig entstehen unterschiedliche Raumtypen – offene Büros, Rückzugsräume, Begegnungszonen und Veranstaltungsflächen –, die vielfältige Nutzungen und individuelle Arbeitsformen ermöglichen. Die räumliche Organisation unterstützt den Austausch zwischen den Abteilungen und schafft gleichzeitig differenzierte Situationen für konzentriertes Arbeiten.
Die Struktur ist bewusst resilient und anpassungsfähig konzipiert, um zukünftige Entwicklungen aufnehmen zu können. Auch wirtschaftlich wurde das Projekt als langfristig tragfähige Lösung gedacht: Neben den Baukosten standen die Verwendung nachhaltiger Materialien, die lokale Produktion in den eigenen Werken sowie eine zukunftsoffene, langlebige Struktur im Vordergrund. Die effiziente Bauweise und materialoptimierten Konstruktionen tragen dazu bei, die Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus zu sichern und gleichzeitig die Innovationskraft des Unternehmens zu stärken.

Umwelt
Im Erlenhof wird der Holzkreislauf von Sägerei über Elementbau und CLT-Produktion bis hin zum Heizkraftwerk lokal geschlossen. Der Holzbau setzt konsequent auf regionale Materialien, reduziert Beton durch innovative Verbunddecken und nutzt Lowtech-Klimalösungen. Durch Gebäudeausrichtung, natürliche Lüftung, Nachtauskühlung, Lehm als thermischen Speicher sowie Geothermie wird der Energiebedarf minimiert. Eine vorgehängte Fassade mit umlaufenden Balkonen und vertikalen Holzlisenen dient als wirksamer Sonnen- und Blendschutz und unterstützt ein angenehmes Arbeitsklima.

Kontext, Genius Loci und Schönheit
Das Gebäude fügt sich funktional und gestalterisch in das über 150 Jahre gewachsene Industrieareal des Erlenhofs ein, das sich von der Sägerei zum heutigen Produktionsstandort entwickelt hat. Als Auftaktbau des Areals prägt es dessen neue Identität. Die Fassadengestaltung mit grosszügigen Fensterbändern und geschlossenen Holzflächen nimmt Bezug auf die Logik des Sägewerks und die dort gelagerten Holzstapel und übersetzt diese in eine zeitgenössische Architektursprache.
Das Stammhaus bildet zugleich den Ort der Zusammenkunft am Standort und ist eingebettet in eine Landschaft aus Feldern, Wäldern und dem im Rahmen des Projekts ökologisch aufgewerteten Bachlauf, der ursprünglich das Sägewerk antrieb. Die skulpturale Treppe versteht sich als räumliche Interpretation eines «Baumstamms» und überführt die Identität des Holzbauunternehmens in Architektur. Material, Form und Handwerk machen so den Geist des Ortes und die Unternehmensphilosophie direkt erlebbar.
Die rohe Holzfassade mit vertikalen Lisenen, der vorgelagerten Balkonschicht, den Holzstapelwänden und den grosszügigen Glasflächen erzeugt eine starke räumliche Tiefe und verbindet Innen- und Aussenraum auf sinnliche Weise. Die Kombination aus klarer Gebäudestruktur und frei geformtem Atrium schafft eine hohe ästhetische Qualität, in der Licht, Holzoberflächen und präzise Details eine zeitgemässe, atmosphärisch dichte Architektur ausbilden.

Das Projekt wurde von K&L Architekten für den Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jørg Himmelreich publiziert.

217490721