Siedlung Chäsimatt, Risch-Rotkreuz

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6343 Risch-Rotkreuz,
Schweiz

Veröffentlicht am 24. Februar 2026
AM Architects GmbH

Um den Bewohner*innen die Identifikation möglichst leicht zu machen, wurden die beiden Blockränder in 14 individuell gestaltete Einheiten mit eigenen Eingängen, Fassaden und variierenden Höhen unterteilt. Aussen zeigt sich die Siedlung in warmem Rot, in den Höfen in gebrochenen Weisstönen. Neben den Ateliers gibt  es zahlreiche gewerbliche Nutzungen aus den Bereichen Gastronomie, Detailhandel, Gesundheit und Beauty sowie ein Hotel. Neben den Wohnungseingängen gibt es kleine Nischen, welche die Mietenden individuell schmücken können. Zusätzlich stehen gemeinschaftlich genutzte Räume zur Verfügung, darunter Arbeitsplätze, eine Kita und Aussenbereiche für gemeinschaftliche Aktivitäten. Neben der grossen Freitreppe, die vom Chäsiplatz mit der ehemaligen Käserei in  die Höfe führt, liegt ein grosszügiger Grillpavillon. Das Projekt umfasst 126 vielfältige Wohnungen, darunter Alters- und Familienwohnungen  sowie Studios.

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Chäsimatt 10, 6343 Risch-Rotkreuz, Schweiz
Projektkategorie
Gebäudeart
Fertigstellung
01.2025
Links

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
6 bis 10
Anzahl Kellergeschosse
2
Geschossfläche
42'742 m²
Gebäudevolumen
141'683 m³

Beschreibung

AM Architects zeigen mit der Chäsimatt in Rotkreuz, dass Wohnsiedlungen mehr sein können als funktionale Cluster von Neubauten. Ihre Siedlung präsentiert sich mit vielfältigen Nutzungen, abwechslungsreichen Grundrissen und zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen. Auch architektonisch ist das Projekt reichhaltig: Arkaden, zahlreiche Bezüge zur Baugeschichte und eine ansprechende Materialisierung verleihen dem Ensemble gleich auf mehreren Ebenen eine inspirierende Dichte. So wurde dem Agglomerationsort ein Stück Stadt eingefügt, das als gutes Beispiel für den zeitgenössischen Siedlungsbau hell leuchtet.

In boomenden Agglomerationsgemeinden wie Regensdorf, Rennens oder Rotkreuz dominieren heute Neubauquartiere, die meist ohne Bezug zum städtebaulichen Umfeld stehen. Dort leben Zugezogene oft isoliert, denn die anonymen Wohnquartiere werden seit Jahrzehnten fast durchwegs ohne soziale Infrastrukturen wie Geschäfte, Cafés oder kulturelle Treffpunkte errichtet; tägliche Bedürfnisse – vom Einkauf bis zur Fitness – erledigen sie auf dem Heimweg von der Arbeit und für den Ausgang fahren sie in die Stadt. Alternativen gibt es nur wenige: im Grossraum Zürich etwa die Glasi in Bülach, das Zwicky-Areal in Dübendorf oder das Richti-Quartier in Wallisellen. Eine städtebauliche Intervention wie in den eben erwähnten Siedlungen von Duplex Architekten, Tomaso Zanoni oder Vittorio Magnago Lampugnani, die auf «einer starken Durchmischung verschiedener Primärnutzungen» basiert, wünschte sich vor zehn Jahren auch die Rotkreuzhof Immobilien AG (RIAG) für ihr 1,5 Hektaren grosses Chäsimatt-Areal im Herzen von Rotkreuz. Der Hauptort der heute gut 12'000 Einwohner zählenden Zuger Agglomerationsgemeinde Risch-Rotkreuz war über die Jahrzehnte chaotisch rund um den 1864 an der Linie Zürich-Luzern errichteten Bahnhof gewachsen. Das Dorf verwandelte sich in einen heterogenen Industriestandort und schliesslich in ein Pharmazeutik- und Dienstleistungszentrum, das in den letzten 20 Jahren seine Einwohnerzahl verdoppelte. In der Folge entstand ein unstrukturierter Siedlungsbrei, der vom Gewinnstreben der Investoren getrieben wurde.

Von Wiesen zum Siedlungsraum
Ins Blickfeld der Architekturinteressierten gelangte Rotkreuz erst mit dem 2005 von Scheitlin Syfrig Architekten konzipierten Roche-Campus und dem seit 2010 nördlich der Bahnlinie entstandenen Suurstoffi-Quartier. Seitdem gelten der Roche-Turm von Burckhardt + Partner und das nach dem Vorbild von Stefano Boeris Mailänder Bosco Vertikale begrünte Doppelhochaus Aglaya von Ramser Schmid Architekten als Wahrzeichen von Rotkreuz. Erneut Schlagzeilen machte der Ort im Sommer 2025 mit zwei ambitionierten Neubauprojekten beim Bahnhof, die den Dorfmattplatz bis 2030 zum grossstädtisch anmutenden Mittelpunkt von Rotkreuz machen dürften. Geplant ist ein neues Bahnhofsgebäude von Michael Meier und Marius Hug, das aus einem 22-geschossigen Hochhaus und zwei seitlichen Flügelbauten mit SBB-Dienstleistungen, Büroflächen und rund 130 Wohnungen bestehen soll. Weitere 60 Wohnungen werden im dereinst den Platz ostseitig abschliessenden, von op-arch aus Zürich entworfenen Gemeindezentrum mit öffentlichem Sockelbau und Scheibenhochhaus entstehen.

Stadtbaustein
Dass Rotkreuz um ein neues Selbstverständnis ringt, zeigt sich auch auf der Bahnhof-Nordseite. Dort wurde unter Federführung von AMA im letzten Jahr die Chäsimatt-Siedlung fertiggestellt. Das Büro stellt mit ihr sein Interesse an nachhaltigem Bauen und sorgfältigen Detaillösungen zur Schau.
Diese Eigenschaften bestimmten bereits eine erste gemeinsame Arbeit der beiden Büroleiter*innen – einen aus rezykliertem Baumaterial und einem eleganten, skulpturalen Stahldach komponierten Unterstand für Abfallcontainer, den die vierzigjährige Neuseeländerin Ji Min An mit südkoreanischen Wurzeln und ihr gleichaltriger Innerschweizer Partner Philippe Müller noch während ihrer Zeit im legendären Studio Mumbai von Bijoy Jain entworfen haben. Kurz nach ihrem Umzug in die Schweiz konnten sie die Fassaden von drei 1970er-Jahre-Hochhäusern an der Berchtwilerstras­se in Rotkreuz sanieren, deren zeittypisch nüchternes Erscheinungsbild sie mit grossen Balkonanbauten und roten Wandflächen subtil hervorgehoben haben, ohne dass die Bewohnerschaft aufgrund der Interventionen die Wohnungen verlassen musste oder die Mieten erhöht wurden.
Der in dieser Sanierung zum Ausdruck gekommene Sinn für die sozialen Aspekte der Architektur, aber auch für Nachhaltigkeit, Baumaterialien und Details prägt auch die Chäsimatt-Siedlung, die AMA zwischen 2017 und 2025 auf einem dreieckigen Landstück zwischen der Chamerstrasse und dem Bahnhof Rotkreuz verwirklicht hat. Den Anstoss zu diesem Siedlungsprojekt gab das Detailhandelsunternehmen Landi, das sein Lebensmittelgeschäft in der ehemaligen Käserei, einem über 100 Jahre alten Backsteinbau, vergrössern wollte. Sie schlug der RIAG, der die benachbarte, landwirtschaftlich genutzte Chäsimatt gehört, die Erarbeitung eines gemeinsamen Projekts vor. Die RIAG übernahm daraufhin die Führung. Basierend auf einer Machbarkeitsstudie des Büros AMA liess sie das städtebauliche Potential des Areals eruieren. Mit dieser Aufgabe betraut wurden mehrere Planungsbüros, darunter Helsinkizurich und Hosoya Schaefer aus Zürich.

Retrolook
Am meisten überzeugen konnte der Vorschlag des Büros Helsinkizurich, das – um eine einzige Grossform zu vermeiden – eine mittige Durchquerung des zu den Gleisen abfallenden Grundstücks vorschlug. Auf diesen Verbindungsweg sollten sich zwei kompakte – ein Kondensat der umgebenden Siedlungsstrukturen darstellende – Hofrandbebauungen öffnen, bestehend aus aneinandergereihten Häusern. Diese Konstellation erlaubte es, trotz der lärmbelasteten Situation zwischen der vielbefahrenen Chamerstrasse und den starkfrequentierten Bahnlinien ruhige, nach innen abgeschirmten Wohnungen zu bauen. Gleichzeitig sollten die identitätsstiftenden Bestandsbauten der ehemaligen Käserei und des Hotels «Bauernhof» an der Südostecke des Areals erhalten bleiben und zusammen mit den Neubauten einen durch Restaurants und Ladengeschäften belebten Platz schaffen.
Den vielleicht von Lampugnanis Richti-Areal und der Zürcher Kalkbreiteüberbauung von Müller Sigrist Architekten inspirierte städtebauliche Entwurf, der sich als Antithese zu den typischen, aus Zeilenbauten oder Punkthäusern bestehenden Schweizer Wohnsiedlungen erwies, wurde daraufhin von AMA weiterbearbeitet. Es realisierte zwei grosse Blockrandbauten, bestehend aus insgesamt 14 Flachdachhäusern unterschiedlicher Höhe mit eigenen Eingängen sowie unverwechselbaren Aussen- und Hoffassaden, die es den Bewohnenden leicht machen, sich mit den jeweiligen Häusern zu identifizieren. Wie von Helsinkizurich vorgeschlagen, teilte AMA den Aussenraum auf in zwei halbprivate Innenhöfe, die über ein Foyer erschlossen werden, und in den tieferliegenden Chäsiplatz, der sich zwischen den Altbauten und den Arkaden des östlichen Neubaus ausdehnt.
Die Arkaden, deren Decken von der dänischen Künstlerin Malene Bach farblich gestaltet wurden, erinnern an die metaphysischen Stadtdarstellungen von Giorgio de Chirico oder Aldo Rossi. Es fehlt nur noch die Skulptur einer Liegenden von Hans Josephsohn am oberen Ende der zum Foyer hinaufführenden Freitreppe, um das Bild perfekt zu machen. Gegenüber architektonischer Tradition und Geschichte scheint das Büro AMA also keine Berührungsängste zu haben. Das beweist es auch mit der Wahl des rostroten Klinkers für die zweischaligen Aussenfassaden, welcher der Chäsimatt eine einheitliche, gravitätische, mitunter sogar burgartig trutzige Plastizität verleiht. Was man modisch als Retrolook bezeichnen könnte, ist letztlich eine Hommage an die ehemalige Käserei, den ältesten Bau auf dem Gelände. Gleichzeitig ist der Klinker aber auch ein nachhaltiges Baumaterial. Er mag das Bauen verteuern, ist dafür jedoch langlebig und pflegeleicht – zwei entscheidende Eigenschaften in einer durch Bahnstaub und Reifenabrieb belasteten Lage. Schliesslich ermöglichte der Stein die reliefartige Profilierung der Wandflächen mit Lisenen, Fensterumrahmungen und Gesimsen, die auf einem vom Akustikerduo Inès & Fabian Neuhaus aus Basel entwickelten Konzept für die schalltechnische Gestaltung der Fassaden basiert.

Präzision und Detailreichtum
Dem formalen Reichtum der nach aussen rot, nach innen aber weissgrau gehaltenen Fassaden entspricht eine Vielzahl unterschiedlicher Wohnungen. Diese erreicht man vom baumbestandenen Chäsiplatz – dem eine ehemalige, zum Festpavillon transformierte Tankstelle etwas Theatralisches und Fröhliches verleiht – durch Eingänge unter den Arkaden oder über eine breite Freitreppe. Sie führt hinauf zum Foyer, einem langgestreckten, vom Grillpavillon und dem multifunktionalen Chäsisaal gerahmten Platz. Von dort aus gelangt man auf gekurvten, von Hecken und Staudengärten begrenzten Wegen zu den Hauseingängen in den beiden Innenhöfen, aber auch hinunter in die nach dem Konzept von Malene Bach farbig bemalten Velogaragen. Die Künstlerin bestimmte auch die Farbgebung der Leuchten und Geländer in den Treppenhäusern sowie der Wohnungstüren, neben denen die Architekt*innen kleine Nischen schufen, welche die Mietenden individuell mit Objekten schmücken können. Allenthalben spürt man, dass sich eine möglichst breite Mieterschaft in der Siedlung zu Hause fühlen soll. Unter den 126 Wohnungen – die sich immer wieder durch andere Grundrisse, Materialien und Details auszeichnen – finden sich neben zahlreichen Studios hauptsächlich 1,5- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen, ausserdem vierzehn 5,5-Zimmer-Wohnungen und neun Alterswohnungen mit zusätzlichen Gemeinschaftsräumen. Während die Mehrzahl der Wohnungen vergleichsweise günstig ist – eine 3,5-Zimmer-Wohnung kostet beispielsweise ab CHF 2000 pro Monat – verlangt man für die Maisonette- und Attikawohnungen annähernd für den Kanton Zug übliche Preise.
Nicht zum Wohnen gedacht sind die elf Ateliers, die entlang dem Fussweg zum Naturschutzgebiet Binzmühleweiher für Abwechslung sorgen. Sie bieten attraktive Räumlichkeiten für Kunstschaffende, Schneider- oder andere Handwerker*innen, aber auch für ein Blumengeschäft und sogar für eine Brauerei. Bei Spaziergängern aus Rotkreuz ist dieser Weg genauso beliebt wie bei den Hundehalter*innen der Chäsimatt, die ihre Tiere vor dem Betreten der Wohnung säubern können. Der Hundewaschraum ist nicht die einzige Extraleistung der Chäsimatt. Neben dem bereits erwähnten Mehrzwecksaal und dem Grillpavillon fördern noch andere Gemeinschaftsangebote das nachbarliche Zusammenleben: etwa ein Postraum, in dem sich die Briefkästen aller Wohnungen befinden, aber auch eine Bi-bliothek, ein Co-Working-Space, eine Kita, der Dachgarten mit Mini-Schrebergärten in Form von Hochbeeten oder der Weinkeller.
Möglichkeiten zu spontanen Begegnungen eröffnen sich zudem in den auch von vielen Auswärtigen genutzten Geschäften und Restaurants unter den ostseitigen Arkaden sowie entlang der Chamerstrasse. Dank kurzer Eingangsfronten folgen die durchwegs zweigeschossigen Lokalitäten in schneller Abfolge aufeinander und offerieren so auf kleinstem Raum ein vielfältiges Angebot. Es umfasst neben Café, Bar, Restaurants und dem Self-Check-in-Hotel «Brix» auch Geschäfte sowie einen 24-Stunden-Shop, einen Fahrradladen, einen Coiffeursalon und ein Nagelstudio. Wichtigste Mieterin ist aber die aus den Arkaden wie aus der Tiefgarage zugängliche Landi, die hier ihr erstes grosses innerstädtisches Geschäft mit Lebensmitteln, Haushalt- und Do-it-yourself-Artikeln eröffnet hat. Ihre räumliche Attraktion ist ein grosszügiger unbeheizter Verkaufsraum für Gartenzubehör und Pflanzen, der – im Sockel des westlichen Blockrandkomplexes gelegen – durch vergitterte, aber unverglaste Arkaden auf die ältesten Häuser von Rotkreuz blickt.

Lebendiges Quartier
Dieser unbeheizte Verkaufsraum zeugt vom ökologischen Bewusstsein des Büros AMA – genauso wie die Photovoltaikanlagen auf den Flachdächern, die Erdsonden und die Heisswassergewinnung durch Wärmeentzug des Abwassers. Es ist aber nicht die Ökologie, welche die Chäsimatt zu einer aussergewöhnlichen Wohnsiedlung macht, sondern die überzeugenden Bemühungen, sie so lebendig wie möglich zu halten. Umso mehr erstaunt es, dass sie nicht von einer Genossenschaft realisiert wurde, sondern von einer lokalen Immobiliengesellschaft, die bereit war, die Geschäftsräume und Ateliers im Parterre zugunsten einer optimalen Durchmischung der Chäsimatt zu bescheidenen Mieten abzugeben.
So wird die Siedlung zum Modell für eine sozial verdichtete Nachbarschaft, die sich als Kern eines neuen grösseren Stadtquartiers eignen würde. Doch leider wurden bereits alle Nachbargrundstücke meist recht fantasielos bebaut. Durchstreift man sie, denkt man unweigerlich, dass sich mehr neue Siedlungen an der Haltung der Archi­tekt*innen und dem Beispiel Chäsimatt orientieren sollten.

Der Text wurde von Roman Hollenstein für das Swiss Arc Mag 2026–2 verfasst. Er wurde von Dane Tritz publiziert. 

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