Abdankungshalle Unterägeri

 
6314 Unterägeri,
Schweiz

Veröffentlicht am 01. April 2026
Albi Nussbaumer Architekten
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Oberdorfstrasse 20, 6314 Unterägeri, Schweiz
Projektkategorie
Gebäudeart
Fertigstellung
03.2026

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
1
Anzahl Kellergeschosse
1
Grundstücksfläche
919 m²
Geschossfläche
579 m²
Nutzfläche
420 m²
Gebäudevolumen
2163 m³
Gebäudekosten (BKP 2)
3,4 Mio. CHF

Beschreibung

Erläuterungen zu Städtebau, Architektur und Kunst
Die neue Abdankungshalle setzt sich an den westlichen Rand des Alten Turnplatzes. Durch die Stellung des Gebäudes wird dieser sehr offene Raum wohltuend gefasst und bildet den Übergang zur Pfarrkirche und dem Friedhof. Dreiseitig in einen Ahornhain gebettet, findet das Gebäude seinen ganz spezifischen Ort der Stille und Geborgenheit und bietet den Trauernden die notwendige Intimität, um den von uns Gegangenen zu gedenken. Eine kleine Treppe führt die Trauernden hinauf in die Welt des Abschiednehmens und der Besinnung. Der ausladende, seitlich gefasste Portico empfängt die Trauernden und führt sie gedeckt ins Innere des Gebäudes. Mittig in den Urnenraum und seitlich entlang den gegen aussen hin geschlossenen Wandelgängen hin zu den drei Aufbahrungsräumen. Mittig im Gebäude verortet sich ein gegen die Unendlichkeit des Himmels geöffneter Hof und führt Licht in das Haus der Ruhe und Kontemplation. Die still im Hof einbeschriebene Wasseroberfläche spiegelt Licht an Wänden und Decken und unterstützt die Trauernden in ihrem geistigen Prozess des Abschiednehmens. Die in das Wasserbecken gesetzte Skulptur von Daniela Schönbächler, ein aus dem Gotthardmassiv stammender Serpentin, verkörpert die Kraft, aber auch die Endlichkeit des Lebens. So trägt der zweiseitig beschnittene Stein den Namen «Saxum RIP (Rest in Peace)» und besitzt auf einer der beschnittenen Seiten die Inschrift «Metamorphosis in aeternum».

Das Gebäude setzt sich in drei Raumschichten in das leicht fallende Gelände. Gegen Süden hin geöffnet, die Räume der Trauer, mittig und leicht vom südlichen Niveau erhöht die Zufahrt für die Verstorbenen und der Mehrzweckraum für die Friedhofspflege und gegen Norden hin ausgerichtet die öffentlich zugänglichen Toilettenanlagen. Diese Höhenstaffelung ermöglicht einen schwellenlosen Zugang sämtlicher Raumbereiche vom Alten Turnplatz her. Einen Zugang für Gehbehinderte zu den Aufbahrungsräumen und den Urnenraum, eine motorisierte Anlieferung der Verstorbenen und das rückwärtige Bestücken der Katafalken über Wandöffnungen zwischen dem Anlieferungsraum und den Aufbahrungsräumen sowie die ebenerdigen Zugänge von Norden her zu den WC-Anlagen.

Die Konstruktion und Materialwahl des Gebäudes und der Umgebung verkörpern Leben und Tod, aber auch Erinnerung und Vergänglichkeit zugleich. Ahornbäume, welche sich von Jahreszeit zu Jahreszeit verändern und im Herbst ihr farbiges Laub auf den kiesigen Bodenbelag gleiten lassen, säumen das aus Holz und vorfabrizierten Stampflehmelementen konstruierte Gebäude. Auf einem ins Erdreich gegrabenen Sockel aus beständigem Sichtbeton steht die mit vorfabrizierten Wandelementen aus Lehm ausgefachte Holzkonstruktion des Gebäudes. Die bestehende Zivilschutzanlage bleibt bestehen und bildet das Fundament des Gebäudes. Die ehemaligen Räume werden zum einen als Regenwasserspeicher und zum anderen als Technik- und Lagerräume weitergenutzt. Die in einem klaren Raster gesetzten Holzstützen tragen das leicht gegen innen, zum Hof hin geneigte Dach aus Holzträgern und dazwischen gehängten, vorgefertigten Holzelementen. Die Wandstruktur des Gebäudes aus Holzstützen und Stampflehmelementen bleibt sichtbar und verkörpert im Durchschreiten der Räume die Vergänglichkeit, aber auch Beständigkeit des Lebens. Ein im Raster gefügter Boden aus Travertinplatten und die durchlaufende, stumpf gestossene Holztäferdecke begrenzen die Räume in der Vertikalen. In den drei kleinen Aufbahrungsräumen wölben sich die Decken zu einem kleinen, gegen den Himmel hin geöffneten Oblicht. Das feine Zenitallicht erhellt diese mit Katafalken bestückten Trauerräume und lässt die Verstorbenen ein letztes Mal in die Unendlichkeit des Universums blicken. Die naturbelassenen Materialien verleihen den Räumen eine kontemplative und sinnliche Ruhe.

Erläuterungen zur Landschaftsarchitektur
Im Zuge der Zentrumsplanung von Unterägeri spielen der Kirchplatz, der Friedhof und der Alte Turnplatz als prominente öffentliche Räume eine wichtige Rolle. Die neue Abdankungshalle steht an der Schnittstelle zwischen dem Friedhof und dem auch künftig für Veranstaltungen gut frequentierten Turnplatz. Um diesem Ort die für seine Bedeutung nötige Diskretion zu verleihen und inmitten des öffentlichen Lebens einen respektvollen Raum für Trauer zu schaffen, wird das Gebäude in einen Baumhain eingebettet.

Ganz im Sinne der etymologischen Bedeutung von Ägeri – ein mit Ahorn bestandenes Gelände am Wasser – werden für den Baumhain verschiedene Ahornarten verwendet. Die Wegstruktur des Friedhofs wird auf selbstverständliche Weise in die Neukonzeption miteinbezogen. An der Nordostecke des Friedhofs wird ein zusätzlicher Zugang geschaffen, der auch eine kurze Verbindung zum Werkdienst-Abstellraum ermöglicht. Der Brunnen aus dem Jahr 1932 findet an der Friedhofsmauer einen neuen Standort. Die Eingänge, die Zufahrt für die Bestattungsunternehmungen und die Toilettenanlagen sind gut entflochten. Über den der Abdankungshalle südlich vorgelagerten Raum werden Friedhof und Turnplatz angemessen verbunden. Neben dem im Sommer heissen, offenen Turnplatz leisten die neuen Bäume einen willkommenen Beitrag zur Abkühlung. Die neue Anlage bettet sich sorgfältig in den Reigen öffentlicher Räume ein und schafft für die besondere Nutzung einen stimmungsvollen Ort. Die neue Abdankungshalle wurde in einer hybriden Konstruktion aus Holz und Stampflehm erstellt. 

Das Projekt von Albi Nussbaumer Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.

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