Studio Foundations – integrativer Erstjahreskurs
Schweiz
Veröffentlicht am 13. Juli 2026
ETH Zürich Departement Architektur
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Beschreibung
Das Projekt Studio Foundations – integrativer Erstjahreskurs wurde im Herbstsemester 2025 und Frühlingssemester 2026 an der ETH Zürich, D-ARCH durchgeführt. Studio Foundations wurde von Prof. Roger Boltshauser, Prof. Martina Voser und Prof. Manfred Hegger geleitet. Betreut wurde das Studio von S. Brückner, D. Bürgy, C. Caccia, B. Germann, H. Harmeier, J. Knöpfel, K. Möhring, V. Nequinha, C. Puglisi, Y. Rechsteiner, E. Schneuwly, L. Stähelin, N. Tahiraj, W. Toccaceli, L. Ugolini, M. Urbaite, A. Vaynberg, C. Viguera und N. Wild. Die Arbeitsgruppe bestand aus C. Teixeira, I. Bagaturiya, C. Berchtold, L. Bettini, O. Brunner, M. Capelli, Z. Frank, L. Füssler, L. Grosjean, H. Hassan, D. Itten, S. Jos, L. Nussbaumer, J. Sepulveda, F. Reisner, M. Roesch, S. Rohr, L. Stagni und N. Würth.
Was ist Architektur heute? Wie kann Architektur Antworten auf die zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit geben? Welche Kompetenzen, welches Wissen und welche Haltung braucht es, oder anders gefragt: Welche Architekturkultur brauchen wir, um unsere gebaute wie unbebaute Umwelt zu verstehen, neu zu denken und zukunftsfähig zu entwerfen?
Dies sind einige der Fragen, die die Entstehung von Studio Foundations geleitet haben. Das Studio baut auf der Überzeugung auf, dass sich die Mehrschichtigkeit dieser Fragen nur durch den Einbezug vielfältiger Perspektiven und Herangehensweisen sowie fundierten disziplinären Wissens adäquat adressieren lässt.
Die Komplexität unserer Zeit – von Klimakrise bis zur digitalen Transformation – entzieht sich der Lehre in isolierten Silos. Architektur steht heute vor einem Umbruch, der nicht mehr durch Einzelantworten, sondern nur durch neue Formen kollektiver Praxis bewältigt werden kann. Die radikale Reform des Curriculums markiert dabei einen Paradigmenwechsel hin zu einer kollektiven Debattenkultur, die den Entwurf als primäres Medium der Erkenntnis nutzt und stellt damit die Studierenden in den Mittelpunkt.
Kollektivität – Diversität als dialektischer Prozess
Acht Professor*innen, zwanzig Atelierleiter*innen und neunzehn Kurator*innen bilden aus ihrer Diversität heraus eine Einheit, die nicht nur auf gegenseitigem Respekt und einer gemeinsamen Wertebasis, sondern auf dem Willen zur Debatte und dem produktiven Reibungswiderstand unterschiedlicher Kompetenzen, Perspektiven und Haltungen fusst. Die Studierenden lernen so, in der Differenz Qualität zu finden und eine eigene Position innerhalb eines pluralistischen Kollektivs zu entwickeln.
Integration – Komplexität als Normalzustand
Das Studio konfrontiert die Studierenden ab dem ersten Tag mit der Gleichzeitigkeit von Ort, Konstruktion und Programm. Der Entwurf fungiert dabei als zentrale integrierende Kraft, die alle Disziplinen synthetisiert und in eine räumliche Form überführt. Die methodische Umsetzung erfolgt über wöchentliche Fokusthemen, die den Entwurfsprozess schrittweise erweitern: Unterschiedliche disziplinäre Perspektiven wie Landschaftsarchitektur, Architekturgeschichte und -theorie, Material und Ressourcen im Herbstsemester sowie Tragwerksentwurf, Digitales Entwerfen, Energie und Klima im Frühjahrssemester werden als miteinander verflochtene, entwurfstreibende Kräfte vermittelt. Dieses Eintauchen in die Komplexität verlangt von den Studierenden die Fähigkeit, widersprüchliche Kräfte produktiv zu nutzen und im Entwurf Prioritäten zu setzen.
Bezugnehmend auf das Urbedürfnis des Menschen nach Schutz und Gemeinschaft entwerfen die Studierenden im Herbstsemester ihre individuelle Buvette. Entlang der Zuflüsse der Limmat vereinen diese Kleinarchitekturen öffentliche Funktionen mit einem privaten Rückzugsort. Im Frühlingssemester entwickeln die Studierenden – auch in Einzelarbeit – grössere Strukturen, die kollektive und private Nutzungen vereinen. Zehn verschiedene Programme fordern eine intensive Auseinandersetzung mit kontext- und materialgerechtem, ressourcenschonendem sowie reversiblem Bauen.
Werkzeuge – die Mündigkeit des Machens
Entwerfen ist auch ein Handwerk, das geübt sein will. Die Medien sind mehr als blosse Darstellungsformen; sie sind Denkwerkzeuge, die Reflexion und Dialog ermöglichen – mit anderen und mit uns selbst.
Analoge und digitale Mittel stehen dabei gleichwertig nebeneinander. Wir modellieren oder programmieren am Rechner und skizzieren zeitgleich auf Papier oder bauen Modelle bis zum Massstab 1:1. Indem sie ihre Werkzeuge begreifen und sie sich selbst aneignen, wahren sie ihre eigene Autor*innenschaft gegenüber dem Werkzeug und gewinnen die Freiheit, ihre Entwurfsideen kompromisslos zu verfolgen.
Reduktion – Material als Akteur
Reduktion und der intelligente Umgang mit den begrenzten Ressourcen werden bei uns zu den primären Treibern der gestalterischen Inspiration. Indem wir die verfügbaren Ressourcen für die Studierenden drastisch einschränken, wird das Entwerfen auf seine essenzielle Fragestellung zurückgeworfen: Wie formt Material Raum, und wie lässt sich mithilfe minimaler Mittel eine maximale Wirkung erzielen?
Die Einbindung bereits vorhandener Bauteile führt zu einer besonderen Dynamik: Ein wiederverwendetes Element bringt seine eigene Geschichte und Form mit, die den Entwurf prägt. So wird das Material nicht mehr bloss als passiver Baustoff verstanden, sondern zum Akteur, dessen Charakter einen wesentlichen Einfluss auf die räumliche Komposition entfaltet. Dabei entsteht eine Architektur, die gängige Wahrnehmungsmuster herausfordert und eine eigenständige Sprache hervorbringt – fernab gewohnter Konventionen, aber tief verwurzelt im Potenzial des Materials selbst.
Debattenkultur – der diskursive Raum
Studio Foundations etabliert eine Kultur der kollektiven Debatte, in der das Projekt als gemeinsame Diskussionsgrundlage dient. Bei Debatten wird die Gemeinschaft und der Diskussionsraum erweitert: Neben den eigenen Atelierleiter*innen nehmen auch die Leiter*innen des Nachbarateliers, Professor*innen, Kurator*innen und externe Gäste an den Diskussionen teil. So öffnet sich der Bezugsrahmen und es entsteht eine Vielfalt an Perspektiven. Ein zentrales Element ist dabei das Rotationsprinzip: Durch den regelmässigen Wechsel der Gesprächspartner*innen stellen wir sicher, dass jede*r Studierende im Lauf des Jahres mit allen acht Professor*innen in einen direkten inhaltlichen Austausch tritt. Dieser Prozess löst die Abhängigkeit von einer einzelnen Meinung auf und fordert die Studierenden heraus, ihre Argumente vor einem breitem Spektrum an Perspektiven über das gesamte Kollektiv zu schärfen.
Studio Foundations ist mehr als eine Reform des Stundenplans; es ist ein Kulturwandel. Ziel ist es, die Studierenden dazu zu ermutigen, nicht nur nach den richtigen Antworten zu suchen, sondern die relevanten Fragen zu stellen – und schliesslich mögliche Formen einer neuen, nachhaltigen und zukunftsfähigen Architektur auszuloten.
Indem die Lehre konsequent vom Entwurf her gedacht und dieser als kollektives Handwerk verstanden wird, entsteht ein Raum für intellektuelles Risiko. So werden kritische Akteur*innen ausgebildet, die Architektur als soziale Praxis begreifen und technische Präzision mit gesellschaftlicher Verantwortung verknüpfen. Ziel ist eine Generation von Architekturschaffenden, welche die Komplexität der gebauten Umwelt mutig und fundiert mitgestaltet.
Das Projekt Studio Foundations der ETH Zürich wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 in der Kategorie Next Generation eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.