Neubau Bezirksgericht Lenzburg
5600 Lenzburg,
Schweiz
Veröffentlicht am 01. April 2026
Herzog Architekten AG + am-architektur gmbh
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Städtebauliche Ausgangslage und Einordnung
Die städtebauliche Ausgangslage für das neue Bezirksgericht Lenzburg war geprägt vom zufälligen Aufeinandertreffen unterschiedlicher Bebauungsstrukturen und Infrastrukturbauten: Im Süden begrenzt der Erlenguttunnel das Baufeld, im Norden trennt ein hoher Bahndamm das Areal vom angrenzenden Quartier. Zudem erschwerte der sprunghafte Terrainverlauf aufgrund des Trafogebäudes eine Anbindung des Marktmattenquartiers an das Niveau des Freiämterplatzes. Der Gerichtsneubau mit seiner fünfeckigen Gebäudeform reagiert auf diese anspruchsvolle Situation mit einer eigenständigen und zugleich integrierenden Haltung. Als Solitär vermittelt das Gebäude zwischen den umliegenden städtebaulichen Strukturen, schliesst das Marktmattenquartier nach Osten hin ab und stärkt den Freiämterplatz. In Kombination mit dem bestehenden Geschäftshaus «Malaga» und dem benachbarten Erlengut entsteht ein neues bauliches Gefüge. Durch das leichte Abdrehen der Eingangsfassade vom Malagarain entsteht ein Vorbereich auf Strassenniveau, der die Adresse des Gerichts bildet. Der angrenzende, neugestaltete Park verbindet den Neubau mit dem Marktmattenquartier und bildet einen wertvollen öffentlichen Freiraum der Stadt Lenzburg.
Freiraum und historischer Kontext
Bei der Freiraumgestaltung wurde nicht nur auf die topografischen Gegebenheiten Bezug genommen, sondern auch die historische Bedeutung des Ortes aufgegriffen. Der kleine Tunnel durch den Bahndamm, der ursprünglich als Wegverbindung diente und später Teil des Seetalbahn-Astes zwischen der Spitzkehre Lenzburg und Wildegg war, zeugt von der industriellen Infrastrukturgeschichte. Auch nach der Stilllegung im Jahr 1984 und dem Abbruch des Bahnabschnitts im Jahr 2005 ist der Tunnel als Fuss- und Radweg ein bedeutendes Verbindungsglied zwischen der Altstadt und dem Entwicklungsgebiet Aabach Nord. Der von der Stadt Lenzburg umgesetzte Park bietet einen kulturellen sowie erinnerungsgeschichtlichen Mehrwert und verbindet das Gericht mit der Stadt.
Nutzungskonzept und räumliche Umsetzung
Die Nutzungsverteilung folgt einem einfachen Prinzip und ermöglicht eine einfache Umsetzung des Sicherheitskonzepts: Die Verhandlungsräume mit Zugang für die Öffentlichkeit befinden sich im Erdgeschoss, die Arbeitsplätze der Mitarbeitenden sind in den beiden darüberliegenden Obergeschossen untergebracht. Der massive, mittige Betonkern bildet das Rückgrat des Gebäudes. Um ihn herum liegt eine umlaufende Raumschicht aus Holz mit gleichbleibender Raumtiefe für Büros. Die Erschliessung auf den Geschossen erfolgt als ringförmiger Rundgang um den Betonkern. Dieses Prinzip unterstützt die Orientierung und sorgt für Grosszügigkeit. Der Korridor im Erdgeschoss weitet sich an drei Stellen bis an die Fassade und schafft Platz für den Haupteingang sowie für die beiden Wartebereiche vor den Gerichtssälen. Vom Haupteingang aus sind alle Zugänge zu den Verhandlungsräumen direkt einsehbar. Dies gewährleistet eine intuitive Orientierung und einfache Wegeführung für Besucher*innen. Die ringförmige Erschliessung im Erdgeschoss ermöglicht es den beteiligten Parteien, getrennte Wege zu gehen. Der grosse Gerichtssaal liegt im Betonkern und verfügt über ein doppelgeschossiges Raumvolumen mit Zenitallicht. Seine einzigartige Raumgeometrie und die Materialisierung verleihen ihm grosse Ruhe und Konzentration und schaffen einen würdigen Rahmen für Gerichtsverhandlungen. Die übrigen Verhandlungsräume liegen an den Fassaden, sind im Gegensatz zum grossen Gerichtssaal neutral und flexibel möblierbar und bieten mit dem Bezug nach aussen eine Alternative zum grossen Gerichtssaal. Über interne Treppen hat das Gerichtspersonal direkten Zugang zu den Verhandlungsräumen aus den gesicherten Obergeschossen. Die beiden Stahltreppen öffnen sich im ersten Obergeschoss zum Korridor hin und führen als Treppenskulptur weiter ins zweite Obergeschoss. Diese interne Erschliessung und die dazugehörigen doppelgeschossigen Korridorausweitungen verbinden die beiden Geschosse für Mitarbeitende ohne Zonenwechsel. Sie bringen Tageslicht in die Korridore, fördern den Austausch und bieten einen räumlichen Ausgleich zu den Einzelbüros. Die Tiefgarage ist direkt und einfach vom Malagaweg aus zu erreichen. Eine interne Rampe führt weiter zum tiefer gelegenen Trafovorbereich. Durch die Integration der Erschliessung des bestehenden Trafos ist der darüber liegende Vorplatz an den Strassenraum angebunden.
Material und Ausdruck
Das neue Bezirksgericht Lenzburg lebt von den beiden Materialien Holz und Beton sowie ihren jeweiligen Qualitäten und Möglichkeiten. Ein massiver, zweigeschossiger Betonsockel trägt und schützt das darüber liegende, feingliedrige dreigeschossige Holzgebäude. Im Inneren umhüllt eine filigrane Holzkonstruktion den massiven Betonkern. Im Betonkern selbst taucht das Holz als raumbildende Verkleidung wieder auf. Dank der präzisen Fügung und der sorgfältigen Detaillierung sind aus den alltäglichen Baustoffen Fichtenholz und Ortbeton ein Gesamtwerk entstanden, das eine robuste Wertigkeit ausstrahlt und die Bedeutung der Institution angemessen widerspiegelt. Die umlaufende Fassade bildet die innere Organisation des Hauses ab: Das öffentlich zugängliche Erdgeschoss hebt sich gestalterisch vom zusammengefassten Obergeschossbereich ab, ohne die formale Einheit des Gebäudes zu verlieren. Die differenzierte Anordnung der vertikalen Lisenen und der flächigen Holzverkleidung schafft ein tektonisches Bild und verbindet Sockel, Holzfassade und Dach miteinander. Der umlaufende Sockel nimmt die bewegte Topografie auf und öffnet sich am höchsten Punkt zum Haupteingang. Über dem Eingang entfaltet das allseitig auskragende Dach eine doppelte Ausladung. Dadurch entsteht ein identitätsstiftender Ort mit hoher Wiedererkennbarkeit und klarer Adressierung für das Gericht.
Die Herausforderung bestand darin, ein repräsentatives Holzgebäude in einer von Topografie, Infrastrukturbauten und starkem Verkehr geprägten Umgebung zu errichten – ein Bauwerk, das sich harmonisch einfügt und zugleich selbstbewusst auftritt. Das Herzstück bildet der grosse, doppelgeschossige Gerichtssaal im polygonalen Betonkern. Seine fünfeckige, achsensymmetrische Grundrissform ergibt sich aus der Parzelle und der Nachbarschaft. Durch den runden Luftraum und das Zenitallicht entsteht eine Atmosphäre von Konzentration, Ernsthaftigkeit und Klarheit – Qualitäten, die dem Charakter einer Gerichtsverhandlung entsprechen und einen würdigen Rahmen schaffen.
Das Projekt von Herzog Architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.