Alters- und Pflegezentrum Zehntfeld
9443 Widnau,
Schweiz
Veröffentlicht am 10. März 2026
Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Die vorgeschlagene Konzeption stellt den Bewohner in den Mittelpunkt der Überlegungen. Die gewünschte Appartement-Typologie bildet das Grundmodul des Zentrums. Der räumliche Versatz von Schlaf- und Wohnbereich betont die Wirkung der Zimmereinheit als appartementartige Wohnsituation, die je nach Pflegestufe flexibel nutzbar ist und neben einer grösstmöglichen Individualität durch verschiedenste Möglichkeiten der Aneignung vor allem auch unterschiedliche Stufen der Privatsphäre zulässt. Zwei zueinander versetzte Ringsysteme werden zu einem Achtersystem verschränkt, das System kombiniert zwei Wohngruppen auf einer Etage. Die eingeschossige Sockelzone ist als freundliche und angenehme Zone grosszügig im Charakter einer Hotellobby konzipiert, beinhaltet sämtliche allgemeinen Bereiche des Zentrums und wird über zwei Lichthofsituationen zusätzlich belichtet, welche halböffentliche bzw. halbprivate Außenbereiche bilden. Die gesamte Gebäudefigur wird konzentriert auf dem westlichen Grundstücksteil situiert und reagiert gut auf die vorhandene Situation. Eingeschossige Gebäudeteile kommunizieren mit der niedrigen Bebauung der Umgebung und ermöglichen die Überleitung in eine viergeschossige Bebauung mit guter Einpassung ins bestehende Umfeld. Der östliche Bereich dient als wertvoller parkartiger Garten oder optional als künftige Erweiterungsfläche.
Was ist das Besondere an der Bauaufgabe?
Das Besondere an der Bauaufgabe ist die grundsätzliche Haltung der Auftraggeberin. Die Projektverantwortlichen der Gemeinde Widnau weisen unglaublich hohe Bestellerqualitäten auf. Sie haben sich im Vorfeld ungewöhnlich intensiv mit allen Inhalten der Aufgabe auseinandergesetzt. Wir redeten von Bewohnern statt Patient*innen, von Appartments statt Pflegezimmern, von Hotelatmosphäre statt Spitalscharakter. Vertrauensvoll durften wir diese Haltungen in Architektur umsetzen.
Welche Überlegungen liegen diesem Projekt zugrunde?
Wir erwähnen das nicht deshalb, weil es sich gut liest oder gut klingt. Es war wirklich so: Die gesamte Konzeption stellt die Bewohner*innen in den Mittelpunkt aller Überlegungen. Der Begriff Appartement impliziert eine alternative Wohnsituation und entwickelte bei uns ein Bedürfnis nach Mehrwert, denn ein Appartement hat nicht den gleichen Grundriss wie ein Standard-Pflegezimmer. Es musste mehr sein. Und dieses Mehr konnten wir durch einen Versatz im Grundriss generieren. Aus dem einzelnen Zimmermodul heraus wurde das gesamte Projekt entwickelt und sogar in der Grundrisskonfiguration ist das Thema des Versatzes wiederzufinden. Um kurze Wege innerhalb der Struktur zu ermöglichen, konzentrierten wir die Baumassen im Westen des Grundstückes, wodurch im Osten ein wertvoller parkartiger Garten freigehalten werden konnte.
Was war Ihre Inspiration?
Unsere Inspiration waren die Haltung und die Gespräche vor allem mit der damaligen Gemeindepräsidentin. Wenn man im Gespräch bewusst andere Worte verwendet, beginnt eine Aufgabe ganz anders zu schwingen, es entstehen andere Gefühle, Atmosphären und Bilder. Stellen sie sich vor und spüren sie: wir redeten von Bewohnern statt Patient*innen, von Apartments statt Pflegezimmern, von einem Hotel statt einem Spital oder Heim.
Welche Rolle hatten Standort und Bestand auf den Entwurf?
Es gab mehrere Einflussfaktoren am Standort: Einerseits war es die Grundstücksform mit versetzten Flächen, die aus unserer Sicht eine Konzentration der Baumassen auf dem westlichen Teil des Grundstücks mit weiteren Mehrwerten forcierte. Andererseits war es die bestehende Umgebungsbebauung: Auf der einen Seite viergeschossig, auf der anderen Seite ein- bis zweigeschossig. Die eingeschossigen Gebäudeteile kommunizieren mit der niedrigen Bebauung der Umgebung und ermöglichen so die Überleitung in eine viergeschossige Gebäudefigur, die sich gut ins bestehende Umfeld einfügt.
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen das Projekt beeinflusst?
Durch ihre Haltung und ihre eindeutige Definition hat die Auftraggeberin das Projekt massgeblich geprägt. Wir haben uns gefunden im wertschätzenden Gespräch und im gemeinsamen Wertekanon.
Wie fügt sich das Gebäude in die Reihe der bisher realisierten Bauten Ihres Büros?
Der Neubau des Alters- und Pflegezentrums Zehntfeld in Widnau ist ein wichtiges Projekt und Meilenstein in unserer Bürogeschichte. Es beweist, dass auch komplexe und hochsensible Themen in qualitätsvoller und hoher atmosphärischer Dichte umgesetzt werden können, wenn man in die gleiche Richtung arbeiten darf.
Gab es Richtungsänderungen vom ersten Entwurf bis zum fertigen Gebäude?
Es gab keine Richtungsänderungen, es gab gute Verdichtungen bei eigentlich allen Themen.
Haben aktuelle energetische oder konstruktive Trends das Projekt beeinflusst?
Wir haben mit der Auftraggeberin einen Minergie-P-Standard vereinbart. Wir haben auch vereinbart, dass wir auf eine Zertifizierung verzichten und uns nicht allein der Kennzahlen zuliebe in ein Korsett zwängen wollen, sondern sinnvoll und in gut begründeten Fällen Abweichungen akzeptieren.
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg Ihres Bauwerks beigetragen?
Aus unserer Sicht ist es neben den agierenden Personen die Summe aller Elemente, die zum Gelingen dieses Bauwerks geführt haben. Die verwendeten Materialien Beton und Holz, Mauerwerk und Putz, Stein und ja: Licht vollenden die Raumsequenzen und entwickeln ungewohnte Wohlfühlatmosphären.
Das Projekt von Cukrowicz Nachbaur Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jeannine Bürgi publiziert.