Risse im Wasserschloss
Der Sommer 2026 hat die Vorstellung erschüttert, die Schweiz verfüge über Wasser im Überfluss. Paola Viganò und ihr Team machen diese vermeintliche Gewissheit zum Ausgangspunkt der Präsentation im Schweizer Pavillon an der Architekturbiennale Venedig 2027. Ihr Beitrag «Ich bin Wasser» fragt, wie sich Räume gestalten lassen, wenn Wasser nicht länger nur als verfügbare Ressource betrachtet wird.

Etienne Schillers, Maria Medushevskaya, Loan Laurent, Paola Viganò, Alessio Tamiazzo und Marie Velardi in Venedig | Foto: Samuele Cherubini
Der Sommer 2026 war in der Schweiz der heisseste seit Messbeginn. Wenig Schnee im vorangegangenen Winter, unterdurchschnittliche Niederschläge seit dem Frühjahr und mehrere Hitzewellen liessen Böden austrocknen und Gewässerstände sinken. Im Juli erreichten zahlreiche Flüsse rekordtiefe Werte; auch die Landwirtschaft litt unter der Trockenheit. Die Berge konnten die Wasserdefizite nur begrenzt ausgleichen, weil die Schneeschmelze schwach ausfiel. Was für uns Menschen unbequem ist, ist für unzählige Lebewesen tödlich: Laut Schweizerischem Fischereiverband verendeten im Sommer 2026 schweizweit schätzungsweise Millionen Fische, Krebse und Wasserinsekten. Das Bild vom Wasserschloss wird damit nicht komplett demontiert – die Schweiz bleibt Quellgebiet grosser europäischer Flüsse –, aber wir müssen erkennen, dass es wesentlich fragiler ist, als uns bewusst war. Es verdeckt, wie abhängig auch die Schweiz von Schnee, Niederschlag und intakten Gewässern und einem hohen Grundwasserspiegel ist.

Konzeptskizzen | StudioPaolaViganò
Wasser ist mehr als eine Ressource
Bereits im Februar 2026, also noch vor diesem Hitzesommer, hatte Pro Helvetia bekannt gegeben, dass Paola Viganò mit dem StudioPaolaViganò und einem interdisziplinären Team den Schweizer Pavillon an der 20. Architekturbiennale Venedig bespielen wird. Die Ausstellung trägt den Titel «Ich bin Wasser». Sie nimmt das Narrativ der Schweiz als Wasserschloss Europas auf, um es zu hinterfragen: Wasser soll nicht allein als nutzbarer Vorrat erscheinen, sondern auch als Rechtssubjekt und als Kraft, die Landschaften und Lebensräume formt. Nach dem Sommer 2026 liest sich diese Ankündigung dringlicher als zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung.
Im Zentrum des geplanten Beitrags steht eine performative Installation. Die Ausstellung soll sich wie ein räumlicher und thematischer Fluss entfalten: von schwindenden Gletschern über Staudämme und verborgene oder verschüttete Wasserläufe bis zu sauerstoffarmen Seen und städtischem Regenwasser. Künstlerische Interventionen und Entwurfsfragen treffen dabei auf Ökologie, Wissenschaft, Politik und Recht. Wasser ist in diesem Konzept nicht bloss Ausstellungsgegenstand. Es verbindet Orte und Massstäbe, die im Planungsalltag häufig getrennt behandelt werden. Zum Team gehören neben Viganòs Studio Paolo Benettin von der Universität Lausanne, Loan Laurent vom Habitat Research Center der EPFL und die Künstlerin Marie Velardi; das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit ESTIA.

Ausstellungskonzept für die Ausstellung «Je suis eau» | Axonometrie: StudioPaolaViganò
Das grosse Ganze sehen
Die Architekturbiennale 2027 hat das Leitthema «Do Architecture. For the Possibility of Coexistence Facing a Real Reality». Ihre Kuratoren Wang Shu und Lu Wenyu fordern eine Architektur, die sich konkreten Orten und Bedingungen zuwendet. Sie fragen unter anderem, wie menschlicher Siedlungsraum und Natur im Angesicht des Klimawandels neben- oder miteinander existieren können und wie sich vermeintliche Gegensätze – etwa zwischen städtischen und ländlichen Interessen – bearbeiten lassen. Architektur, so ihr Ansatz, soll nicht nur diskutiert, sondern praktiziert werden.
Darauf scheint der Schweizer Beitrag sehr gut zu antworten. Die Perspektive des Wassers macht sichtbar, dass ein Ort nie für sich allein geplant werden kann. Was als Schneereserve in den Alpen fehlt, kann später in einem Bachbett, auf einem Feld oder in einem See spürbar werden. Was in einer Stadt als Regenwasser möglichst rasch abgeleitet wird, fehlt womöglich dem Boden.«Koexistenz» meint unter diesen Bedingungen mehr als ein friedliches Nebeneinander von Mensch und Natur. Sie verlangt, konkurrierende Ansprüche an Wasser räumlich und politisch auszuhandeln – zwischen Siedlung und Landwirtschaft, Energiegewinnung und Ökosystem, Oberlauf und Unterlauf. Das ist die mögliche architektonische Tragweite von Viganòs Frage, was geschieht, wenn Wasser selbst eine Perspektive erhält.
Die Architekturbiennale Venedig findet vom 8. Mai bis 21. November 2027 statt.