Sanierung und Erweiterung Hagenhaus
9435 Nendeln,
Liechtenstein
Veröffentlicht am 04. März 2026
Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Das klassizistische Doppelwohnhaus mit angrenzender grosser Stallscheune, einem kleinen Waschhaus und einem Schützenhäuschen wurde 1837 vom Baumeister Joseph Anton Seger aus Vaduz erbaut. Die denkmalgeschützte Hofstätte an der Feldkircher Strasse diente von 1864 bis 1912 als kaiserlich-königliche Postexpeditionsstelle und Postablage für das gesamte Liechtensteiner Unterland. Das historische Ensemble bleibt erhalten, wird durch ein neues Hofhaus ergänzt und bietet der Internationalen Musikakademie Liechtenstein mit ihren erfolgreich gewachsenen Meisterkursen für talentierten Musikernachwuchs aus der Region und aus internationalen Herkunftsländern einen neuen Entfaltungsort. Die Räume und Atmosphären des Wohnhauses bleiben weitgehend erhalten; ihre Nutzung erfolgt nun durch Musikstudierende als Übernachtungs- und Übungszimmer, der Dachboden dient als Professorenloft. Die Stallscheune, in der Typologie eines Pfeilerstalls errichtet, wurde zum Konzertsaal für Kammermusik adaptiert. Die historischen Holzverschalungen der Fassade wurden durch verstellbare Holzlamellen neu interpretiert. Das neue Hofhaus übernimmt Foyer- und Servicefunktionen und bildet als gemeinschaftlicher Aufenthaltsraum das gesellschaftliche Zentrum des Ensembles. Sämtliche Gebäude sind durch eine einheitliche Materialsprache charakterisiert und gruppieren sich um einen Hofplatz als gemeinsame Mitte. Verschiedenartige Gartenthemen ergänzen das Freiraumangebot und verknüpfen die Gesamtanlage mit dem Landschaftsraum.
Was ist das Besondere an der Aufgabe?
Das Besondere an der Aufgabe war, durch eine behutsame Revitalisierung und eine zeitgemässe Erweiterung die Voraussetzungen für eine völlig neue Nutzung mit sehr spezifischen Anforderungen zu schaffen – für ein über Jahrzehnte leerstehendes und zunehmend desolates denkmalgeschütztes Ensemble. Gleichzeitig galt es, die bestehenden ortsräumlichen und baulichen Qualitäten zu erhalten und zu stärken.
Welche Überlegungen liegen dem Projekt zu Grunde?
Grundlegende Konzeptidee war neben dem grösstmöglichen Erhalt der bestehenden Bausubstanz die Ergänzung der bestehenden Hofstätte um ein neues Hofhaus als Foyer- und Aufenthaltsgebäude. Ausgangspunkt für die architektonische Gestaltung war die atmosphärische Stimmigkeit, die guten Proportionen und Raumbeziehungen sowie die baulichen Qualitäten, die das denkmalgeschützte Ensemble prägten. Seine präzise Positionierung generiert eine neue Mitte, ein zentrales Herz in Form einer kleinen geschützten Platzsituation abseits der stark befahrenen Strasse. Ein öffentlicher und interner Treffpunkt, eine idyllische Drehscheibe, ein kontemplativer Kommunikations- und Pausenraum für alle Nutzer und Besucher. Seine Massstäblichkeit, Proportionen, Dachneigung und Materialien leiten sich aus den bereits vorhandenen Themen des Ortes ab. Das neue Haus soll nicht laut sein, es soll sich auf selbstverständliche Art und Weise integrieren, das bestehende Ensemble unprätentiös ergänzen und den Ort stärken. Die Freiraumgestaltung bettet das Gebäudeensemble am Fuss einer Streuobstwiese in die landschaftliche Szenerie zwischen der offenen Riedlandschaft des Rheintals und dem alpinen Hochgebirge ein. Die Raumbildung bedient sich des Vokabulars traditionell «ländlicher» Gärten mit unterschiedlicher Charakteristik, Pflanzenarten und differenzierten Einfriedungen.
Was war ihre Inspiration?
Fast alles war bereits vorhanden. Wir haben den Ort erspürt, seine Sprache gelesen, seine Stimmungen und Atmosphären aufgenommen. Gepaart mit der vorhandenen Bauweise in ihrer typologischen Einfachheit, in ihrer Selbstverständlichkeit und in ihren baulichen Qualitäten waren sie Inspiration für die Umsetzung des Konzeptes im Hinblick auf Haltung, Konzept, Erscheinungsbild, Konstruktion und Materialisierung.
Welche Rolle hatten Standort und Bestand auf den Entwurf?
Die historische und kulturelle Bedeutung sowie Qualität der landwirtschaftlichen Hofstätte aus dem Jahr 1837 wurde durch die Unterschutzstellung im Jahr 1988 bestätigt und war prägender Ausgangspunkt für den Gesamtentwurf; die räumlichen und atmosphärischen Qualitäten des Ensembles sind faszinierend und bestechend.
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen das Projekt beeinflusst?
Die Stiftung Hagenhaus als Bauherrschaft und die Musikakademie in Liechtenstein als Nutzer haben die Realisierung des Projekts massgeblich positiv beeinflusst. Mit einem aussergewöhnlichen Engagement setzte sich der ehemalige Verein jahrelang für die Erhaltung des Hagenhauses ein. Insbesondere dessen Präsident Marcus Büchel kämpfte persönlich und unermüdlich für die Finanzierung sowie die qualitätvolle, denkmalgerechte Erhaltung und Revitalisierung bis ins letzte Detail. Die Musikakademie in Liechtenstein, vertreten durch ihren damaligen Direktor Drazen Domjanic, trug durch seine Offenheit für flexible und alternative Lösungen innerhalb der denkmalpflegerischen Vorgaben wesentlich zum Gelingen des Projekts bei. Ergänzt durch die Beratung und Zusammenarbeit mit dem Amt für Denkmalschutz kann in diesem Zusammenhang von einer kongenialen Partnerschaft gesprochen werden, die dieses Projekt zu einem absoluten Vorzeigeprojekt machte.
Wie fügt sich das Gebäude in die Reihe der bisher realisierten Bauten Ihres Büros?
Das Hagenhaus ist eines unserer Herzensprojekte. Es ist für uns eine wertvolle Erfahrung und gelungene Referenz bezüglich der heute so aktuellen Themen wie «Einfaches Bauen», «Bauen im Bestand», der «Wiederverwendung von Bauteilen» sowie der «Transformation historischer Bausubstanz in eine neue, zeitgemässe Nutzung», «Second Life» im Sinne von «Reuse/Reduce/Recycle». Der Umgang mit Bestehendem und die Verwendung von natürlichen und ökologischen Materialien entsprechen dabei unserer architektonischen Grundhaltung.
Gab es Richtungsänderungen vom ersten Entwurf bis zum fertigen Gebäude?
Konzeptionell gab es keine grundlegenden Richtungsänderungen vom ersten Entwurf bis zur Fertigstellung. Ausgehend von einer ersten Machbarkeitsstudie wurde dem weitestgehenden Erhalt der vorhandenen Bausubstanz und Gebäudestruktur sowie der Wieder- und Weiterverwendung möglichst vieler Bauteile sukzessive ein höherer Stellenwert eingeräumt.
Haben aktuelle energetische oder konstruktive Trends das Projekt beeinflusst?
Die thermische Optimierung der historischen Gebäude erfolgte durch eine hochwertige Dämmung der Dachräume in Verbindung mit einer neuen Heizung aus Wärmepumpe und Erdsonden. Der Konzertsaal besitzt eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Alle Bauteile des neuen Hofhauses sind in Passivhausqualität umgesetzt.
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg ihres Bauwerkes beigetragen?
Holz und Kalkputz haben wesentlich zum Erfolg des Bauwerkes beigetragen.
Das Projekt von Cukrowicz Nachbaur Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.