Friedhof Uetliberg
8055 Zürich,
Schweiz
Veröffentlicht am 16. April 2026
Medine Altiok Architektur
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Kontext und Bedeutung der Anlage
Der Friedhof Uetliberg in Zürich wurde 1972 nach einem Entwurf von Werner Gantenbein realisiert. Die Anlage umfasst vier solitäre Baukörper – eine Abdankungshalle, ein Aufbahrungsgebäude, ein Dienstgebäude sowie ein Wohnhaus –, die in enger Beziehung zur topografisch geprägten Landschaft stehen. Es handelt sich um einen beispielhaften und gut erhaltenen bautypologischen Vertreter einer Friedhofsanlage der Nachkriegsmoderne, dessen Qualitäten auf eine bedeutende architektur- und sozialhistorische Stellung verweisen. Auch die von Ernst Baumann gestaltete Gartenanlage ist im kommunalen Inventar schützenswerter Gärten und Anlagen aufgeführt. Im Zuge der Instandsetzung wurden die Gebäude als Teil dieses Ensembles behandelt und sollen künftig ebenfalls in das Inventar schützenswerter Bauten aufgenommen werden.
Räumliche Organisation und architektonische Haltung
Die Gebäude sind entlang des Hangs differenziert erschlossen und von verschiedenen Ebenen zugänglich. Der Hauptzugang befindet sich auf der nordwestlichen Seite am Borrweg. Von dort führt ein breit angelegter Weg zur leicht erhöht gelegenen Abdankungshalle, die den räumlichen Schwerpunkt der Anlage bildet. Architektur, Landschaft und Erschliessung sind dabei eng miteinander verknüpft und werden als zusammenhängendes Gefüge verstanden.
Die Anlage zeichnet sich durch eine zurückhaltende architektonische Haltung aus. Fliessende Wandbewegungen führen Licht und Landschaft in die Innenräume. Die Materialisierung ist einfach und klar: weisser Putz, Sichtbetonstützen und Holz prägen die Räume und ihre Wirkung. Der grobkörnige Kellenwurfputz modelliert das Licht und verleiht den Oberflächen eine spürbare Tiefe, während dunkle Holzdecken einen ruhigen Kontrast setzen und den Innenraum in den Aussenraum weiterführen. Die Atmosphäre entsteht aus dieser Reduktion und aus der Sorgfalt im Detail – insbesondere die Oberflächen werden als zentrale Träger dieser Wirkung verstanden.
Instandsetzung als Weiterbauen im Bestand
Nach rund 50 Jahren wurden die Bauten im laufenden Betrieb und in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege für weitere 30 Jahre instandgesetzt. Die Bauaufgabe lag dabei in der behutsamen Erneuerung eines sensiblen Ensembles unter denkmalpflegerischer Begleitung. Ziel war es, technische und funktionale Anforderungen umzusetzen und gleichzeitig die räumliche und atmosphärische Qualität vollständig zu erhalten.
Der Entwurf folgt konsequent dem Prinzip des Weiterbauens im Bestand. Die bestehende Architektur wurde nicht verändert, sondern durch präzise Eingriffe weitergeführt. Erhalt, Reparatur und gezielte Ergänzung bilden die Grundlage. Bestehende Oberflächen wurden instandgesetzt oder, wo notwendig, ersetzt. Konstruktion und Materialität bleiben ablesbar und werden in ihrer Wirkung gestärkt. Eingriffe erfolgen punktuell und orientieren sich an den vorhandenen räumlichen Qualitäten. Die Inspiration liegt dabei im Bestand selbst – in seiner Lichtführung, Materialität und räumlichen Klarheit –, wobei die enge Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege zu einer weiteren Präzisierung und Reduktion der Eingriffe führte.
Funktionale Anpassungen und Nutzung
Neben der baulichen und technischen Erneuerung wurden einzelne Räume an veränderte Nutzungsanforderungen angepasst. Im Aufbahrungsgebäude wird darauf reagiert, dass Aufbahrungen seltener geworden sind: Die Anzahl der Räume im Obergeschoss wurde reduziert. Zwei Räume bleiben bestehen und werden zu einem unterteilbaren Aufbahrungsraum zusammengeführt, während die übrigen Flächen in Büros sowie ein Sitzungszimmer mit Küche umgewandelt werden. Die Anforderungen an einen funktionierenden Betrieb und eine langfristige Nutzung führten insgesamt zu robusten und zurückhaltenden Lösungen.
Technische und energetische Erneuerung
Die Gebäude wurden umfassend energetisch und technisch ertüchtigt. Fassaden und Dächer wurden gedämmt und verputzt, mit Ausnahme der Fassade der Abdankungshalle, deren Putz aus denkmalpflegerischen Gründen erhalten und instandgesetzt wurde. Fenster, Türen und Oberlichter wurden ersetzt, ebenso die haustechnischen Anlagen für Heizung, Lüftung, Elektro und Sanitär vollständig erneuert. Zudem wurde die Anlage barrierefrei erschlossen. Sämtliche Massnahmen sind so in die bestehende Struktur integriert, dass die architektonische Erscheinung und die räumliche Wirkung unverändert bleiben.
Atmosphäre und Kontinuität
Die Instandsetzung versteht sich als sorgfältige Weiterführung der vorhandenen Architektur. Die Schlichtheit der Gebäude und ihre charakteristischen Details bleiben erhalten und werden präzisiert. Die Atmosphäre der Anlage – ihre Ruhe und räumliche Klarheit – bildet sowohl Ausgangspunkt als auch Ziel des Projekts. Die Materialität der Oberflächen wird dabei bewusst als ihr zentraler Träger verstanden.
Das Projekt wurde von Medine Altiok Architektur für den Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jørg Himmelreich publiziert.