Südfassade Blick vom historischen Zentrum aus Nordostfassade Nordfassade Gartenzugang Westfassade Essbereich mit Veranda Betonkern mit Treppe Betonkern mit Cheminée Wohnbereich Treppe mit vertikalem Luftraum im Hintergrund Untersicht Betonreppe Übergang Beton-Holz im 2. Obergescboss Zimmer im 2. Obergeschoss Ausblick im 2. Obergeschoss

Projektdaten

Basisdaten

Projektkategorie
Fertigstellung
02.2025

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
3 bis 5
Anzahl Kellergeschosse
1
Grundstücksfläche
992 m²
Geschossfläche
348 m²
Nutzfläche
260 m²
Gebäudevolumen
1129 m³

Beschreibung

Auf einer markanten, dreieckigen Parzelle nahe des historischen Dorfkerns entstand das Turmhaus – ein Wohnhaus für eine vierköpfige Familie, das ökologische Verantwortung, Komfort, Gesundheit und Anpassungsfähigkeit in einem kompakten Baukörper vereint. Die Setzung respektiert den historischen Kontext, minimiert Einblicke von Nachbargebäuden und rahmt gezielt Ausblicke in die Umgebung. Gleichzeitig ermöglicht das Layout langfristige Erweiterungen: Auf der südlichen Grundstückshälfte kann bei Bedarf ein zweites, identisches Haus realisiert werden.

Der Baukörper ist klar und zurückhaltend, spielt jedoch bewusst mit vertrauten und ungewohnten Elementen des Einfamilienhaus-Typus. Schlanke, hohe Seitenfassaden erinnern an archetypische Hauszeichnungen und gewinnen durch gestreckte Proportionen sowie Auskragungen im Erdgeschoss eine eigenständige Identität. Das leicht geneigte Satteldach mit weit auskragenden Dachüberständen schützt die Fassade und verstärkt den charakteristischen Ausdruck.

Nachhaltigkeit ist durchgängig integriert: Die vorgefertigten Fichtenholzplatten bilden Wände, Böden und Decken, reduzieren Bauabfall und Transportenergie und verkürzen die Bauzeit auf nur drei Tage. Die Exposition des Holzes erlaubt den Verzicht auf zusätzliche Oberflächen und verringert den grauen Energieaufwand. Ein zentraler Sichtbetonkern sorgt für Stabilität, beherbergt alle vertikalen Installationen und bildet einen Void, der eine natürliche Querlüftung vom Erdgeschoss bis zum Dachfenster ermöglicht. Das überhohe Wohnzimmer mit gegenüberliegenden Fenstern unterstützt die Durchströmung und fördert die passive Sommerkühlung.

Die hinterlüftete Deckleistenschalung und grosszügige Dachüberstände schützen das Holz und erhöhen die Langlebigkeit. Sorgfältig platzierte Fenster optimieren den passiven Solarertrag, während Photovoltaik, Erdsonden-Wärmepumpe und Sommer-Free-Cooling den Energiebedarf minimieren und eine nahezu vollständige Energieautarkie ermöglichen.

Im Innenraum setzt sich die konsequente Materialität fort: Sichtbare Fichtenplatten werden ohne zusätzliche Verkleidungen eingesetzt, Steckdosen und Leuchten sind präzise vorgeplant. Geländer aus feuerverzinktem Flachstahl im Beton ergänzen die reduzierte Materialpalette. Zwei grosszügige Erdgeschossräume öffnen sich über Hebeschiebefenster zum Garten. Im Obergeschoss befinden sich zwei Zimmer und ein Bad, im Dachgeschoss zwei weitere Zimmer, ein Arbeitsraum und ein Ensuite-Bad. Eine präzise Lichtführung bringt Morgenlicht in das zweigeschossige Wohnzimmer und unterstützt die ruhige, minimalistische Atmosphäre.

Das Turmhaus zeigt, dass auch kleine Wohnarchitektur Umweltverantwortung, Bewohnerkomfort und langfristige Anpassungsfähigkeit vereinen kann. Es kombiniert industrielle Präzision, nachhaltige Materialien, natürliche Lüftung, energieeffiziente Systeme sowie flexible, gesunde Räume. Das Haus formuliert ein leises, klares Statement für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, langlebige Materialien und eine zeitgemässe, unaufgeregte Ästhetik.

Was ist das Besondere an der Bauaufgabe?
Die Bauaufgabe «Einfamilienhaus» ist hinsichtlich Landverbrauch, Verdichtung und Nachhaltigkeit per se kontrovers. Das Turmhaus verbindet jedoch ökologische Verantwortung, Komfort und langfristige Anpassungsfähigkeit in einem kompakten, schlanken, dreigeschossigen Baukörper. Die ortsbauliche Setzung, Volumetrie und Öffnungsstrategie minimieren Einblicke, rahmen gezielt Ausblicke, berücksichtigen solare Einträge und ermöglichen eine zukünftige Erweiterung durch ein zweites, identisches Gebäude.

Welche Überlegungen liegen diesem Projekt zugrunde?
Das Gebäude maximiert den Tageslichteintrag und fördert die natürliche Querlüftung über ein überhohes Wohnzimmer sowie einen zentralen, vertikalen Luftraum entlang des Treppenkerns. Die Fassadenöffnungen reagieren differenziert auf Himmelsrichtungen sowie auf Ein- und Ausblicke. Der Energiebedarf wird durch passive Solarstrategien, Photovoltaik und eine Erdsonden-Wärmepumpe reduziert. Gleichzeitig verbindet das Haus präzise Vorfertigung mit einer robusten und langlebigen Materialwahl.

Was war Ihre Inspiration?
Die archetypische Form von Einfamilienhäusern und die Idee, vertraute Elemente mit neuen Proportionen sowie einfachen, rohen Materialien zu kombinieren, inspirierten das Design. Ziel war ein modernes, minimalistisches Zuhause, das den Bewohnern Flexibilität und Lebensqualität bietet und gleichzeitig im Hinblick auf Land- und Energieverbrauch nachhaltig ist.

Welche Rolle hatten Standort und Bestand für den Entwurf?
Die exponierte, dreieckige Parzelle nahe des historischen Dorfkerns prägte Setzung, Orientierung und Fassadengestaltung. Hochwasserschutzvorgaben führten zu einem angehobenen Erdgeschoss, während die gezielte Positionierung der Fenster Ausblicke, Tageslicht und solare Gewinne optimiert.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen das Projekt beeinflusst?
Die Bauherrschaft prägte das Projekt wesentlich: Der Wunsch nach Privatsphäre bei gleichzeitigen Ausblicken, die Option einer späteren Nachverdichtung sowie die Offenheit gegenüber rohen, unveredelten Materialien bestimmten Raumkonzept, Materialwahl und Bauweise.

Wie fügt sich das Gebäude in die Reihe der bisher realisierten Bauten Ihres Büros ein?
Das Turmhaus setzt die Prinzipien unseres Büros fort: klare Formensprache, Materialehrlichkeit, nachhaltige Bauweise und hohe Präzision in Fertigung und Detailplanung. Es zeigt eine einfache, unaufgeregte Erscheinung, die eine grosse räumliche Vielfalt offenbart.

Gab es Richtungsänderungen vom ersten Entwurf bis zum fertigen Gebäude?
Zu Beginn wurden ein- und zweigeschossige Varianten untersucht. Im weiteren Planungsverlauf entstand der Wunsch, künftig ein zweites Haus auf dem Grundstück realisieren zu können. Dies führte zu einem schlanken, dreigeschossigen Baukörper und einer Fassadengestaltung, die ein identisches Gebäude auf der südlichen Parzellenhälfte ermöglicht.

Haben aktuelle energetische oder konstruktive Trends das Projekt beeinflusst?
Ja, Präfabrikation, energieeffiziente Bauweise, natürliche Lüftung und erneuerbare Energien wie Photovoltaik und Erdwärme wurden gezielt eingesetzt, um ökologisch und technisch zukunftsfähig zu bauen.

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg Ihres Bauwerks beigetragen?
Die vorgefertigten Fichtenholzplatten für Wände, Decken und Böden waren zentral: Sie ermöglichten eine schnelle Montage, minimierten Bauabfall, reduzierten graue Energie und machten zusätzliche Oberflächen überflüssig. Ergänzend prägt der zentrale Sichtbetonkern – der Erschliessung, Technik, Kamin und Wäscheabwurf integriert – den räumlichen Charakter wesentlich.

Das Projekt von kit | architects roman loretan / andreas schelling / gianet traxl wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.

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