Umbau Rustico Lionza

 
6658 Borgnone,
Schweiz

Veröffentlicht am 04. April 2026
ATELIER BRANDAU CICCARDINI
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

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Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Via la Pezza 17/19, 6658 Borgnone, Schweiz
Projektkategorie
Gebäudeart
Fertigstellung
09.2025

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
2
Anzahl Wohnungen
2
Grundstücksfläche
94 m²
Geschossfläche
162 m²
Nutzfläche
90 m²
Gebäudevolumen
480 m³
Gebäudekosten (BKP 2)
900'000 CHF
Anzahl Arbeitsplätze
1
Anzahl Betten
3

Beschreibung

Situation und Analyse
Lionza ist eine kleine Tessiner Siedlung im Centovalli oberhalb von Borgnone, nahe der Grenze zu Italien. Sie zählt zum ISOS, dem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung. Der Ort ist geprägt von einer einfachen, ländlichen Bauweise und einer starken Beziehung zur umgebenden Landschaft. Das Leben spielt sich hier ruhig und in einem engen Bezug zur Natur ab. Die beiden umgebauten Rustici sind Teil einer Gruppe von drei ehemaligen Agrarbauten, sogenanntes Rustico, die zum Wohnen umgenutzt werden. Die Gebäude liegen leicht ausserhalb des Dorfkerns am Hang. Unterhalb befinden sich weitere Rustici, während die Gebäude hangseitig vom Wald gefasst werden. Die Bauten befinden sich insgesamt in einem guten baulichen Zustand, sodass die bestehende Struktur und insbesondere die für den Ort typischen Naturstein-Bauwerke erhalten und instandgesetzt werden können.

Architektur
Der Schwerpunkt des Projekts liegt darauf, die Qualitäten der Rustici zu erhalten. Die Eingriffe werden so gewählt, dass die bescheidenen Bauten ihren traditionellen Ausdruck und ihre Würde beibehalten. Es werden ehrliche und einfache Massnahmen umgesetzt, um die Lebensqualität der Gebäude im Zuge der Nutzungsänderung wiederherzustellen und zu verbessern. Die äussere Hülle aus Granitsteinmauerwerk bleibt in ihrem Charakter erhalten und wird wo nötig instandgesetzt. Die Dächer aus Granitsteinen werden nach alter Handwerkstradition neu erstellt. In die bestehenden Steinbauten wird ein neuer Holzbau als Elementbau in Fichte hineingestellt. Dieser Holzbau bildet die neue innere Struktur der Gebäude und ist gleichzeitig das sichtbare Material im Innenraum. Diese konsequente Materialisierung zeigt eine ehrliche Bauweise und steht im Kontrast zum harten, massiven Material der äusseren Natursteinfassade in Granit. Der Holzbau ist mit minimaler Aufbaustärke konzipiert, sodass einerseits keine bauphysikalischen Probleme entstehen und andererseits möglichst viel Raum für das Wohnen in Inneren erhalten bleibt. Die vorwiegende Nutzung in den warmen Jahreszeiten, bestätigt diesen konstruktiven Ansatz, und ermöglicht eine bewusste Reduktion der Baumaterialien. Dies trägt räumlich als auch ökologisch und ökonomisch dem Projekt sinnvoll Rechnung. Beide Rustici werden von oben und unten erschlossen. Von oben her eröffnet sich im grösseren Rustico eine Kombination aus Wohnen mit Cheminée, Essen und Kochen, sowie einer Spindeltreppe zum Schlafgeschoss. Hier bildet ein eingestellter Holzkern die Trennung zwischen Schlafen und Garderobe, welcher den Zugang zum WC und Dusche beinhaltet. Im ehemaligen Stallanbau des grossen Rusticos befindet sich neu ein Gästezimmer. Das kleine Rustico ist als offene Loft-Situation organisiert, wobei sich das Schlafen im Dachspitz oben und das Wohnen mit Kochen unten kombiniert. Bei beiden Rustici steht eine möglichst raumeffiziente Organisation der Innenräume im Fokus. Aufgrund der engen Platzverhältnisse übernehmen viele Einbauten mehrere Funktionen. Beispielsweise übernimmt die Steigleiter ins Obergeschoss gleichzeitig die Funktion der Garderobe, als wie auch die Behangmöglichkeit von Küchenutensilien. Die Schlafbereiche sind bei beiden Rustici klar von den Wohn-, Ess- und Kochbereichen getrennt.

Materialisierung und Farbe
Im Projekt dominieren die Materialien Granit und Fichte. Zwei ehrliche Materialien, die dem Ort entsprechen und zu den klassischen Baumaterialien der Region gehören. Einfache Dreischichtplatten aus Fichte werden im Innenraum teils durch farblich geölte Oberflächen spielerisch veredelt. Im Inneren des kleinen Rustico bleibt die ursprüngliche archaische Atmosphäre durch das Auftragen eines Dämmputzes auf das Natursteinmauerwerks im Erdgeschoss spürbar. Der Boden besteht aus einem dunkel eingefärbten, zementösen Hartbetonboden. Die harte Materialwahl unterstreicht bewusst die Funktion des Erdgeschosses in dem ein- und ausgegangen, in dem gekocht und gearbeitet wird. Der Schlafraum im Obergeschoss wird klassisch eines Daches in Fichte gehalten. Gelblich geölte Fichte-Einbauten kontrastieren sich zu den komplementär gehaltenen Metallarbeiten in blau. Im grossen Rustico dominiert die Fichte im Inneren. Eine spielerische Farbgebung in einem dunkelroten und goldgelben Farbton ist als Überspitzung der vor Ort vorkommenden Materialien von Kastanie und Fichte zu verstehen. Die Metallarbeiten im Innenraum sind in komplementären Farbtönen, Mintgrün beziehungsweise Tannengrün beim Cheminée gehalten. Die Farbgestaltung verleiht den Räumen eine angenehme Spannung, die aktivierend wirkt, ohne sich aufzudrängen. Die warmen Farbtöne im Innenraum schaffen eine Atmosphäre, die zum Rückzug und Wohlfühlen einlädt. Gleichzeitig stehen sie im bewussten Kontrast zur rauen, kühlen Steinernen Aussenwelt der Gebäudehülle. Bei den goldgelb und dunkelrot gehaltenen Fenstern und Türen wird dieser Kontrast auch von aussen sichtbar. Durch die kleinen Fassadenöffnungen dringt die innere Holzwelt nach aussen und macht die innere Wärme aussen ablesbar.

Besonderheiten
Die Bauten stehen im ISOS und sind grundsätzlich im Ausdruck, dem Öffnungsverhalten zu belassen gewesen.  Mit subtilen Eingriffen und einem klaren Konzept der Innenhülle, konnten wir dies verwirklichen. Aufgrund der speziellen Lage der Häuser war eine normale Anfahrt mit Baufahrzeugen unmöglich. Ein wesentlicher Teil für die Sanierung musste mit dem Helikopter direkt zu den Häusern transportiert werden. Die Bauherrschaft war von Beginn an bereit, mit der speziellen Aufgabe in den Dialog zu treten, und hat uns parallel ermutigt, diesen gemeisamen Weg zu bestreiten, um ein spannendes Projekt zu entwickeln. Eine warme und hölzerne Struktur im Inneren bildet den Kontrast zum äussseren Granitsteinmauerwerk.

Das Projekt von Atelier Brandau Ciccardini wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.

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