Schule Wiesental Baar
6340 Baar,
Schweiz
Veröffentlicht am 02. April 2026
PENZISBETTINI Architekten GmbH
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Ausgangssituation
Der Ersatzneubau der Schule Wiesental ersetzt eine in die Jahre gekommene Schulanlage und schafft die räumlichen Voraussetzungen für eine zeitgemässe Primarschule. Die bestehende Schule Wiesental der Zuger Architekten Hans Peter Ammann und Peter Baumann wurde in den Jahren 1967–1970 unter enormem Kosten- und Zeitdruck in zwei Etappen als 2½-Züger erstellt. Heute bestehen grosse bauliche Mängel, und es stehen grössere Unterhaltsarbeiten an. Hinzu kamen steigende Schülerzahlen im Schulkreis Nord sowie die Herausforderung, den laufenden Schulbetrieb während der gesamten Bauzeit ohne zusätzliche Provisorien aufrechtzuerhalten – Faktoren, die den Ersatzneubau gegenüber einer Sanierung als die sinnvollere Lösung auswiesen.
Entwurfsidee und Setzung
Vier rechtwinklig ausgerichtete, niedrige Baukörper bilden ein campusartiges Ensemble, das sich sensibel in die Umgebung zwischen dem Naturraum der Lorze und der vorstädtischen Bebauung einfügt. Anstelle eines städtischen Platzes entsteht eine «gebaute Mitte»: ein mittiger Pavillon (Haus Nord), um den sich die drei Schulhäuser (Haus West, Ost und Süd) gruppieren. Dieser Pavillon – mit Aula, Bibliothek und umlaufendem Vordach sowie einem Betonsockel als Sitzmöglichkeit – ist Ankunftsort, Begegnungszone und Herzstück der Anlage zugleich. Dank der Absenkung der Bodenplatte um einen halben Meter unter Arealniveau wird die Möblierung der Aula und der Bibliothek weitgehend unsichtbar; zusammen mit den grosszügigen Verglasungen lebt der Pavillon von einem hohen Grad an Transparenz und erlaubt einen freien Blick auf die gesamte Schulanlage.
Die Anlage schafft einen offenen Übergang zum Dorfzentrum und stiftet Identität, ohne auf das Vokabular eines konventionellen Schulhofes zurückzugreifen. Alle Zugänge zum Schulareal führen zum mittigen Pavillon – eine Geste, die Orientierung und Gemeinschaft gleichermassen organisiert.
Konstruktion und Flexibilität
Jeder Baukörper ist als Holzstruktur aus Stützen und Trägern konzipiert, die sich an der Fassade klar abbildet. Das regelmässige Raster von 3,80 m bildet ein Gestell, das mittels nichttragender Wände flexibel unterteilt werden kann. Erdberührte Bauteile werden in Recyclingbeton ausgeführt, der als durchgehender Sockel ca. 40 cm aus dem Boden ragt und die Holzkonstruktion trägt. Die Deckenkonstruktion der Obergeschosse besteht aus effizienten Hohlkastenelementen, die zu einer guten Akustik beitragen und eine vereinfachte Installationsführung erlauben. Als fertiger Bodenbelag wird ein geschliffener Fliessestrich verwendet – robust, selbstnivellierend und wartungsarm
Die konsequente Trennung tragender von nichttragender Struktur ermöglicht eine flexible Raumaufteilung und erleichtert das spätere Ersetzen von Komponenten unterschiedlicher Lebensdauer – neue Gebäude als Renovationen von morgen. Die modulare Holzbauweise trägt zudem dazu bei, allfällige Erweiterungen mit reduzierter Bauzeit und minimalem Eingriff zu realisieren: An der Südfassade des Hauses West ist bereits der Raum für eine Erweiterung um einen weiteren Zug vorgesehen.
Die Cluster-Organisation der Unterrichtsräume – je vier Klassenzimmer mit Gruppenräumen und mittig platzierter Lerninsel – fördert klassenübergreifendes Lernen und schafft identifizierbare Einheiten innerhalb der grossen Anlage. Oberlichter bringen natürliches Licht in die Lerninseln, ansteigende Raumhöhen sorgen für eine optimale Belichtung der Klassenzimmer, und transparente Verbindungstüren der Gruppenräume ermöglichen individuelle Gruppenunterteilungen sowie einen klassenübergreifenden Bezug innerhalb eines Clusters.
Energie und Nachhaltigkeit
Die Anlage ist räumlich, strukturell, konstruktiv und technisch auf eine niedrige Umweltbelastung und eine lange Lebensdauer optimiert und erreicht den Minergie-A-ECO-Standard – ein Vorbildprojekt der Energiestadt Baar. Eine grosse Photovoltaikanlage auf den mehrgeschossigen Gebäuden deckt einen Grossteil des Eigenenergiebedarfs ab; Erdwärmepumpen übernehmen die nachhaltige Wärmeerzeugung. Eine Verbundlüftung mit Quelllüftungsauslässen und dezentralen, bodennahen Raumlüftern gewährleistet optimale Luftqualität bei reduziertem Installationsaufwand. Die Ost-West-Ausrichtung sowie aussenliegender Sonnenschutz verhindern sommerliche Überhitzung und sorgen für ausgewogene Lichtverhältnisse im Innenraum. Die Kompaktheit der Baukörper verspricht ein effizientes Verhältnis zwischen Geschoss- und Hüllfläche sowie einen tiefen Heizenergiebedarf.
Etappierung und Kontinuität
Die Realisierung in zwei Etappen – zunächst Haus Ost mit der Dreifachturnhalle und 24 Schulzimmern, dann Häuser West, Nord und Süd – ermöglichte es, den Schulbetrieb durchgehend aufrechtzuerhalten. In der ersten Etappe wurden die bestehenden Trakte D und E zurückgebaut; auf der freigelegten Fläche entstand Haus Ost. Erst nach dessen Bezug wurden die verbleibenden Trakte A, B und C abgebrochen und die übrigen Neubauten erstellt. Baulärmreduzierende Massnahmen wie Trennschnitte oder gepresste Spundwände minimierten die Immissionen auf das Schulareal. Diese planerische Disziplin war eine der zentralen Herausforderungen des Projekts und prägte massgeblich die Abfolge aller Eingriffe.
Kunst am Bau
Die bestehende Schulanlage Wiesental wurde abgerissen – mit ihr drohte auch die Kunst am Bau zu verschwinden. Die ikonische gelbe Würfelpyramide von Ueli Berger – für viele Baarerinnen und Baarer eine Kindheitserinnerung und gleichzeitig Klettergerät – wurde vor dem Abbruch gesichert, restauriert und an prominenter Stelle im neuen Schulareal wieder aufgestellt. Die Geschichte der Schule Wiesental wird so weitergeschrieben. Die Wandbilder des Baarer Künstlers Elso Schiavo in der Zivilschutzanlage wurden in Absprache mit dem Künstler fotografisch dokumentiert und so für die Nachwelt erhalten. Mit Christian Kathriner konnte zudem ein neuer Künstler für die Schule Wiesental gewonnen werden, dessen Beitrag die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ort in die Gegenwart weiterführt.
Verdichtete Landschaft in Baar
Die orthogonale, zur Umgebung hin offene Setzung verbindet räumlich die Schulanlage mit dem Naturraum, schafft einen offenen Übergang zur Stadt und bildet ein campusartiges, primarschulgerechtes Raumgefüge. Die «gebaute Mitte» vermeidet das städtische Vokabular eines Platzes und schafft eine klare Orientierung in der kartesischen Anlage: Ihre Transparenz ermöglicht Übersichtlichkeit, die Vordächer schaffen Bezugsorte für die Kinder.
Ein Typus, vier Häuser
Die Anlage ist als gerichtete Holzstruktur konzipiert. Die Träger in einem Raster von 3.8 m bilden ein Gestell, das mittels nichttragender Wände flexibel genutzt werden kann. Die Gebäude sind strukturell entworfen, sie können seriell durch zusätzliche Achsen erweitert werden. Während sich Haus Ost, West und Süd um Haus Nord richten, überlagert sich die Konstruktion in der Kassettendecke von Haus Nord und verdichtet räumlich wie inhaltlich die «neue Mitte».
Raumwirkung durch «Typostruktur»
Die Raumstruktur und Identität von Haus Ost wird durch das Tragwerk definiert: Die vorfabrizierte Balken-Stützen-Konstruktion und die erdberührten Bauteile aus Recyclingbeton werden von nichttragenden Wänden ergänzt. Die konsequente Trennung tragender und nichttragender Bauteile sowie von den Installationen im Roh- und Ausbau ermöglicht das einfache Ersetzen von Komponenten unterschiedlicher Lebensdauer.
Überlagerung und Transparenz
Zweigeschossige Räume mit Galerie am Treppenhaus definieren «Adressen» für jedes Cluster und bringen das Tageslicht in die darunterliegende Ebene. Der Zwischenraum zur Waldmannhalle wird als Ankommensort gefasst. Die Sprossenwand der Turnhalle ermöglicht Blickbeziehungen auf den Campus.
Das Projekt von PENZISBETTINI. Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jeannine Bürgi publiziert.