Eindrücke vom Buchlaunch – Frauen leben im Neubühl

Der Buchlaunch entwickelte sich zu einem offenen Austausch über Wohnen, Alltag und Perspektiven in der Architekturgeschichte. | Foto: Nina Farhumand
Die Booklounge als Ort des Perspektivwechsels
Zwischen Neuerscheinungen, Bücherstapeln und einem grossen runden Tisch entwickelte sich an diesem Abend kein klassischer Buchlaunch, sondern ein konzentriertes Gespräch über Architektur als gelebte Praxis. Die Booklounge war dicht gefüllt. Zuhörende standen zwischen Regalen, lehnten an Tischen, blätterten im Buch. Dass die Diskussion nicht frontal, sondern mitten im Raum stattfand, entsprach zur Haltung der Publikation: weg von der distanzierten Betrachtung, hin zur Erfahrung. Im Verlauf des Abends zeigte sich, wie sehr sich Atmosphäre und Inhalt gegenseitig verstärkten. Die Booklounge erwies sich als idealer Rahmen, um Architektur nicht als abgeschlossenes Werk zu präsentieren, sondern als fortlaufende Beziehung zwischen Raum, Nutzung und Biografie zu denken.
Im Zentrum des Abends stand die Podiumsdiskussion mit den Herausgeberinnen Sandra König, Henriette Lutz und Ulrike Schröer sowie der Architekturhistorikerin Frida Grahn, Vorstandsmitglied von créatrices.ch. Ausgangspunkt der Diskussion bildeten die acht Porträts von Bewohnerinnen, die das Buch versammelt: biografische Erzählungen, in denen individuelle Lebenswege, Wohnformen und Aneignungsstrategien auf die architektonische Typologie der Werkbundsiedlung Neubühl treffen.
Wohnen im Alltag
Wer wohnt in welchem Wohnungstyp? Wer nutzt den Aussenraum, wer die Küche, wer eignet sich den Grundriss auf welche Weise an? Fragen wie diese standen als wiederkehrendes Thema der Podiumsdiskussion im Zentrum – und sie bilden zugleich den Ausgangspunkt von Frauen leben im Neubühl. Deutlich zeigte sich, wie wenig sich Wohnen auf typologische Kategorien reduzieren lässt. Die Porträts erzählen von Übergängen und Brüchen, vom Ein- und Ausziehen, vom Allein- und Zusammenwohnen, vom Arbeiten zu Hause, vom Kochen in engen Küchen, vom Leben mit und ohne Kinder. Wohnen erscheint hier nicht als neutrale Funktion, sondern als gelebte Praxis – geprägt von Zeit, Biografie und sozialen Rollen.
Die blinden Flecken der Moderne
Im einleitenden Essay zeichnet Sandra König die Entstehungsgeschichte der Siedlung Neubühl nach – und macht dabei eine strukturelle Leerstelle sichtbar. Die Initiative für die Siedlung ging von einer Gruppe männlicher Architekten aus, die Planung und öffentliche Wahrnehmung blieben lange klar männlich geprägt. Dass mit Flora Steiger-Crawford, einer der ersten diplomierten Architektinnen der Schweiz, eine zentrale Akteurin zwar präsent war, aber nicht am Entwurf beteiligt wurde, wird im Buch als symptomatisch gelesen. Diese Perspektive durchzieht die gesamte Publikation: Architekturgeschichte wird nicht umgeschrieben, sondern neu befragt. Wer gestaltete, wer dokumentierte – und wer verschwand aus den Archiven?

Übersicht der Wohn- und Haustypen: Die historischen Pläne zeigen die typologische Ordnung der Siedlung – und machen zugleich sichtbar, wie stark das moderne Entwurfssystem auf Standardisierung setzte. Erst im alltäglichen Gebrauch, wie ihn die Bewohnerinnen beschreiben, wird aus diesen Typen gelebter Wohnraum. | Plan © Jovis Verlag
Typologie als gelebte Struktur
Die Porträts stehen nicht für sich, sondern werden im Buch durch einen zweiten Strang aus Essays ergänzt. Die zwischen 1930 und 1932 errichtete Werkbundsiedlung Neubühl gilt als wichtigste Gesamtüberbauung im Stil des Neuen Bauens in der Schweiz. Entstanden während der Weltwirtschaftskrise auf private Initiative, steht die Siedlung mit 121 Häusern und 194 Wohnungen seit 2010 unter kantonalem Denkmalschutz.
In mehreren Beiträgen wird die Siedlung in einen grösseren architekturtheoretischen Zusammenhang gestellt. Ulrike Schröer rückt dabei den Typusbegriff ins Zentrum und löst ihn von einer rein formalen Lesart. Wohnungstypen erscheinen nicht als fixe Raster, sondern als Strukturen, die sich erst im Gebrauch bewähren, verändern oder an ihre Grenzen stossen. Über fast hundert Jahre hinweg wird sichtbar, wie unterschiedlich dieselben Typen gelebt wurden – und wie sehr sich architektonische Qualität erst im Alltag der Bewohnerinnen erschliesst. Im Zusammenspiel von analytischen Texten und erzählerischen Porträts entsteht so eine produktive Spannung: Was bleibt von einem Wohnungstyp, wenn er über Jahrzehnte hinweg unterschiedlich genutzt wird?
Küche und Alltag
Einen konkreten Zugang zu dieser Frage eröffnet Nina Hüppi mit ihrem Blick auf die Küchen der Neubühl-Wohnungen. Anhand der knapp bemessenen Grundrisse zeigt sie, wie sich gesellschaftliche Rollenbilder und Vorstellungen von Rationalisierung in den Entwurf eingeschrieben haben – und wo diese im Alltag an ihre Grenzen stiessen. Die Küche wird so zum Prüfstein für die Alltagstauglichkeit der Moderne.
Im Gespräch am Buchlaunch kehrte diese Ebene immer wieder zurück: Kochen, Care-Arbeit und tägliche Routinen machten deutlich, dass sich Fragen des Wohnens oft an scheinbar nebensächlichen Orten entscheiden. Gerade hier zeigt sich, wie eng Typologie und Alltag miteinander verbunden sind – und wie viel sich aus den Erfahrungen der Bewohnerinnen für heutige Wohnkonzepte ableiten lässt.
Frauen leben im Neubühl
Jovis Verlag
Erste Ausgabe 2025
Sprache: Deutsch
208 Seiten, 70 Abbildungen
16,5 x 23,5 cm
CHF 46,–





