Arc Mag 2026–2 öffnet vier zeitgenössische Perspektiven auf den Wohnungsbau

Veröffentlicht am 16. April 2026 von
Jørg Himmelreich

Vier Visionen fürs Wohnen

Wohnen gehört zu den beständigsten und zugleich wandelbarsten Aufgaben der Architektur. Kaum ein anderes Programm reagiert so unmittelbar auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Veränderungen. Verdichtung, Ressourcenknappheit, soziale Durchmischung, neue Lebensmodelle und der Umgang mit dem Bestand stellen heute Anforderungen, die sich nicht mit einer einzigen typologischen Antwort bewältigen lassen. Das neue Arg Mag 2026–2 versammelt vier Projekte, die exemplarisch zeigen, wie unterschiedlich auf diese Herausforderungen reagiert werden kann – und wie produktiv diese Vielfalt ist.

In Risch-Rotkreuz setzen AM Architects mit der Siedlung Chäsimatt ein Zeichen für sozial vernetztes Wohnen. Das Projekt versteht sich nicht als isolierter Wohncluster, sondern als Stück Stadt, das vielfältige Nutzungen, gemeinschaftliche Infrastrukturen und architektonische Referenzen miteinander verknüpft. In einer Agglomeration, die lange von anonymen Neubauquartieren geprägt war, entsteht hier ein Ort, der Identität stiftet und das Zusammenleben bewusst organisiert.

Ganz anders, aber nicht weniger relevant, ist der Ansatz von Brauen Wälchli Architectes beim Immeuble Normandie in Genf. An der Avenue Louis Aubert wurde ein ehemaliges Bürogebäude von Jean-Marc Lamunière in Wohnungen transformiert. Das Projekt zeigt, dass die Zukunft des Wohnens oft im Bestand liegt – und dass gerade die Zwänge bestehender Strukturen zu überraschenden räumlichen Lösungen führen können. Die Umnutzung wird hier zum Experimentierfeld, in dem Fragen von Typologie, Ökonomie und Denkmalpflege neu verhandelt werden.

Im Norden von Basel demonstriert Loeliger Strub Architektur mit dem Wohnhaus LysP8 auf dem Lysbüchel-Areal eine dritte Perspektive. Das Projekt ist geprägt vom konsequenten Einsatz von wiederverwendeten Bauteilen und Materialien. Reuse wird dabei nicht als additive Strategie verstanden, sondern als entwerfendes Prinzip, das Form, Konstruktion und Ausdruck des Gebäudes massgeblich bestimmt. Gleichzeitig zeigt die kompakte Organisation der Wohnungen, dass Qualität des Wohnens nicht zwingend an grosszügige Flächen gebunden ist.

Schliesslich richtet sich der Blick nach Genf, in die Cité Vieusseux, wo NOMOS Architectes die bestehende Hochhausstruktur aus der Nachkriegszeit weiterdenken. Die Sanierung des Tour de Vieusseux macht deutlich, dass auch grossmassstäbliche Wohnanlagen ein enormes Potenzial besitzen – vorausgesetzt, man begreift sie nicht als Problem, sondern als Ressource. Besonders bemerkenswert ist dabei der partizipative Ansatz, der die Bewohner*innen in den Transformationsprozess einbindet und so soziale Kontinuität sichert.

Die vier Projekte stehen für unterschiedliche Massstäbe, Kontexte und Strategien. Und doch verbindet sie ein gemeinsames Anliegen: Sie begreifen Wohnen nicht als statischen Zustand, sondern als dynamisches Gefüge, das sich an veränderte Bedürfnisse anpassen muss. Ob durch Verdichtung und Programmvielfalt, durch Transformation bestehender Strukturen, durch zirkuläres Bauen oder durch soziale Partizipation – die Antworten sind vielfältig, aber stets präzise auf ihre jeweilige Situation abgestimmt.

Gerade in dieser Diversität liegt die Stärke der Architektur. Das neue Mag zeigt, dass es nicht die eine Vision des Wohnens gibt, sondern viele – und dass jede von ihnen einen Beitrag dazu leisten kann, unsere gebaute Umwelt zukunftsfähig zu gestalten.

Bestellen Sie jetzt ein Abo, damit die aktuelle Ausgabe bereits in wenigen Tagen in Ihrem Briefkasten landet.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

217644291